Syrien Damaskus Deir al-Sor

Nach Bericht des syrischen Militärs Keine Belege für Angriff mit Hunderten Toten

Stand: 14.04.2017 15:43 Uhr

Chemiewaffen in den Händen von Terroristen: Davor warnt das syrische Regime immer wieder. Ein angeblicher Vorfall mit Hunderten Toten soll diese These nun beweisen. Doch Belege gibt es dafür nicht - sogar Russland dementiert.

Von Wolfgang Wichmann, ARD-faktenfinder

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Das syrische Verteidigungsministerium hat am Freitagmorgen eine Meldung veröffentlicht, über einen Luftangriff durch das US-geführte Militärbündnis "Operation Inherent Resolve": In einem Statement der syrischen Militärführung heißt es, es habe einen international geführten Luftangriff auf das Dorf Hatla östlich der Stadt Deir-al-Sor gegeben. Ereignet habe sich der Vorfall zwischen 17:30 und 17:50 Uhr Ortszeit (18:30 bis 18:50 Uhr). Dabei sei ein Lager von Kämpfern des "Islamischen Staates" mit giftigen Substanzen getroffen worden. "Eine weiße Wolke verwandelte sich in eine gelbe", heißt es in der Stellungnahme. Bis 22:30 Uhr habe es "Hunderte Tote" gegeben - darunter eine große Zahl von Zivilisten, die durch das Einatmen giftiger Substanzen gestorben sei.

Dieser Vorfall, so behauptet das syrische Militär, bestätige, dass terroristische Gruppen im Besitz chemischer Waffen seien und in der Lage seien, diese zu bekommen, zu transportieren, zu lagern und auch einzusetzen. Ein Szenario vor dem Syrien immer wieder gewarnt habe. Ergänzt wird diese Schlussfolgerung durch die Behauptung, dass das syrische Militär selbst nicht mehr im Besitz von chemischen Waffen sei.

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA nahm die Meldung der syrischen Militärführung auf und veröffentlichte sie auf Arabisch und Englisch. Daraufhin wurde die Meldung im Internet geteilt und weiter verbreitet. So berichtete unter anderem das russische Nachrichtenportal Sputnik News über den Vorfall, ohne weitere Belege zu liefern.

Russisches Verteidigungsministerium dementiert

Doch der von der syrischen Militärführung beschriebene Vorfall hat sich offenbar gar nicht ereignet und ist mutmaßlich frei erfunden: Davon gehen mehrere Stellen aus. So teilte das Verteidigungsministerium Russlands - also Syriens engster Verbündeter - per Twitter mit, es lägen keine Informationen über einen internationalen Luftangriff in der Gegend um Deir-al-Sor vor. Um die Lage vor Ort zu überwachen, so heißt es in einer zweiten Twitter-Nachricht des Ministeriums, habe man Drohnen (unmanned arial vehicle, kurz UAV) in die Region entsandt.

US-Militärsprecher: "bewusste Falschinformation"

Auch die Internationale Militärintervention "Operation Inherent Resolve" reagierte prompt. Sprecher John Dorrian teilte über per Tweet mit, es handele sich um eine bewusste Falschinformation. Die Meldungen über Luftangriffe unweit von Deir-al-Sor seien "unwahr".

Al-Dschasira: "Es hat keinen Luftangriff gegeben"

Auch aus aus anderen Quellen gab es keine Berichte, die die Angaben zu dem Luftangriff bestätigen. Der "Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte" lagen keine entsprechenden Informationen vor. Der arabische Nachrichtenkanal Al-Dschasira berichtete unter Berufung auf lokale Quellen, es habe am Mittwoch keinen Luftangriff auf den Ort gegeben.

Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Syrian Observatory for Human Rights, SOHR) sitzt in Großbritannien und will Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentieren. Die Informationen der Beobachtungsstelle lassen sich nicht unabhängig überprüfen.  

Keine Belege in den sozialen Netzwerken

Auch in den sozialen Netzwerken finden sich außer der Stellungnahme der syrischen Militärführung keine Hinweise auf einen Vorfall in Hatla. In den über Syrien berichtenden YouTube-Kanälen, Facebook-Seiten oder Twitterkanälen - keine Videos oder Fotos von dem Vorfall. Und auf der Website liveuamap.com, die regelmäßig militärische Vorfälle unter anderem in Syrien im Internet dokumentiert, finden sich keine Belege für einen Luftangriff mit Hunderten Toten. Auch den Betreibern der Website airwars.org, die Berichte über zivile Opfer durch internationale Luftangriffe in Ländern wie Syrien, Irak oder Libyen dokumentiert, liegen keine Belege vor.

Die ortsansässige und oppositionsnahe Medienorganisation Deirezzor24 kritisierte die Berichte der syrischen Regierung als "Fake News": "Hattila sei nicht von einem Luftangriff getroffen worden." Eine weitere lokale Medienseite bei Facebook unter dem Namen "Hammurabis Gerechtigkeit" teilte mit: "Unser Korrespondent verneinte, dass ein Flugzeug der internationalen Allianz einen Angriff auf Hatla ausgeführt hat." Quellen der internationalen Koalition hätten darüber hinaus erklärt, die betreffende Gegend sei in den vergangenen zwei Tagen nicht Ziel der Koalition gewesen. Der Autor und Journalist Hassan Hassan twitterte: "Es gab keinen Luftangriff in Hatla in den vergangenen Tagen."

Mit Informationen der Nachrichtenagentur dpa.

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