Demonstranten der rechten Szene zünden Pyrotechnik und schwenken Deutschlandfahnen.  | Bildquelle: dpa

Fakes nach Tötungsdelikt Das Trauerspiel von Chemnitz

Stand: 30.08.2018 14:59 Uhr

Nach dem Tötungsdelikt in Chemnitz kursieren zahlreiche irreführende Meldungen im Netz. So wird die Fake News verbreitet, einer der mutmaßlichen Täter habe bereits mit Mord gedroht.

Von Karolin Schwarz und Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

"Bunt bis das Blut spritzt!" So steht es auf einem Plakat in Chemnitz zu lesen. Darunter die Fotos von Menschen, die Opfer von Gewalttaten geworden sind. Es wird der Eindruck erweckt, es handele sich um Opfer von Migranten in Deutschland.

Rechtsextreme in Chemnitz, ©JFDA – Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V.

Die Recherche-Plattform mimikama untersuchte die Herkunft der Fotos. Das Ergebnis: Sie stammen aus dem Ausland, unter anderem England und Irland, bei einigen bleibt die Herkunft unklar. Mit Gewalt von Migranten haben sie nichts zu tun. Bei einer abgebildeten Person handelt es sich um eine geschminkte Schauspielerin.

Hitler-Grüße auf "Trauermarsch"

Bei der Demonstration in Chemnitz war von Trauer wenig zu erkennen. Auf Videos sind Neonazis zu sehen, die Parolen brüllen, ihre blanken Gesäße und Hitler-Grüße zeigen.

Ein Teilnehmer erklärte im Interview mit "Vice", der Schlachtruf laute “Töten!”. Zudem rief er "Deutschland den Deutschen" und zeigte ebenfalls den Hitler-Gruß. In sozialen Medien wird nun behauptet, es handele sich dabei um einen Agent Provocateurs, der entweder von linken Gegendemonstranten oder Medien eingeschleust worden sei. Indizien oder Beweise fehlen.

In Kommentaren dazu wird der Mann dennoch als "Merkels Schauspieler" bezeichnet. Ein Mann schreibt: "Schade, dass man seine Mutter nicht eher kennengelernt hat. Ein beherzter Tritt in die Magengrube hätte sicher viele Probleme gelöst." Auf seinem Profilbild lächelt dieser Kommentator freundlich, dazu ein akkurater Haarschnitt und ein weißes Hemd mit Sakko. In seinem Steckbrief steht, er habe in Chemnitz studiert.

Offene Gewaltfantasien

Verrohte Sprache und Gewaltfantasien sind in sozialen Netzwerken Alltag. In Facebook-Gruppen wie "Merkel Regime muss zurücktreten", "Pegida - jetzt erst recht" oder "Deutscher Volksschutz" überbieten sich Tausende Mitglieder gegenseitig darin, immer radikaler aufzutreten.

Rund um die Uhr werden Videos, Bilder und Kommentare gepostet, die belegen sollen, dass Deutschland eine "Merkel-Diktatur" sei, dass die Deutschen systematisch gegen Migranten ausgetauscht werden sollten. Gegen "Invasoren" sei Selbstverteidigung gefragt. Viele träumen vom Bürgerkrieg. Eine Parallelwelt - jederzeit zugänglich über das Smartphone.

"Funkhäuser stürmen"

Die AfD mischt kräftig mit, ihre Bundestagsfraktion sicherte sich die Domain "Messereinwanderung.de". Kriminalität ist eines der wichtigsten Themen, um Angst und Wut zu schüren - und den etablierten Medien zu unterstellen, sie würden lügen oder verzerrt berichten. Journalisten taugen als populäres Feindbild.

Die "AfD Fraktion Hochtaunuskreis" schrieb auf Facebook nun sogar von einer Revolution, bei der Funkhäuser und Presseverlage "gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt" würden. Mittlerweile wurde der Eintrag entschärft.

Auf einer AfD-Seite war davon die Rede, dass bei Revolutionen Funkhäuser gestürmt würden.

Fakes als Mittel zum Zweck

Um zu beweisen, dass die "Mainstreammedien" lügen, werden gezielt falsche Meldungen verbreitet. So beispielsweise die Behauptung, es habe ein zweites Todesopfer in Chemnitz gegeben. Dies wurde immer wieder von offiziellen Stellen dementiert, dennoch ist dieser Fake weiter im Umlauf - sogar international, wie "Vice" analysierte.

