Bei Gewalt zwischen verschiedenen Volksgruppen in Nigeria im Juni starben Dutzende Menschen.  | Bildquelle: AP

Gewalt in Nigeria "Wegen Fake News sterben Menschen"

Stand: 16.11.2018 02:20 Uhr

Falschmeldungen haben in Nigeria in einem Konflikt zwischen zwei Volksgruppen zu brutalen Racheakten geführt. Mehrere Personen wurden laut BBC getötet. Die Polizei gibt Facebook eine Mitschuld.

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Von Wolfgang Wichmann, ARD-faktenfinder

Immer wieder kommt es in Nigeria zu Gewalt zwischen unterschiedlichen Volksgruppen. Allein in diesem Jahr gab es mehr als 1500 Tote durch Übergriffe, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker berichtet. Im Bundesstaat Plateau eskalierte die Lage zwischen sesshaften Farmern und umherziehenden Viehhirten im Juni vor allem wegen der Verbreitung von Falschmeldungen bei Facebook, wie die BBC nun in einer aufwändigen Internetreportage berichtete.

Gewalt zwischen Berom und Fulani

Auf der einen Seite sind die Fulani: Ein ehemaliges Nomadenvolk, das aber noch noch immer seine großen Viehherden durch die Region treibt. Auf der anderen Seite die Berom: Eine Volksgruppe von Ureinwohnern im Bundesstaat Plateau - überwiegend sesshafte Ackerbauern, die mit den Herden der Fulani um Futter und andere Ressourcen konkurrieren. Der Klimawandel heizt die bestehenden Konflikte weiter an. Auch Religion spielt eine Rolle: die allermeisten Fulani sind Muslime - Berom sind Christen.

Immer wieder kommt es in Nigeria zu Gewalt zwischen verschiedenen Volksgruppen. Im Juni eskalierte die Lage in der Millionenstadt Jos.

Rund um die Millionenstadt Jos kam es im Juni zu besonders dramatischen Szenen: Zunächst hatte es ab dem 22. Juni in der Provinz Gashish ein Massaker an Vertretern der Berom gegeben. Dabei wurden Berichten zufolge mindestens 80 Menschen getötet.

Alte Aufnahmen bei Facebook geteilt

Unmittelbar danach machten insbesondere bei Facebook angebliche Aufnahmen der Opfer die Runde, wie die BBC berichtet. Darunter ein besonders brutales Video, das den Angriff auf einen Mann mit einer Machete zeigen sollte. Besonders häufig geteilt wurde demnach auch das Foto eines Babys - schwer misshandelt und getötet. Daneben stand der Aufruf an Gott, "die gesamte Generation der Mörder dieses unschuldigen Kindes auszulöschen."

Doch die Aufnahmen stammten nicht von dem aktuellen Vorfall, wie die BBC berichtet: Das Foto des Babys war zu dem Zeitpunkt bereits mehrere Monate alt. Das Video des Mannes stammt laut BBC aus dem Jahr 2012 und entstand nicht in Nigeria, sondern in der Republik Kongo. Seit Jahren wird mit diesem Video in vielen Teilen des Kontinents Wut geschürt.

Wütender Mob tötet wahllos

Doch in der explosiven Stimmung zwischen Berom und Fulani lösten diese Bilder eine weitere Welle der Gewalt aus. "Als wir die Bilder sahen, wollten wir jeden Fulani in unserer Nähe am liebsten aufhängen", wird ein junger Berom in der BBC zitiert. Die Rufe nach Vergeltung wurden immer lauter.

Mobs wütender Berom errichteten Straßensperren. Bewaffnet mit Messern und Macheten kontrollierten sie Fahrzeuge, auf der Suche nach Fulani. Einen Kartoffelhändler aus Jos zogen sie aus dem Taxi und ermordeten ihn. Seine verbrannten Überreste wurden Tage später am Straßenrand entdeckt. Mindestens elf Menschen starben am 24. Juni auf ähnliche Weise. Manche wurden bei lebendigem Leib in Brand gesetzt - andere zerstückelt.

Polizei sieht Mitschuld bei Facebook

Die Polizei im Bundesstaat Plateau überwacht mit eigenem Personal die Ereignisse bei Facebook. Immer wieder finden die insgesamt zehn Beamten Bilder von Gewalt. Immer wieder stellen sie fest: Es handelt sich um Falschmeldungen.

Der zuständige Pressesprecher gibt Facebook eine klare Mitschuld an der Eskalation. Zwar seien Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen älter als das soziale Netzwerk, doch hätten die dramatischen Aufnahmen im Juni eindeutig zu den Vergeltungsmaßnahmen beigetragen:

Wegen dieser Aufnahmen gab es in den folgenden Tagen Straßensperren. Fahrzeuge wurden in Brand gesteckt. So viele Menschen wurden getötet. [...] Wegen Falschmeldungen auf Facebook sterben Menschen.

Facebook verweist auf Kampf gegen Fake News

Im Gespräch mit der BBC verwies Facebook auf Maßnahmen gegen Falschmeldungen in Nigeria: Man achte auf Hinweise aus der Community, nutze entsprechende Algorithmen und Postings würden zudem durch unabhängige Faktenprüfer untersucht.

Dahinter stecken der BBC zufolge Mitarbeiter der Agentur AFP und der regierungsunabhängigen Organisation Africa Check. Insgesamt stehen demnach vier Prüfer für strittige Inhalte in Nigeria zur Verfügung - bei derzeit 24 Millionen Facebook-Nutzern.

"Wir brauchen mehr Faktenprüfer"

Die Organisation Africa Check teilte auf Anfrage des ARD-faktenfinder mit, bei der Kooperation mit Facebook handele es sich zunächst um eine einjährige Testphase. Schon jetzt sei klar, dass man mit den derzeitigen Strukturen nicht in der Lage sei, alle potenziellen Falschmeldungen auch überprüfen zu können.

Dabei seien Falschmeldungen in Regionen mit ethnischen und religiösen Konflikten besonders gefährlich. Doch es sei in der Verantwortung Facebooks, sich stärker zu engagieren: "Wir brauchen mehr Faktenprüfer, um effizient arbeiten zu können."

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