Alpen aus dem Weltraum | Bildquelle: dpa

Klimagipfel in Kattowitz Termin auch für die "Klimaskeptiker"

Stand: 05.12.2018 17:44 Uhr

Sie nennen sich "Klimaskeptiker" oder "Klimarealisten": Zur UN-Klimakonferenz in Kattowitz melden sich auch Klimaleugner verstärkt zu Wort. Mit ihren Zweifeln bleiben sie aber oft unter sich.

Von Wolfgang Wichmann, ARD-faktenfinder

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Im polnischen Kattowitz tagen bis zum 14. Dezember Vertreter von knapp 200 Staaten. Ziel der 24. UN-Klimakonferenz ist es, konkrete Maßnahmen zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens aus dem Jahr 2015 zu verhandeln und ein sogenanntes Regelbuch auszuarbeiten. Am Rande der Großveranstaltung tummeln sich aber auch sogenannte Klimaskeptiker, die den "Alarmismus zum globalen Klimawandel" ablehnen.

So lud beispielsweise die US-Organisation "The Heartland Institute" zu einer Info-Veranstaltung nach Kattowitz. Das Ziel: die Vorstellung vermeintlich neuester Forschungsergebnisse in Sachen Klimawandel. Vier Redner sprachen auf der ins Netz gestreamten Veranstaltung. Sie alle seien seit Jahren bekannte Leugner des Klimawandels, wie Fachjournalist Toralf Staud dem ARD-faktenfinder auf Anfrage erklärte. Keiner von ihnen sei aktiver Klimawissenschaftler. Bei Youtube verfolgten das Ereignis nur einige Dutzend Menschen.

Aus Kattowitz streamten "The Heartland Institute" und der Verein EIKE aus Jena ihre Veranstaltung ins Internet.

Der Tenor der Session mit vier Rednern: Der Mensch sei nicht für den Klimawandel verantwortlich.

Werner Eckert berichtet für die ARD seit Jahren von den Klimakonferenzen - derzeit auch aus Kattowitz. Veranstaltungen dieser Art seien ihm seit Jahren nicht mehr aufgefallen. Aber am Rande einer solchen Konferenz könne jeder seine Thesen vertreten. Dazu brauche man nur einen Raum für ein sogenanntes "Side-Event" - eine Nebenveranstaltung zu buchen:

Sie mögen stattfinden. Eine wie auch immer geartete Aufmerksamkeit außerhalb der eigenen Meinungsblase erfahren sie nicht.

Partner aus Deutschland

Kooperationspartner der Klimagegner-Veranstaltung in Kattowitz war das in Jena beheimatete Institut für Klima und Energie, kurz EIKE. Die Organisation lehnt jegliche Klimapolitik als einen "Vorwand ab, Wirtschaft und Bevölkerung zu bevormunden". Kurz vor dem Klimagipfel hatte das Institut nach München geladen - mit Unterstützung des "Heartland Institutes".

Vorträge der zweitägigen Konferenz lauteten beispielsweise: "Elf Tatsachen die man wissen muss, um nicht an den menschengemachten Klimawandel zu glauben", "Warum Skeptizismus Pflicht ist" oder "Wie glaubwürdig sind Zeitreihen historischer Klimadaten?" Berichte in größeren deutschen Medien gab es dazu nicht.

EIKE-Vizepräsident Michael Limburg vermeldete in dem Blog "Freie Welt" die bislang erfolgreichste Konferenz - mit knapp 200 Besuchern. Eine der Betreiberinnen des Blogs ist AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Ein Redakteur des Münchner Merkurs besuchte die Tagung und berichtete dem ARD-faktenfinder: "Was dort abgeliefert wurde, sind Einzelmeinungen." Staud zufolge, der für das Projekt klimafakten.de arbeitet, hat "der Verein bis heute keinerlei ernsthafte Klimaforschung hervorgebracht".

