Anja Karliczek | Bildquelle: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX/Shutte

Designierte Forschungsministerin Karliczek und die Studien

Stand: 28.02.2018 08:48 Uhr

Die Nominierung von Anja Karliczek als Bildungs- und Forschungsministerin gilt als überraschend. Denn bislang hat sie sich kaum zu diesen Themen geäußert. Bei der Ehe für alle scheint die CDU-Politikerin gar Studien zu ignorieren.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Am Sonntag hat CDU-Chefin Angela Merkel ihre Kandidaten für ein künftiges Kabinett vorgestellt. Neue Bildungs- und Forschungsministerin soll Anja Karliczek aus Nordrhein-Westfalen werden. Eine Überraschung, auch für die 46-Jährige selbst, wie Karliczek der "Bild"-Zeitung sagte. Sie kündigte an, die Zeit bis zum Ergebnis des SPD-Mitgliederentscheides zu nutzen, um sich "noch tiefer in die Materie einzuarbeiten".

Mit Blick auf ihre Partei sagte Karliczek, die CDU müsse "sich in den Diskussionen und Entscheidungen mehr darauf konzentrieren, wo ihre Grundwerte sind. Und aus denen heraus muss diskutiert und gearbeitet werden." Die Abgeordnete war bisher eine der fünf Parlamentarischen Geschäftsführer der Unionsfraktion und befasste sich eher mit Finanzthemen.

Zur Abstimmung im Bundestag über die Ehe für alle im Sommer 2017 hatte sie sich aber auch zur Familienpolitik sowie zur Forschung auf diesem Gebiet geäußert. Karliczek hatte angekündigt, gegen die Ehe für alle zu stimmen - und das so begründet:

Ich bin aber der festen Überzeugung, dass die für heute geplante Abstimmung der Bedeutung des Themas nicht gerecht wird. Im Gegensatz dazu wie immer behauptet wird, gibt es keine Langzeitstudien zu den Auswirkungen auf Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Meine Einschätzung als Mutter dreier Kinder ist die, dass es für die Entwicklung von Kindern wichtig ist, das emotionale Spannungsfeld zwischen Vater und Mutter zu erleben.

Stimmt das?

Aber stimmt es, dass keine Langzeitstudien zu diesem Thema vorliegen, wie Karliczek behauptet? Wie ist die Studienlage insgesamt? Und ist es zutreffend, dass das "emotionale Spannungsfeld zwischen Vater und Mutter" für die Entwicklung von Kindern wichtig ist?

Das Bundesfamilienministerium verweist auf Anfrage des ARD-faktenfinder auf eine Studie aus dem Jahr 2009, die von dem Ministerium in Auftrag gegeben worden war. Eine Sprecherin erklärte, daraus ergebe sich, "dass für das Wohlergehen eines Kindes die Beziehung zu den Eltern und nicht das Geschlecht der Eltern entscheidend ist". Kritiker der Ehe für alle meinen aber, es gebe methodische Schwächen bei der Untersuchung.

Allerdings kommen andere Studien zu ähnlichen Ergebnissen: Das Deutsche Jugendinstitut fasste den internationalen Forschungsstand zusammen und bilanziert:

Internationale wissenschaftliche Studien kommen einstimmig zu dem Ergebnis, dass sich Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen, mindestens ebenso gut entwickeln wie Kinder mit einem gemischtgeschlechtlichen Elternpaar (für einen Überblick z.B. Adams & Light, 2015; Goldberg & Gartrell, 2014; Golombok & Tasker, 2015; Golombok, 2017). Untersucht wurden verschiedene Bereiche der kindlichen Entwicklung wie die Beziehung zu den Eltern, psychisches Wohlbefinden, emotionale und Verhaltensprobleme, Bildungserfolg, soziale Entwicklung sowie sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität. In keinem dieser Bereiche fanden sich bedeutsame Unterschiede in der kindlichen Entwicklung in Abhängigkeit von der sexuellen Orientierung der Eltern (Biblarz & Stacey, 2010; Bos, Knox, van Rijn-van Gelderen & Gartrell, 2016; Crowl, Ahn & Baker, 2008; Dufur, McKune, Hoffmann & Bahr, 2007; Fedewa, Black & Ahn, 2015; für einen Überblick siehe auch Goldberg, 2010).

Die Columbia Law School listet 75 Untersuchungen auf, die feststellten, dass Kinder von gleichgeschlechtlichen Eltern keine Nachteile hätten. Vier Studien kamen zu einem anderen Schluss, untersuchten demnach aber Fälle von Kindern, die zunächst bei heterosexuellen Eltern gelebt hatten und nach der Trennung der Eltern oder anderen Problemen von gleichgeschlechtlichen Paaren adoptiert wurden.

Eine der längsten Studien zu diesem Thema wird seit 1986 in den USA durchgeführt und begleitet Familien lebischer Paare. Die Forscher konnten auch keine nachteiligen Auswirkungen der Homosexualität der Eltern auf die Kinder feststellen.

Das Australische "Institut of Familiy Studies" kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass es Kinder bei gleichgeschlechtlichen Eltern nicht schlechter hätten als Kinder von heterosexuellen Paaren.

Risikofaktor durch Diskriminierung

Das deutsche Jugendinstitut weist allerdings darauf hin, dass es tatsächlich einen spezifischen Risikofaktor für die Entwicklung von Kindern gleichgeschlechtlicher Paare geben könnte, nämlich Diskriminierungserfahrungen durch Gleichaltrige. Allerdings würden negative Konsequenzen durch eine gute Beziehungsqualität zu den Eltern abgemildert, heißt es. Zudem können für Diskriminierungen wohl kaum die gleichgeschlechtlichen Eltern verantwortlich gemacht werden.

In Deutschland gab es 2015 etwa 7000 "Regenbogenfamilien".

Laut dem Familienreport des Bundesfamilienministeriums gab es im Jahre 2015 etwa 7000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, die mit minderjährigen Kindern im Haushalt ("Regenbogenfamilien") lebten. Dies entsprach einem Anteil von weniger als 0,1 Prozent aller Familien.

Familienform nicht entscheidend

Zutreffend an der Aussage der designierten Forschungsministerin Karliczek ist also, dass auf Deutschland bezogen noch keine Langzeitstudien vorliegen; international aber durchaus. Zudem kommen Dutzende Untersuchungen zu übereinstimmenden Ergebnissen: Die Familienform ist weniger entscheidend als die Art und Weise, wie Familie gelebt wird.

Dass das "emotionale Spannungsverhältnis zwischen Vater und Mutter", auf das sich Karliczek aus ihrer persönlichen Erfahrung bezieht, für die Entwicklung von Kindern wichtig sei, ist durch Forschungsergebnisse nicht belegt. Die große Mehrzahl der Untersuchungen kommt zu dem Schluss, dass es Kinder bei gleichgeschlechtlichen Eltern keinesfalls schlechter haben.

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