Bäume und Gebüsch im Industriegebiet Nord hinter einem Diskothekenareal in Freiburg. | Bildquelle: dpa

Debatte nach Fall in Freiburg Wie viele Gruppenvergewaltigungen gibt es?

Stand: 07.11.2018 15:25 Uhr

Nach einem Fall in Freiburg wird in Deutschland über Gruppenvergewaltigungen diskutiert. Aber wie viele Fälle gibt es eigentlich? Nehmen die Zahlen zu? Und wer sind die Täter?

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder, und Andrej Reisin, NDR

Der Hauptverdächtige der Gruppenvergewaltigung in Freiburg ist der Polizei als Mehrfachtäter bekannt. Es handelt sich um einen 22-jährigen Syrer. Ihm werden seit dem Sommer mehrere Gewalttaten vorgeworfen, darunter drei Körperverletzungen und zwei Delikte mit Sexualbezug.

In Velbert in NRW waren an einer Vergewaltigung einer 13-Jährigen mehrere Jugendliche aus Bulgarien beteiligt. Die Haupttäter wurden im Oktober jeweils zu mehreren Jahren Haft verurteilt

Ende Oktober wurde zudem ein Fall bekannt, bei dem sechs junge Afghanen in München eine 15-Jährige sexuell missbraucht haben sollen, berichtet der BR.

Jung und männlich

Das Profil der Hauptverdächtigen aus allen Fällen ist durchaus typisch für das Delikt der Gruppenvergewaltigung. Aus den Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) geht hervor, dass fast alle Tatverdächtigen männlich sind. Dies gilt für alle sexuellen Straftaten.

Deliktmännlichweiblich
Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen87,9%12,1%
Vergewaltigung und sexuelle Nötigung98,7%1,3%
Gefährliche und schwere Körperverletzung, Verstümmelung weibl. Genitalien85%15%
Straftaten insgesamt74,9%25,1%

Zudem lässt sich feststellen:

  • Vergewaltigungen aus Gruppen ist überwiegend ein Jugenddelikt. 2017 waren laut der PKS 40 Prozent aller Tatverdächtigen unter 21 Jahre alt, 60 Prozent waren unter 25.
  • Häufig kannten sich die Täter und das oder die Opfer bereits.
  • In vielen Fällen spielen Alkohol und andere Drogen eine Rolle.
  • Der Anteil von Gruppenvergewaltigungen an allen Vergewaltigungen lag 2017 bei etwas mehr als drei Prozent.
  • Ausländische Täter sind überrepräsentiert verglichen mit ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.

"Überfallartige" Taten gehen zurück

Die PKS weist sowohl bei Vergewaltigung durch Einzeltäter als auch durch Gruppen die "überfallartigen" Taten noch einmal gesondert aus. Hier gab es 2017 einen Rückgang auf 122 Fälle. Die niedrigste Zahl seit der Wiedervereinigung.

Vor 2015 (also dem Zeitraum vor dem Zuzug vieler Flüchtlinge) lag diese Zahl durchweg höher - zum Teil deutlich. Beispielsweise waren es 2010 mehr als 220 Fälle, 2006 sogar 238 Fälle. Ausnahme war 2016 wegen der Kölner Silvesternacht, die die Anzahl der angezeigten Gruppenvergewaltigungen nahezu verdoppelte.

Vergewaltigung durch Gruppen überfallartig
JahrFallzahlAnteil ausl. Tatverdächtiger in %
199014743,9
199516544,0
200021143,5
200519032,8
201022431,6
201514641,3
201622567,8
201712267,1
Vergewaltigung durch Gruppen
JahrFallzahlAnteil ausl. Tatverdächtiger in %
199011141,3
199514252,2
200029442,7
200530637,4
201036935,6
201525446,1
201652453,6
201725852,2

Veränderte Definitionen

Besonders langfristige Vergleiche von Statistiken sind oft schwierig, da die Definitionen immer wieder verändert werden. Jüngstes Beispiel ist der Paragraf §177 Strafgesetzbuch (StGB). Dieser wurde um ungewollte sexuelle Handlungen erweitert, die ohne Gewaltanwendung und/oder Drohung geschehen.

Als Folge dieser Änderung wurden 2017 deutlich mehr entsprechende Delikte registriert. Polizei und Behörden erklären übereinstimmend, dies sei Resultat der erweiterten Definition.

