Hetze gegen Flüchtlinge auf Facebook (Screenshot)

Kommentare in sozialen Medien Koordinierter Hass nimmt zu

Stand: 05.07.2018 08:28 Uhr

Eine Datenanalyse zeigt: Koordinierte Online-Kampagnen mit Hass-Inhalten haben in sozialen Medien zugenommen. Das hat auch Einfluss auf die politische Agenda.

Von Konstantin Kumpfmüller, MDR

Koordinierter Hass durch eine lautstarke Minderheit: Eine Studie des Institute for Strategic Dialogue (ISD) und des Vereins "ichbinhier" zeigt, dass die Verbreitung von geplanten Hasskampagnen in sozialen Medien stark zugenommen hat - auch wenn es seit Inkrafttreten des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes insgesamt weniger Hasskommentare gibt.

Der Analyse zufolge stieg die Zahl der Posts, die in Verbindung mit rechtsextremistischen Kampagnen standen: Während es im Zeitraum von Februar bis November 2017 rund 90.000 Posts waren, wurden zwischen Dezember 2017 und Februar 2018 monatlich 300.000 solcher Inhalte veröffentlicht. Erste Ergebnisse der Studie waren schon im Februar veröffentlicht worden.

Extrem aktive Profile

Der Analyse zufolge waren nur fünf Prozent der Accounts, die im Januar 2018 im Bereich "Hateful Speech" aktiv waren, für 50 Prozent der Likes bei Hasskommentaren verantwortlich. Diese fünf Prozent repräsentierten wiederum nur 0,02 Prozent aller monatlichen Facebook-Nutzer in Deutschland.

Besonders viele Likes kommen demnach von Sympathisanten der AfD, sehr aktive Konten stammen aus dem Sympathisantenkreis der "Identitären Bewegung". Zudem bestätigte sich, dass auffällig viele Profile, die positiv mit der Facebook-Seite der "Identitären Bewegung" interagiert hatten, konstant koordiniert auftreten.

Daraus folgern die Autoren, dass hochaktive Accounts, die mit rechtsextremen Organisationen sympathisieren, gezielt Inhalte in Kommentarspalten verbreiten, um diese als Mehrheitsmeinung erscheinen zu lassen. Und dies durchaus mit Erfolg: Die Autoren der Studie zeichnen nach, wie so gesetzte Themen in Medien Verbreitung fanden. Auch Politiker würden Inhalte der Kampagnen aufgreifen und damit im gesellschaftlichen Diskurs salonfähig machen.

Der Hass im Netz
mittagsmagazin 13:00 Uhr, 05.07.2018, Joana Jäschke, SWR

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Welche Posts wurden analysiert?

Für die Studie wurden mehr als 1,6 Millionen Tweets sowie öffentliche Facebook-Posts untersucht - im Zeitraum zwischen Februar 2017 und Februar 2018.

Im Dezember 2017 wurden außerdem bei allen Aktionen der Facebookgruppe "ichbinhier" die Top-Level-Kommentare analysiert. Die Mitglieder von "ichbinhier" werden koordiniert in Kommentarspalten aktiv, in denen Hasskommentare gepostet werden und widersprechen diesen. Sie kennzeichnen ihre Kommentare mit dem Hashtag #ichbinhier, um das Vorgehen transparent zu machen.

Um einen größeren Überblick zu bekommen, wurden im Januar weitere 700 Kommentarspalten bei 16 Medien untersucht, die ebenfalls einen hohen Anteil an Hate Speech beinhalteten. Für einen Gesamtüberblick wurden zudem 100 Posts von zehn Medienseiten unter die Lupe genommen.

Zu den Daten hinzu kam eine sechsmonatige Recherche in Foren und verschlüsselten Chats auf der Gaming-Plattform "Discord", die helfen sollte, Verbreitungsstrategien zu verstehen. Dabei konnten Schlüsselwörter und Hashtags frühzeitig ausgemacht werden, die später bei Social-Media-Kampagnen eingesetzt wurden.

Was gilt als Hasskommentar?

Die Studie spricht von "Hateful Speech" und "Hassrede". Hassrede umfasst sowohl strafbare, als auch nicht strafbare Ausdrucksweisen und geht damit weiter als etwa der Tatbestand der Volksverhetzung. Der Begriff ist relativ neu und nicht abschließend definiert. Die Studie zitiert eine Definition des Ministerkomitees des Europarats.

Zu den Zwecken der Anwendung dieser Grundsätze umfasst der Begriff "Hassrede" jegliche Ausdrucksformen, welche Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder andere Formen von Hass, die auf Intoleranz gründen, propagieren, dazu anstiften, sie fördern oder rechtfertigen, einschließlich der Intoleranz, die sich in Form eines aggressiven Nationalismus und Ethnozentrismus, einer Diskriminierung und Feindseligkeit gegenüber Minderheiten, Einwanderern und der Einwanderung entstammenden Personen ausdrücken.

"Hateful Speech" hingegen ist ein methodisches Konstrukt der Studienautoren. Gemeint sind damit Kommentare, die deutlich mehr Hassrede beinhalten als die Gesamtheit aller Kommentare. Mit dem Begriff sollte sichergestellt werden, dass möglichst viele Daten und eine große Bandbreite an Themen untersucht werden können.

Koordiniertes Vorgehen

Rechte Aktivisten verabredeten sich online, um zu bestimmten Uhrzeiten unter gewissen Hashtags zu posten. Damit gelang es ihnen, teilweise wochenlang online den Diskurs mitzubestimmen und bei Twitter in den Top-Trends zu liegen. Eine zentrale Rolle für die Koordination von Kampagnen spielten demnach die Discord-Kanäle "Infokrieg" und "Reconquista Germanica".

Die Aktionen vor der Bundestagswahl im September 2017 bezeichnen die Autoren als "längste und einflussreichste Kampagne der rechtsextremen Trollaccounts". Ab Dezember dominierten dann die Aktionen #KiKAgate, #Kandelistueberall und #120dB. Organisiert wurden sie der Studie zufolge aus Kreisen den "Identitären Bewegung" heraus.

Das ISD und "ichbinhier" kommen zu der Empfehlung: Sowohl Medien, als auch zivilgesellschaftliche Organisationen müssten umfassender über die Bedeutung von Online-Diskursen aufklären. Aber auch staatliche Behörden seien gefragt, extremistische Strukturen in sozialen Medien stärker in den Fokus zu nehmen.

Mit-Autorin Julia Ebner vom ISD sagt: "Basierend auf unseren Ergebnissen fordern wir daher eine überparteiliche Antwort, um Aktivisten, NGOs, Journalisten und andere Internetnutzer vor digitalen Angriffen zu schützen. Idealerweise sollte das noch vor den bevorstehenden Wahlen in Bayern passieren."

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