Spielzeug liegt in einer Kindertagesstätte auf dem Boden | Bildquelle: dpa

Angebliche "Schnüffel-Fibel" Massive Drohungen gegen Stiftung

Stand: 30.11.2018 16:03 Uhr

Die Amadeu Antonio Stiftung hat nach massiven Drohungen die Polizei eingeschaltet. Zuvor hatten Blogs und Medien der Stiftung unterstellt, eine "Schnüffel-Fibel" für Kitas zu verbreiten.

Von Wolfgang Wichmann, ARD-faktenfinder

Wolfgang Wichmann | Bildquelle: Wulf Rohwedder Logo tagesschau.de
Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Die Berliner Amadeo Antonio Stiftung sieht sich aktuell massiv mit Drohungen und Hassbotschaften konfrontiert. Die Stiftung, die sich unter anderem gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus einsetzt, erhielt eigenen Angaben zufolge an einem Tag Hunderte Anrufe mit Anfeindungen und Drohungen. Unter den Anrufern seien auch "Reichsbürger" gewesen, teilte die Stiftung mit.

Darüber hinaus habe man etwa 500 überwiegend hasserfüllte Mails erhalten - kombiniert mit massiver Kritik an einer im Oktober veröffentlichten Informationsbroschüre für Kita-Erzieher und Eltern. Die Handreichung wird als "Stalinismus in Reinform" kritisiert. Einige Absender beschimpfen die Stiftung als "Fratze der rotlackierten Nazis 2018". "In gelernter Stasimanier" würden schon "Kleinkinder als IM der Stasi zur Denunziation ihrer Eltern angelernt". "Fieser, dreckiger, kommunistischer und familienfeindlicher geht's nicht mehr", heißt es in einer anderen E-Mail. Der "linke Schnüffelladen sollte geschlossen werden", lautet eine Forderung.

In zwei Fällen drohten Anrufer konkret mit Gewalt gegen Mitarbeiter: "Wenn Sie nicht aufhören [...] stehe ich bei Ihnen im Büro", heißt es in einer Botschaft an die Stiftung. Ein anderer Absender drohte mit einem "Terroranschlag gegen sie". Die Stiftung schaltete die Polizei ein.

Empfehlungen für das Kita-Umfeld

Zuvor war die Info-Broschüre von mehreren Medien und diversen rechten Blogs massiv kritisiert worden. In der Handreichung "Ene, mene, muh - und raus bist du! Ungleichwertigkeit und frühkindliche Pädagogik" finden sich Handlungsempfehlungen für Erzieher und andere Verantwortliche, die in Kindertagesstätten und Kindergärten mit Rechtsextremismus in Kontakt kommen.

Teil der 60-seitigen Handreichung seien Analysen zu zwölf anonymisierten Fallbeispielen, wie sie Erzieher und Eltern in ihrem Kita-Alltag mehrfach erlebt hätten, erläuterte die Stiftung auf Anfrage des ARD-faktenfinder. Sie stünden beispielhaft für Situationen, in denen durch Kinder oder Eltern, aber auch durch Mitarbeiter rechtsextreme Einstellungen im Kita-Alltag offen angesprochen oder anderweitig zum Thema werden. Die Broschüre bietet Betroffenen Leitfäden für einen Dialog, potenzielle Argumente und mögliche Gegenstrategien.

Thema in rechten Blogs

Einige dieser Fallbeispiele wurden in den vergangenen Wochen von rechten Blogs aufgegriffen. Durch Weglassen und Missinterpretationen, Falschinformationen und die Einbettung in vorurteilsbehaftete Erklärmuster wurde behauptet, die Broschüre rufe dazu auf, Kinder auszuspionieren. Davon ist in der Broschüre aber nicht die Rede.