Hoher Anteil von Ausländern

Die Zahl der Gruppenvergewaltigungen ist den Statistiken zufolge hingegen nicht ansteigend - allerdings nimmt der Anteil der verdächtigten Ausländer zu. Sowohl 2016 als auch 2017 ist der Anteil bei den überfallartigen Delikten gegenüber dem langjährigen Mittel der Vorjahre (39 Prozent) deutlich erhöht (67,5 Prozent).

Angaben aus der PKS über die Nationalitäten der ausländischen Verdächtigen zeigen, dass der Anteil von Syrern, Afghanen und Irakern deutlich gestiegen ist. Das heißt, die wachsende Zahl der ausländischen Tatverdächtigen hängt offenkundig mit der Zuwanderung seit 2015 zusammen.

Vergleich nur bedingt möglich

Das BKA und Experten weisen allerdings darauf hin, dass ein Vergleich zwischen der Gruppe von Deutschen und Nichtdeutschen generell nur bedingt möglich sei. Grund: die unterschiedliche Alters-, Geschlechts- und Sozialstruktur. So zählen zu der ausländischen Bevölkerung mehr junge Männer aus sozial schwachen Schichten - eine Gruppe, die auch bei Bundesbürgern öfter kriminell wird als der Rest der Bevölkerung.

Zudem ist die Zahl der Ausländer insgesamt gewachsen - von 5,6 Millionen im Jahr 1990 auf 9,2 Millionen im Jahr 2016. Weiterhin werden in der entsprechenden Kriminalitätsstatistik auch Verdächtige erfasst, die nicht dauerhaft in Deutschland leben - beispielsweise Personen ohne Aufenthaltserlaubnis, Touristen/Durchreisende, Besucher, Grenzpendler und Stationierungsstreitkräfte.

Neues Phänomen?

In sozialen Medien wird dennoch immer wieder behauptet, Gruppenvergewaltigungen habe es vor 2015 in Deutschland gar nicht gegeben. Dabei berufen sich Nutzer zuletzt auch auf den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, Arnold Plickert. Dieser sagte gegenüber RTL:

Wir kannten diese Gruppendelikte vor 2015 nicht, deswegen ist es mit der Flüchtlingswelle hier rübergeschwappt und wird eben größtenteils von arabischen Männern aus deren Kulturkreis hier vollzogen.

Bei den erwähnten aktuellen Fällen handelt es sich in Freiburg bei den Verdächtigen um arabische Männer, in Velbert und München hingegen nicht.

Zudem gab es bereits vor 2015 Gruppenvergewaltigungen, wie die Zahlen der PKS zeigen. Es existieren sogar Studien aus den 1990er- und 2000er-Jahren zu diesem Thema - unter anderem von der Polizei Bielefeld und der Polizeidirekt Hannover.

Auf Anfrage des ARD-faktenfinder erklärte ein Sprecher, der GdP-Vize habe seine Aussage konkret auf Delikte wie in München und Freiburg bezogen. Solche Fälle seien zuvor nicht bekannt gewesen.

"Kein 'importiertes' Problem"

Die Organisation Terres des Femmes teilte auf Anfrage des ARD-faktenfinder mit, es habe bereits vor 2015 solche Delikte gegeben. Häusliche und sexualisierte Gewalt sei "ein Problem, welchem wir hier in Deutschland in allen gesellschaftlichen Gruppen begegnen", sagte Maja Wegener von Terre des Femmes. Es sei also kein "importiertes" Problem.

"Pauschale Verurteilungen von sozialen Gruppen lehnen wir ab", sagte Wagner weiter. Gleichzeitig entspreche es "einer statistischen Tatsache, dass mehr junge geflüchtete Männer als Frauen bei uns Schutz suchen und dass diese aus sehr konservativ geprägten Ländern kommen".

Umfassende Sexualaufklärung gefordert

Als Konsequenz aus der Gruppenvergewaltigung in Freiburg forderte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), eine umfassende Sexualaufklärung von Flüchtlingen. Sie müssten "noch in der Erstaufnahmeeinrichtung, Wegweiserkurse über das Zusammenleben" erhalten. Dazu gehöre auch, dass es "für sexuellen Missbrauch und andere Gewalttaten null Toleranz" gebe.

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal sagte der "Süddeutschen Zeitung" zu den Hintergründen solcher Taten, Gruppenvergewaltigungen hätten generell wenig mit sexueller Befriedigung und viel mit der Gruppendynamik zu tun. Es gehe darum, Dominanz durch sexuelle Aggression zu zelebrieren oder überhaupt erst einmal herzustellen.

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