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Wahlkampf im Netz AfD-Funktionär an Troll-Attacken beteiligt

Stand: 01.03.2018 16:29 Uhr

In dem Troll-Netzwerk "Reconquista Germanica" waren im Wahlkampf Tausende Personen registriert - darunter auch Mitglieder der AfD. Der Gründer des Netzwerks behauptet zudem, er habe russische Hilfe erhalten.

Von Patrick Stegemann und Sören Musyal, funk, Diana Kulozik, Lisa Wandt und Markus Pohl, Kontraste, und Patrick Gensing, tagesschau.de

AfD-Mitglieder waren an dem Trollnetzwerk "Reconquista Germanica" beteiligt. Das zeigen ARD-Recherchen. So ist es dem Politikmagazin Kontraste sowie einem Rechercheteam im Auftrag von funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, gelungen, mit zentralen Figuren des Netzwerks zu sprechen.

So war nach Kontraste-Recherchen Bodo S. von der AfD im bayerischen Garching in dem Netzwerk aktiv. Dem Politikmagazin liegen entsprechende Screenshots vor.

In einem vorliegenden Leak des Reconquista-Servers war auch ein Yannick vom Arcadi-Magazin als "VIP der Heeresgruppe West" eingeloggt. Leitender Redakteur des neurechten Arcadi-Magazins ist Yannick Noé, Kreisvorsitzender der AfD in Leverkusen. Von seinem Anwalt ließ Noé gegenüber Kontraste ausrichten, er sei tatsächlich bei "Reconquista Germanica" eingeloggt gewesen - aber nur ein einziges Mal, um dort ein Interview zu geben.

Frakionsmitarbeiter beteiligte sich an Troll-Attacken

Organigramm von "Reconquista Germanica" - mit der "Jungen Alternative" als Teil des Netzwerks.

Lars Steinke, Landesvorsitzender der Jungen Alternative in Niedersachsen sowie Mitarbeiter der AfD-Landtagsfraktion in Hannover, räumte im funk-Interview offen ein, in dem Troll-Netzwerk aktiv gewesen zu sein. Ein Organigramm des Servers hatte bereits nahegelegt, dass es Kontakte zur rechtsextremen "Identitären Bewegung" sowie zur AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative" gebe.

Im funk-Interview gibt Steinke seine Mitgliedschaft und Beteiligung zu: "Reconquista Germanica" sei ihm bekannt und er habe sich dort auch an organisierten Shitstorms beteiligt. Gegenüber Kontraste bestritt er aber, Fake-Profile genutzt zu haben.

"Das Sagbare ausweiten"

Zu den Aktivitäten des Troll-Netzwerkes sagte Steinke: "Das sind normale unbescholtene Bürger, die sich da zusammenfinden, um eine Partei zu unterstützen." Gemeint ist damit die AfD. Dabei würden Mittel eingesetzt, "um den Korridor des Sagbaren in eine bestimmte Richtung zu verändern und dementsprechend auch Einfluss auf Wahlergebnisse zu haben". Gegenüber Kontraste sagte Steinke, man versuche Algorithmen bei Twitter oder Facebook auszunutzen, um die Themen der AfD zu platzieren.

Steinke sieht darin "den Wahlkampf der Zukunft" und verweist auf die USA, wo solcherlei Strategien bereits erfolgreich für die Kampagne von Donald Trump genutzt worden seien.

AfD-Fraktion in der Kritik

Für Steinke könnte die Beteiligung am Trollserver heikel sein, denn er ist bereits durch seine Nähe zur "Identitären Bewegung" aufgefallen. Auch die AfD-Landtagsfraktion steht deswegen in der Kritik. Steinke selbst sieht dies gelassen: "Es besteht kein Unvereinbarkeitsbeschluss mit Reconquista Germanica", außerdem halte er die Beobachtung der "Identitären Bewegung" durch den Verfassungsschutz für ungerechtfertigt.

Die AfD hat sich auch nach mehrfacher Nachfrage von funk weder zur Wahlkampfhilfe durch die Trolle von "Reconquista Germanica" noch zur Verstrickung ihres Jungfunktionärs Steinke äußern wollen.

Gegenüber Kontraste erklärte die AfD, es gebe keine offiziellen Kontakte zu "Reconquista Germanica". Man lehne zudem "generell Stimmungsmache über Fake Accounts ab" und verwehre sich dagegen.

"Oberbefehlshaber" schätzt Einfluss als "sehr hoch" ein

ARD-Journalisten konnten auch den selbsternannten "Oberbefehlshaber" von "Reconquista Germanica" mit dem Decknamen "Nikolai Alexander" kontaktieren. Den Einfluss des Netzwerks auf den Wahlerfolg der AfD schätzte er als "sehr hoch" ein.

"Unsere Aktivitäten in den sozialen Medien mögen auf den unentschlossenen Wähler zwar nur einen geringen Einfluss ausgeübt haben", räumte "Nikolai Alexander" ein. "Allerdings haben wir das gesamte patriotische Lager für die Wahl mobilisiert."

Russische Unterstützung

Gegenüber Kontraste teilte der Initiator des Netzwerks zudem mit, man unterstütze die AfD, weil "wir sie als den parlamentarischen Arm des patriotischen Widerstands ansehen". Es gebe aber keine "festen Verbindungen" zur AfD oder der Jungen Alternative. Er selbst gehöre keiner Partei an.

"Nikolai Alexander" betonte zudem, er habe aus seinen pro-russischen Ansichten "nie einen Hehl gemacht" und man pflege "sehr gute Kontakte" nach Russland. Der Gründer von "Reconquista Germanica" weiter: "Ohne russische Unterstützung wäre das Projekt in dieser Form wohl nicht möglich gewesen." Wie diese Unterstützung konkret aussah, führte er nicht aus.

Rund 6000 registrierte Mitglieder

Aus Gesprächen mit Mitgliedern des Troll-Netzwerkes geht hervor: Tatsächlich sind dort vielfältige rechte Strömungen aktiv gewesen - darunter auch Szenegrößen der "Identitären Bewegung". Mit zeitweise mehr als 6000 Online-Aktivisten scheint eine strömungsübergreifende rechte Bewegung entstanden zu sein.

Die Mitglieder tauschen sich auch über Waffen...

...und rechtsextreme Videos aus.

Der "Reconquista"-Gründer spricht von einem "zweiten Wohnzimmer" der rechten Aktivisten. AfD-Funktionär Steinke sagte gegenüber Kontraste, es sei ihm darum gegangen, in dem Netzwerk Hilfe für die Partei zu bekommen, was beispielsweise die Erstellung von "Memes" (Bilder oder kurze Videos für soziale Medien) angehe - oder neue Leute kennenzulernen und in die AfD mit einzubeziehen.

Zuletzt hatten die Online-Aktivisten dazu aufgerufen, die Diskussionen über die ZDF-Sendung Maybritt Illner im Netz zu kapern. Zuvor hatten sie eine koordinierte Attacke zum ARD-Film "Aufbruch ins Ungewisse" initiiert, über die der ARD-faktenfinder vorab berichtet hatte.

Auch auf der Straße aktiv

Die "Reconquista"-Bewegung agiert aber nicht nur im virtuellen Raum: Im Herbst verteilten Aktivisten in mehreren deutschen Städten Flugblätter mit der Aufschrift "Es ist keine Schande Deutscher zu sein". Mit einem gleichlautenden Banner beteiligten sich im November 2017 Mitglieder des Netzwerks an einer "Pegida"-Demonstration in Dresden.

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