Ein Mann hält in Indien ein Handy in der Hand | Bildquelle: AP

Fake News in Indien WhatsApp-Maßnahmen ohne Wirkung?

Stand: 07.02.2019 01:27 Uhr

WhatsApp verschärft weltweit die Regeln, um die Verbreitung von Fake News zu verhindern. In Indien gilt die Maßnahme schon seit Sommer, nachdem es zu Lynchmorden gekommen war. Hat es etwas gebracht?

Silke Diettrich, WDR

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Indien hat ein massives Problem mit Falschmeldungen. Ganze Dörfer gerieten im letzten Sommer plötzlich in Panik. Auf einem Video, das sich Bewohner per WhatsApp weitergeleitet hatten, waren mutmaßliche Kindesentführer zu sehen. Jeder Fremde schien plötzlich ein potenzieller Kidnapper zu sein. Wegen falscher Nachrichten brachten verschreckte Dorfbewohner rund 20 Männer um.

Billige Smartphones sind in Indien für einen großen Teil der Landbevölkerung die erste und einzige Verbindung ins Internet. Gerüchte oder Nachrichten? Das sei für die Menschen kaum zu unterscheiden, sagt der Cyber-Experte Pawan Duggal. "In Indien gibt es noch unglaublich viele Menschen, die ungebildet sind. Sie haben ein Smartphone, aber sie können kaum lesen. Dann sehen sie solche Videos auf ihrem eigenen Handy bei WhatsApp. Das führt hier zu Massenhysterien oder eben Morden im Land."

Landesweite Aufklärungskampagnen

Im ganzen Land hat das riesige Debatten ausgelöst. WhatsApp hat in Indien so viele User wie nirgendwo sonst auf der Welt. Der Messenger-Dienst musste reagieren, um aus den negativen Schlagzeilen heraus zu kommen, und hat nach den Morden das schnelle Weiterleiten von Nachrichten eingeschränkt. Auch steht nun über jeder Nachricht, die nicht von direkt von einer Kontaktperson im eigenen Smartphone stammt, dass die Quelle jemand anderes war. Wer, bleibt unbekannt.

Nun schaltet WhatsApp landesweit Aufklärungskampagnen. Die Botschaft ist immer gleich: Erst sehen wir, wie der Messenger-Dienst uns mit unseren Lieben verbindet - und plötzlich tauchen FakeNews auf. Jemand aus der Freundes- oder Familiengruppe reagiert schnell und klärt alle auf, dass solchen Nachrichten nicht geglaubt werden sollten und man sie daher auch nicht weiterleiten solle.

Polizei geht von Dorf zu Dorf

Eine gute Initiative, sagt Pratik Sinha, der Gründer der indischen Faktenchecker-Webseite "altnews". Dennoch bezweifelt er, dass in Indien deswegen heute weniger Falschmeldungen im Umlauf sind. "Facebook hat bis jetzt noch keinerlei Daten darüber heraus gegeben, ob und wie die eingeschränkten Funktionen sich auf die Verbreitung von Nachrichten hier im Land ausgewirkt haben. Die bräuchten wir, um verlässliche Aussagen treffen zu können."

Dass die Massenpanik und Morde aufgehört hätten, sei eher der indischen Polizei zu verdanken. Die Einschränkungen der Facebook-Tochter WhatsApp hätten weniger damit zu tun, glaubt Sinha. "Die Behörden sind von Dorf zu Dorf gegangen und haben die Menschen einzeln darüber aufgeklärt, dass die Videos gefälscht sind."

Mit Handzetteln gegen Fake News

Polizisten verteilen also Handzettel und führen persönliche Gespräche mit Dorfbewohnern. Auch sind die Polizisten nun in den WhatsApp-Gruppen der Dorfbewohner gelistet, damit sie im Zweifel schnell reagieren können, falls erneut Gerüchte verbreitet werden. Allerdings seien die meisten Falschinformationen in Indien politischer Natur, sagt Sinha. Und deren Verbreitung werde nun nicht weniger, sie mache nur ein wenig mehr Arbeit.

"WhatsApp hält uns ja nicht davon ab, weiterhin Nachrichten weiterzuleiten", sagt er. "Es geht nur noch an fünf Menschen, Listen oder Gruppen auf einmal, aber das kannst du beliebig oft tun. Auf einen Schlag erreicht man nach wie vor noch potenziell mehr als 1200 Leute. Für die Verbreitung politischer Propaganda heißt das eigentlich nur, dass man ein wenig mehr investieren muss, um Nachrichten zu verbreiten. Aber die Falschinformationen werden dadurch nicht weniger."

Forderungen an die Politik

Dies sei also keine Lösung für das eigentliche Problem. Es sei auch zu einfach, nur den Social-Media-Plattformen die Schuld für die Verbreitung von Falschmeldungen zu geben. Denn die Regierung müsse auch Verantwortung übernehmen. Bislang gibt es in Indien keine Gesetze, mit denen man gegen die Verbreitung von Fake News vorgehen könnte. Die indischen Politiker würden das auch nicht ändern wollen, weil sie Teil des Problems seien, sagt Sinha: "Leute, die Falschmeldungen verbreiten, werden oft mit Politikern zusammen gesehen. Selbst Parlamentsmitglieder verbreiten falsche Informationen. Und das kann WhatsApp nicht lösen, indem es ein paar Anwendungen ändert."

Noch immer ist es kaum möglich, die Quelle von falschen Nachrichten ausfindig zu machen. Und selbst wenn, musste in Indien bislang niemand harte Konsequenzen befürchten. Im Frühjahr stehen Präsidentschaftswahlen an in der so genannten "größten Demokratie der Welt". Und alle fürchten, dass die Konflikte auf Kosten der Wahrheit in Indien wieder volle Fahrt aufnehmen, egal welche technischen Details auf Social-Media-Plattformen verändert wurden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. Februar 2019 um 10:20 Uhr.

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