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Facebook-Anzeigen Mehr Transparenz im Schatten-Wahlkampf

Stand: 07.09.2017 16:07 Uhr

Bei Facebook können Parteien gezielt Werbung schalten und damit Wählerstimmen ködern, unbeobachtet von der breiten Öffentlichkeit. Eine Browser-Erweiterung soll nun mehr Transparenz schaffen - mit Hilfe der Nutzer.

Von Stefanie Dodt* und Jan Lukas Strozyk, NDR

Wahlkampf ist längst mehr als Plakate, Hände schütteln und TV-Duelle: Der digitale Wahlkampf wird immer entscheidender. Vor allem in sozialen Netzwerken gehen die Parteien in die Offensive. Der Unterschied zur Wahlwerbung auf Plakatwänden und Flugblättern ist, dass auf Facebook und Co. bestimmte Nutzergruppen direkt angesprochen werden können.

Eine bislang versteckte Wahlkampfbühne. Wie die deutschen Parteien soziale Medien vor der Bundestagswahl für sich zu nutzen versuchen, das möchte die amerikanische Nonprofit-Rechercheorganisation ProPublica mit dem Projekt "Political Ad Collector" sichtbar machen. "Wir wollen Transparenz in den digitalen Wahlkampf bringen", erklärt Projektinitiatorin Julia Angwin von ProPublica.

Tagesschau.de wird das Projekt begleiten und mögliche Fälle analysieren. ProPublica arbeitet zudem im Rahmen von "Political Ad Collector" mit Süddeutsche.de und Spiegel Online als Medienpartnern zusammen.

Klassische Wahlwerbung muss versuchen, möglichst viele Menschen anzusprechen. Online ist es möglich, gezielter Nutzergruppen zu erreichen.

Datenbank politischer Werbeanzeigen

Die Idee hinter dem "Political Ad Collector" ist, dass Facebook-Nutzer sich freiwillig daran beteiligen, eine Datenbank politischer Werbeanzeigen zu erstellen. Dazu installieren sich die Nutzer eine Browser-Erweiterung. Diese Erweiterung sammelt dann anonym die Facebook-Werbung, die dem jeweiligen Nutzer angezeigt wird.

Gleichzeitig hat der Nutzer die Möglichkeit, sich über eine Schaltfläche in der Erweiterung anzeigen zu lassen, welche Werbung ihm nicht angezeigt wird - weil er der Partei zu alt, zu jung, zu süddeutsch, zu norddeutsch, zu konservativ oder zu liberal ist, oder weil ein anderer Parameter nicht in die Kampagne passt.

"Die Nutzer können so vergleichen: Sagen Kandidaten in verschiedenen Regionen verschiedene Dinge in ihrer Wahlwerbung? Sagen sie die Wahrheit? Solange dieser Teil der Wahlkampagne unsichtbar ist, müssen sich die Politiker auch nicht für die Inhalte rechtfertigen", so Angwin.

Anonymer Einfluss?

Gleichzeitig könnte der "Political Ad Collector" dabei helfen, Kampagnen aufzudecken, die abseits der offiziellen Parteienwerbung geschaltet werden. Immer wieder gibt es Anzeigen oder andere Formen der Werbung, die eindeutig eine bestimmte politische Strömung unterstützen, aber von keiner Partei direkt bezahlt werden. Unterstützer versuchen damit anonym Einfluss auf den Wahlkampf zu nehmen.

Wie sehen politische Kampagnen auf Facebook aus? Eine Datenbank soll Transparenz schaffen.

Politische Anzeigen auf Facebook sind außerdem nicht für jeden sichtbar. Das ist, zumindest bei Werbung, die von Parteien geschaltet wird, ein großes Problem: Das Geld für diese Anzeigen stammt teilweise aus Steuermitteln, denn Parteien werden in Sachen Wahlkampf-Ausgaben vom Steuerzahler subventioniert.

Die Allgemeinheit bezahlt also auch für Anzeigen, die nur ein kleiner Teil jemals zu Gesicht bekommen kann. Eine öffentliche Kontrolle darüber, wie die Steuermittel in diesem Fall konkret verwendet werden, ist damit kaum möglich - genausowenig wie eine öffentliche Debatte über die Inhalte der Anzeigen, anders als etwa bei Wahlplakaten.

Nutzer können das Projekt unterstützen

Damit die Daten der politischen Facebook-Werbung gesammelt und öffentlich zugänglich gemacht werden können, braucht es die Teilnahme möglichst vieler Facebook-Nutzer. Wie Sie mithelfen können die Datenbank zu füllen und gleichzeitig herausfinden, welche Facebook-Anzeigen nur anderen angezeigt werden, lesen Sie hier:

So funktioniert der "Political Ad Collector"

Um an dem Projekt von ProPublica teilzunehmen, installieren sich Nutzer die Browser-Erweiterung "Political Ad Collector" (für Chrome hier klicken / in Arbeit ist zudem eine Version für Firefox, die demnächst veröffentlicht werden soll). Sie prüft bei jedem Aufruf einer Facebook-Seite, welche Werbeanzeigen dem Nutzer eingeblendet werden. Mit Hilfe der Nutzer werden die Anzeigen in politische oder unpolitische Werbung kategorisiert.

Politische Anzeigen speichert ProPublica auf einem eigenen Server. So können Parteien die Anzeige im Nachhinein nicht mehr löschen. Gleichzeitig übermittelt die Erweiterung die Parameter, die dazu geführt haben, dass Facebook ausgerechnet diesem Nutzer diese Anzeige ausgespielt hat. Über einen Button kann sich der Nutzer zudem über die Erweiterung auch politische Werbung anzeigen lassen, die Facebook ihm nicht zeigt.

Diese Daten werden erhoben:
ProPublica speichert und übermittelt keine personenbezogenen Daten. Eine Identifizierung des einzelnen Nutzers ist nicht möglich. Der Quellcode der Erweiterung "Political Ad Collector" ist für jeden einsehbar. Die gesammelten anonymen Werbe-Daten werden im Laufe des Projekts der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Die Erweiterung entspricht der Europäischen Datenschutzverordnung und sammelt keine personenbezogenen Daten.  

*Stefanie Dodt ist Reporterin und Autorin im NDR Ressort Investigation mit Standort in New York. Sie ist im September Stipendiatin des Arthur Burns Fellowships mit Station bei ProPublica.

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