Eine populäre Verschwörungstheorie besagt, die USA hätten die Anschläge vom 11.9.2001 selbst geplant und ausführen lassen.

Analyse Faszination Verschwörung

Stand: 10.04.2017 07:19 Uhr

Wir werden belogen und betrogen, mächtige Strippenzieher beherrschen die Welt: Verschwörungstheorien boomen. Besonders in Krisenzeiten sind sie populär. Was fasziniert an der vermeintlichen Wahrheit?

Von Tobias Jaecker, RBB

"Merkel hofft auf zwölf Millionen Einwanderer", "Bundesregierung beschließt: Stabile Demographie dank Massenmigration" - ein Gerücht, das seit Wochen durch Online-Medien wie "Wochenblick" und "Epoch Times" und die sozialen Netzwerke geistert. Anlass der Spekulationen: ein angebliches "geheimes Papier", in dem die Merkel-Regierung "die Masseneinwanderung nach Deutschland" feiere. Das Problem an den reißerischen Berichten: Sie basieren auf verdrehten Fakten, Halbwahrheiten und Lügen. Es ist nicht die einzige Verschwörungstheorie zu Migration und Flüchtlingen, die derzeit kursiert. Wie ist das zu erklären?

Krisenzeiten befeuern den Glauben an Verschwörungen

In Krisenzeiten sind Verschwörungstheorien der Renner. Wenn sich die Menschen von politischen oder wirtschaftlichen Umbrüchen überrollt fühlen, liefern solche Theorien simple, scheinbar schlüssige Erklärungen und präsentieren einen vermeintlichen Schuldigen für die Misere. Das Muster ist immer gleich: Die "offiziellen" Erklärungen von Politik und etablierten Medien sind demnach Lug und Trug. Was sie uns täglich vorgaukeln, soll nur von der "Wahrheit" ablenken.

Wir leben quasi in einem gigantischen Paralleluniversum - wie in Rainer Werner Fassbinders Science-Fiction-Klassiker "Welt am Draht", in dem Wissenschaftler eine künstliche Welt erschaffen haben, die die reale simuliert. Das Weltgeschehen wird von mächtigen Strippenziehern gelenkt, die im Geheimen ihre betrügerischen Pläne umsetzen. Nichts geschieht ungeplant oder zufällig. Verschwörungstheorien basieren also auf Projektion und Personifizierung: Stets wird einer kleinen, aber machtvollen Gruppe unterstellt, das "Volk" über den Tisch zu ziehen.

Eigene Logik

Vordergründig täuschen Verschwörungstheorien dabei eine Logik vor, die in der Wirklichkeit nicht existiert. Das gelingt mit einem einfachen Trick: Willkürlich herausgegriffene Fakten werden in kausale Zusammenhänge gesetzt, andere jedoch unterschlagen. Multikausale Erklärungen gibt es nicht. Jedoch müssen Verschwörungstheorien zumindest ein kleines Körnchen Wahrheit enthalten, um plausibel zu erscheinen. Wie auch im Fall des vermeintlichen Geheimplans zur "Massenmigration": Das Gerücht bezieht sich auf den Demografie-Bericht der Bundesregierung, in dem mehrere Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung durchgerechnet werden. Demnach könnten (!) künftig bis zu 300.000 Menschen jährlich zuwandern - das wären diesem Szenario zufolge zwölf Millionen bis zum Jahr 2060. Es könnte aber auch alles ganz anderes kommen. Den Bericht zum "Geheimplan" zu stilisieren, ist in jedem Fall absurd.

Dass derartige Behauptungen dennoch geglaubt werden, liegt wohl daran, dass sie auf gesellschaftlichen Vorurteilen und Ressentiments aufbauen. In diesem Fall: dem Hass auf Merkels "Willkommenskultur" - auch wenn davon angesichts der verschärften Asylpolitik kaum noch etwas übrig ist. Verschwörungstheoretiker irritieren solche Dissonanzen nicht. Sie fragen stets: "Cui bono?" Sprich: Wem ein Ereignis vermeintlich nützt, der muss es auch verursacht haben. Der vermeintliche Täter steht also von Anfang an fest.

Zentraler Vorwurf: Das Streben nach Macht

In den Fokus geraten fast immer die gleichen Gruppen: Politiker und Wirtschaftsbosse. Aber immer wieder auch "die Juden", oder "die Amis": Gruppen, denen ein nahezu grenzenloses Weltmachtstreben unterstellt wird. Die historisch wohl erfolgreichste Verschwörungstheorie von den "Protokollen der Weisen von Zion" unterstellt etwa, dass die Juden für alles Unheil der Moderne verantwortlich sind. In der Welt der Verschwörungstheoretiker wimmelt es vor Juden, die überall an den Schalthebeln der Macht sitzen. Einst wurde gar kolportiert, dass Helmut Kohl jüdisch sei und eigentlich "Henoch Kohn" heiße.

Auf dem Titelbild des rechten Magazins "Compact" wiederum prangte kürzlich eine verschleierte Angela Merkel – die Kanzlerin als Agentin des Islams. Beim Thema Flüchtlinge werden auch den Amerikanern alle nur erdenklichen Übeltaten unterstellt. Seit längerem kursiert etwa der Begriff der „Migrationswaffe“. Der Publizist Ludwig Watzal, ein ehemaliger Mitarbeiter der Bundeszentrale für Politische Bildung, berichtet in seinem Blog von angeblichen Meldungen, "nach denen die USA pro Flüchtling den internationalen Schleuserbanden Tausende von Euro zahlen, um Europa politisch zu destabilisieren, um es willfähriger für weitere US-Eroberungskriege, wie zum Beispiel in der Ukraine, zu machen." Zum Beleg verlinkt er auf das von Russland finanzierte Nachrichtenportal "Sputnik", das Präsident Putin entsprechend zitiert.

Geld machen mit Verschwörungstheorien

Es hat sich eine regelrechte Verschwörungsindustrie etabliert, die sich auf die Verbreitung derartiger Gerüchte spezialisiert hat - vom rechts-esoterischen "Kopp Verlag" über "Compact" bis hin zur Videoplattform "KenFM". Das krude Gedankengut ist quer durch die Gesellschaft en vogue - selbst unter Menschen, die sich als fortschrittlich und kritisch verstehen. Eine ganze Generation Jugendlicher ist bereits mit den einschlägigen Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 aufgewachsen, die im Internet, in Buch-Bestsellern und Popsongs a la Xavier Naidoo verbreitet werden: Die USA hätten den Terror "selbst gemacht", um neue Kriege zu legitimieren und die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Die Anhänger dieser Thesen behaupten, sie würden nur Fragen stellen. Und tatsächlich gibt es auch reale Verschwörungen, die man aufdecken und kritisieren kann. Doch Verschwörungstheorien haben mit investigativer Recherche und Aufklärung nichts zu tun. Denn es handelt sich eben nicht um Theorien, die sich durch Gegenbeweise korrigieren lassen - sondern um Verschwörungsideologien, die undurchschaubare Ereignisse in ein geschlossenes Weltbild einordnen und alte Feindbilder bedienen. Das macht sie so gefährlich.

"Informationen, die Ihnen die Augen öffnen", verspricht der "Kopp Verlag". Das Gegenteil ist der Fall: Verschwörungstheorien gaukeln nur vor, die Hintergründe des Weltgeschehens zu durchleuchten. Sie sind ein großer Bluff.

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