Syrischer Flüchtling macht Ausbildung in einem Hamburger Supermarkt | Bildquelle: dpa

Faktencheck zum Arbeitsmarkt Keine "Märchenstunde" über Flüchtlinge

Stand: 17.12.2018 17:40 Uhr

Arbeitgeberpräsident Kramer wird im Netz vorgeworfen, "Märchen" zu erzählen. Kramer hatte gesagt, fast 400.000 Flüchtlinge hätten eine Beschäftigung oder Ausbildung. Statistiken bestätigen die Zahlen.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Der Präsident des Arbeitgeberverbands hat in der vergangenen Woche vermeintliche Erfolgszahlen verkündet. "Von mehr als einer Million Menschen, die vor allem seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, haben heute bald 400.000 einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz", sagte Arbeitgeber-Präsident Ingo Kramer.

Von diesen 400.000 Personen seien wiederum "die große Mehrheit in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, und sind damit integriert". Er sei selbst überrascht, dass das so schnell gehe, sagte Kramer der "Augsburger Allgemeinen". Und die mittelständischen Unternehmen seien weiter auf der Suche nach Mitarbeitern.

"Märchenstunde"?

Auf rechten Blogs und auf Social Media werden diese Aussagen als "Märchenstunde" bezeichnet. Kramer wird unterstellt, er leide an "BSE im Endstadium" und verbreite Propaganda.

Die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit bestätigen die Zahlen.

Tatsächlich erscheinen die Zahlen sehr hoch. Wie kommen diese also zustande? Der Arbeitgeberverband verwies auf Anfrage des ARD-faktenfinder auf die Bundesagentur für Arbeit. Die BA bietet ein umfangreiches Statistik-Portal an - unter anderem zum Thema Migration und Arbeitsmarkt - und dort finden sich die Zahlen, auf die Kramer sich bezieht.

Deutliche Zunahme

So verzeichne die Bundesagentur eine deutlich Zunahme von sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung: Im September gab es demnach 289.000 entsprechend Beschäftigte, die aus den "Hauptherkunftsländern der Geflüchteten" kamen.

Zusätzlich zu den 289.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gingen im September 2018 gut 72.000 Personen mit einer Staatsangehörigkeit aus den nichteuropäischen Asylherkunftsländern einer ausschließlich geringfügigen Beschäftigung nach.

Mehr als 360.000 Beschäftigte im September

Rechnet man die Zahlen der sozialversicherungspflichtig und geringfügig Beschäftigten zusammen, so ergibt sich für den September 2018 eine Zahl von 361.000 Personen. Dazu kommen noch Personen, die eine schulische Ausbildung absolvieren und nicht von der Bundesagentur erfasst werden.

Arbeitgeber-Präsident Kramer sprach Stand Mitte Dezember von "bald 400.000" Menschen. Eine Aussage, die eine weiterhin positive Entwicklung annimmt, sich aus den Statistiken aber begründen lässt.

Beschäftigungsquoten nach der Staatsangehörigkeit / September 2018
LandBeschäftigungsquote
Pakistan43,6%
Eritrea40,2%
Nigeria39,2%
Iran38,4%
Afghanistan34,4%
Somailia30,4%
Irak28,6%
Syrien27,2%

Unterschiedliche Bezugsgrößen

Die "Bild"-Zeitung ergänzte die Aussagen von Kramer dahingehend, dass zwei von drei Flüchtlingen von "Hartz IV" lebten. Tatsächlich findet sich in den BA-Statistiken die Zahl von 63,7 Prozent (Migrations-Monitor Arbeitsmarkt - Eckwerte Deutschland, T-Quoten, Zeile 26, Spalte N). Dieser Wert bezieht sich allerdings nicht nur auf Schutzsuchende im erwerbsfähigen Alter, von denen der Arbeitgeberpräsident sprach, sondern auch auf Kinder sowie Flüchtlinge, die geringfügig beschäftigt sind und ihren Lohn aufstocken.

Betrachtet man die "eingeschränkte Bezugsgröße", kommt man auf eine Arbeitslosenquote von 36 Prozent. Die BA zählt hier nicht alle Schutzsuchenden, sondern "Erwerbspersonen für sozialversicherungspflichtige und ausschließlich geringfügige Beschäftigung im Alter von 15 bis 65 Jahre am Wohnort sowie Arbeitslose".

Arbeitslosenquote mit eingeschränkter Bezugsgröße
September 2018August 2018September 2017
36,0%38,2%44,8%

Bei der Beschäftigungsquote bezogen auf die gesamte Gruppe von Flüchtlingen ist eine positive Entwicklung zu erkennen - trotz Problemen wegen fehlender Sprachkenntnisse oder Problemen bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen: Waren im September 2017 weniger als 18 Prozent aller Flüchtlinge sozialversicherungspflichtig beschäftigt, sind es ein Jahr später mehr als 25 Prozent. Bei den geringfügig Beschäftigten stieg die Zahl von 23,4 auf 31,6 Prozent.

Zahl der SV-Beschäftigten steigt

Auch insgesamt steigt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland kontinuierlich an. Anfang 2010 hatte die Bundesagentur 27,5 Millionen entsprechend Beschäftigte registriert, 2015 waren es fast 30,3 Millionen, im Januar 2018 dann 32,5 Millionen.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland
MonatZahl der Beschäftigten
Januar 201027.517.122
Januar 201228.915.620
Januar 201429.736.464
Januar 201630.982.936
Januar 201832.504.413
September 201833.406.500
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