Jahrelange Entwicklung in den USA

Bei seiner Arbeit für das Projekt klimafakten.de hat Staud die Bedeutung des Themas Klimawandel auch in der Politik untersucht. Das Portal hat sich zum Ziel gesetzt, die "häufig sehr komplexen Ergebnisse der Klimaforschung verständlich" zu erläutern. So sei die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten nur der Endpunkt einer jahrelangen Entwicklung gewesen, so Staud - vor allem bei den Republikanern. Noch in den 1980er- und 1990er-Jahren, etwa unter den Präsidenten Ronald Reagan und George Bush habe es in der Partei konstruktive Ansätze gegeben, den Klimawandel zu bekämpfen:

Doch dann haben sich - gefördert von Industrie und industrienahen Thinktanks - Leugner des Klimawandels in der Partei breitgemacht. Inzwischen gehört es praktisch zur Identität der Republikaner, die Realität des Klimawandels zu bestreiten.

Umfragen bestätigen das: Einer Erhebung des Pew Research Centers zufolge sehen nur etwa zehn Prozent der republikanischen Wähler im Klimawandel ein Problem.

Trumps Wandel zum Ursachenskeptiker

US-Präsident Donald Trump ist wohl der derzeit prominenteste und einflussreichste "Klimaskeptiker". Scherzte Trump vor Amtsantritt noch über die globale Erderwärmung als "ein sehr teurer Scherz", streitet er den Klimawandel inzwischen nicht mehr ab, wie er im Oktober dem dem US-Sender CBS erklärte. Doch Erkenntnisse von Wissenschaftlern, wonach der Mensch für die Erderwärmung verantwortlich ist, stellt Trump noch immer infrage.

Und Trump ist nicht allein. Auch der in Brasilien gewählte Präsident Jair Bolsonaro und dessen designierte Minister wollen die Klimapolitik des Landes künftig neu gestalten. Die für das kommende Jahr geplante 25. UN-Klimakonferenz will Brasilien nicht mehr ausrichten. Brasiliens künftiger Außenminister Ernesto Araújo bezeichnete den Klimawandel gar als ein "marxistisches Dogma".

Überschneidungen mit Rechtspopulisten

In den USA - aber auch in Deutschland - sieht Staud in der Debatte Überschneidungen zwischen Rechtspopulisten und Klimaleugnern. Die Ablehnung wissenschaftlicher Belege für den Klimawandel passe zur Ablehnung einer vermeintlich linksunterwanderten Medienlandschaft. Der Klimawandel werde als "angebliche Verschwörung linker Eliten" abgelehnt:

Es ist unter Rechtspopulisten sehr üblich, dass sie wissenschaftliche Erkenntnisse, die nicht in ihr Weltbild passen, schlicht leugnen oder lautstark als "Fake News" titulieren.

AfD vertritt Thesen der Klimaleugner

Die Argumente der Klimaleugner finden sich politisch hierzulande vor allem in Positionen der "Alternative für Deutschland" wieder. Das Projekt klimafakten hat die Grundsatzprogramme der Bundestagsparteien einem entsprechenden Faktencheck unterzogen. Das Ergebnis: Die Programme von Union, SPD, Grünen, Linke und FDP gäben den Stand der Wissenschaft zum Klimawandel insgesamt zutreffend wieder. Anders bei der AfD:

Das Grundsatzprogramm der AfD hingegen enthält fast keine Aussage, die mit dem Stand der Forschung zu Klima und Klimawandel vereinbar ist. Stattdessen finden sich in erheblicher Zahl eklatant falsche und irreführende Aussagen.

Mehrere AfD-Politiker kritisierten den Gipfel und seine Ziele zuletzt öffentlich. Die AfD Heidelberg twitterte beispielsweise von der "geisteskranken Energiewende" oder dem "Irsinn Klimafonds". Der Bundestagsabgeordnete Frank Pasemann kritisierte die Vertreter in Kattowitz als "Jünger der Klimakirche".

Klimaleugner: Akademiker anderer Fachbereiche

Während die Klimaleugner in der Politik derzeit augenscheinlich neue Fürsprecher finden, ist unter den Klimaforschern ein Konsens gewachsen. Die Szene der sogenannten Klimaskeptiker bestehe im wesentlichen aus Nicht-Fachleuten oder Akademikern, die in völlig anderen Fachgebieten arbeiten, sagte Umweltexperte Eckert dem ARD-faktenfinder: In der Wissenschaft gebe es praktisch kaum noch Vertreter, die an einem Klimawandel zweifeln:

Nur eine kleine Minderheit schätzt die Bedeutung der Menschen, konkreter der Verbrennung von fossilen Energien durch die Menschen, eher gering ein. Die übergroße Mehrheit sieht den Mensch als die treibende Kraft des aktuellen Wandels.

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