Falschmeldung, wonach es ein zweites Todesopfer gegeben habe.

Zum Tathergang kursieren viele vermeintliche Details - beispielsweise, dass der 35-Jährige durch 25 Messerstiche regelrecht "abgeschlachtet" worden sei. In Videos ist von einem Massaker an drei Deutschen die Rede. Sie sollen eine Frau vor einem sexuellen Übergriff geschützt haben. Die Polizei dementierte dies mehrfach, es gebe bislang keine Hinweise darauf.

Dass diese Falschmeldung so viele Menschen erreichte, dürfte auch daran liegen, dass unter anderem die "Bild"-Zeitung dieses Gerücht verbreitet hatte. Sogar international sorgte die Fake News für Aufsehen: Der britische Rechtsextremist Tommy Robinson verbreitete diese Meldung ebenfalls, sein Beitrag wurde mehr als 11.000 Mal geteilt.

In vielen Beiträgen bezeichnen Nutzer den Getöteten Daniel H. weiterhin als Helden, der deutsche Frauen vor Flüchtlinge beschützt habe. Die Medien würden dies nur totschweigen - genau wie das zweite angebliche Todesopfer.

Verdächtiger hatte Mord nicht angekündigt

Die automatische Übersetzung ist im Englischen korrekt.

Über einen der mutmaßlichen Täter von Chemnitz wird auf verschiedenen rechtsextremen Seiten derzeit behauptet, er habe einen Mord quasi angekündigt. Als Beleg wird ein Facebook-Posting des Verdächtigen aus dem Jahr 2016 angeführt. Damals hatte er ein Foto von sich und einem Freund veröffentlicht, daneben steht auf arabisch: "شتقتلكم اصدقائي"

Tatsächlich übersetzt Facebook diesen Satz ins Deutsche mit "Ich werde Euch töten, meine Freunde!" - was inhaltlich allerdings wenig Sinn ergibt. Lässt man sich den Satz ins Englische übersetzen, erscheint: I miss you, my friends. Zwei arabisch-sprachige Mitarbeiter der ARD bestätigen, dass die korrekte Übersetzung lautet: Ich vermisse Euch, meine Freunde.

Warnung vor Medien ein Fake

Zudem kursiert derzeit ein weiterer Fake, mit dem die Glaubwürdigkeit von deutschen Medien beschädigt werden soll. In rechtsradikalen Facebook-Gruppen wird ein angeblicher Pressebericht verbreitet, in dem behauptet wird, dass ein internationaler Journalistenverband vor der einseitigen und irreführenden Berichterstattung über Chemnitz warne.

Auch dies ist eine gezielte Falschmeldung, die sich leicht durchschauen lasse, wie der Flurfunk Dresden anmerkte. Denn der in dem Beitrag genannte Journalistenverband namens "European Press Watch" existiert gar nicht.

Fake über eine angebliche Warnung vor deutschen Medien.

Fake zu weiteren Demos

Die gezielt irreführenden Inhalte werden derzeit massenhaft verbreitet - von Einzelpersonen, rechtsradikalen Blogs und Organisationen. "Pro Chemnitz" ruft für heute Abend zu einer weiteren Kundgebung in Chemnitz auf; AfD und "Pegida" mobilisieren gemeinsam für Samstag zu einem "Trauermarsch".

Fake News haben derzeit Hochkonjunktur.

Rechtsextreme gießen gezielt weiter Öl ins Feuer und behaupten, Kanzlerin Merkel habe angeordnet, die "Bürgerproteste" in Chemnitz von der Bundespolizei niederknüppeln zu lassen. Eine Quelle dafür gibt es nicht, es wird einfach behauptet.

Auch die Berichte, wonach die Bundespolizei am Samstag zum ersten Mal bei Protesten eingesetzt würde, ist falsch. Sie war unter anderem bei G20 und mehreren "Pegida"-Demonstrationen im Einsatz. Auf der Seite der Bundespolizei wird die Unterstützung eines Bundeslandes bei Demonstrationen als normale Aufgabe aufgeführt.

Doch um Fakten kümmern sich die Urheber der zahlreichen Falschmeldungen nicht. Ihre Fake News sind Mittel zum Zweck: Die Wut soll gezielt geschürt werden - und bei den geplanten Demonstrationen vom Netz auf die Straße getragen werden.

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