"Bild" berichtet über "Schnüffel-Fibel"

Die "Bild"-Zeitung griff unter der Überschrift "Zoff um Schnüffel-Fibel für Erzieher" einen Bericht der Schwester-Zeitung "B.Z." vom Montag auf - und damit auch die These, Kita-Mitarbeiter benützten Kinder dazu, die Gesinnung der Eltern zu "erschnüffeln". "Kein Witz" schrieben die Autoren und zitierten danach zwei kurze Textpassagen der Broschüre.

Ergänzende Angaben zu den zitierten Fallbeispielen finden sich nicht - auch weitere Fallbeispiele werden nicht genannt. Die Ziele der Stiftung werden nicht näher erläutert. Die "Bild" schreibt lediglich, in der Broschüre werde erklärt, "wie man vermeintlich rechtslastige Elternhäuser erkennt". Der CDU-Innenpolitiker Christoph Bernstiel sagte der "Bild", er finde es "unfassbar, dass eine mit Steuergeld finanzierte Broschüre junge Mädchen, die Zöpfe und Kleider tragen, als potenziell 'völkisch' bezeichnet".

Stichwort: Amadeu-Antonio-Stiftung

Die Amadeu-Antonio-Stiftung will eigenen Angaben zufolge eine demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet. Der Name der Stiftung erinnert an den Vertragsarbeiter Amadeu Antonio Kiowa, der im November 1990 von rechtsextremen Skinheads in der brandenburgischen Stadt Eberswalde zu Tode geprügelt worden ist. Der 28-jährige Angolaner war eines der ersten Todesopfer rassistischer Gewalt nach der Wiedervereinigung.

"Übermedien" spricht von "Lüge"

Unter der Überschrift "Die Lüge von der Schnüffel-Fibel" reagierte das Medienmagazin "Übermedien" auf den "Bild"-Bericht. "Übermedien" kritisierte, die "Bild" würde Zusammenhänge weglassen und dadurch falsche Eindrücke erwecken. Etwa, "als wären Zöpfe und Kleider bei Mädchen oder eine starke körperliche Forderung bei Jungen für die Verfasser der Broschüre schon ein Anlass, die Eltern zu einem ernsten Gespräch zu bitten." "Übermedien" spricht im Zusammenhang mit dem "Bild"-Artikel von einer "Lüge" und kommt im Hinblick auf den Begriff "Schnüffel-Fibel" zu dem Schluss:

Nun geht es in der Broschüre gar nicht darum, sich Zugriff auf die Privatsphäre zu verschaffen oder die Kinder als Spitzel gegen ihre Eltern einzusetzen; schon gar nicht soll der Staat dies tun.

Die "Bild" teilt die Kritik von "Übermedien" nicht. Den Vorwurf, der Bericht habe Dinge verkürzt und dadurch missverständlich dargestellt, wies ein Sprecher auf Anfrage des ARD-faktenfinder zurück.

Ministerin Giffey in der Kritik

Die Debatte über die Info-Broschüre hat inzwischen auch den Bundestag erreicht. Widerspruch richtet sich insbesondere gegen Familienministerin Franziska Giffey von der SPD, die das Geleitwort zu der Handreichung geschrieben hat. "SPD-Giffey lässt jetzt schon unsere Kinder ausspionieren!" twitterte beispielsweise der offizielle Account der Partei "Alternative für Deutschland".

Aber auch aus den Reihen des Koalitionspartners in der Bundesregierung wurde Kritik laut: Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion spricht öffentlich von einer "staatlichen Handlungsanweisung zur Elternspionage". Die Ministerin reagierte mit einer Klarstellung: Der Broschüre lägen wahre Fälle aus der langjährigen Beratungspraxis zugrunde, in denen Erzieherinnen und Erzieher gezielt Hilfe im Umgang mit völkisch lebenden Familien gesucht hätten. Es gehe nicht um Kontrolle, so die Ministerin:

Grundsätzlich gilt: Es ist nicht Aufgabe des Staates zu prüfen, wie Eltern leben und was sie denken. Das ist auch nicht das Ziel der Broschüre, sondern Hilfestellung und Information für Fachkräfte in Kitas.

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