Großraumbüro | Bildquelle: a (Weiss)

Luftqualität am Arbeitsplatz Stimmungsmache mit Stickoxiden

Stand: 05.09.2017 10:27 Uhr

Mehrmals hat die AfD bereits behauptet, in Büros gelten viel höhere Grenzwerte für Stickstoffdioxid als auf der Straße. Auch FDP-Chef Lindner äußerte sich entsprechend - und beim TV-Fünfkampf wurde diese Behauptung ebenfalls wiederholt. Richtiger wird sie dadurch aber nicht.

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Kristin Becker, SWR

Von Kristin Becker, SWR

Auf den ersten Blick sind die unterschiedlichen Zahlen irritierend: Der Grenzwert für Stickstoffdioxid liegt im Außenbereich bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Viel höher - bei 950 Mikrogramm pro Kubikmeter - hingegen ist der Wert für bestimmte Arbeitsplätze. Im Wahlkampf nutzen Politiker diese Zahlen auf fragwürdige Weise und mit falschen Bezügen.

Die AfD und die Büros

Es ging mal wieder um Dieselautos und Fahrverbote. Anlass für die AfD-Politikerin Alice Weidel in der Talksendung "Anne Will" zu behaupten, der Grenzwert für Stickoxide sei in Büros viel höher als im Straßenverkehr. Im TV-Fünfkampf sagte Weidel nun, die gesamte Debatte um Grenzwerte um Stickoxide sei

politisch motiviert. Sie bilden eigentlich überhaupt gar nicht die Realitäten ab. So kann bisher niemand erklären, warum die Grenzwerte für Stickoxide aus Verbrennungsmotoren draußen viel niedriger sind als beispielsweise in Büroinnenräumen.

Weidel sagte zudem, 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft sei der Grenzwert "für draußen an Messstationen" und 950 Mikrogramm in Büroinnenräumen.

Auch Parteichef Jörg Meuthen hatte in Facebook-Posts verbeitetet, dass in Büros 23-mal mehr Stickstoffdioxid erlaubt sei als an Straßen.

Basis von Meuthens Behauptung ist ein Artikel von "focus.de", der die Überschrift trägt: "Absurde Dieselpanik! Im Büro ist 20 Mal mehr Stickstoffdioxid erlaubt als auf der Straße". Im Text selbst ist von Büros allerdings gar nicht die Rede. Es geht um "Arbeitsplatzgrenzwerte", die für besondere Arbeitsstätten gedacht sind, an denen Menschen mit gefährlichen Substanzen umgehen. Durch die Kombination von Überschrift und Zahlen und die fehlende Zuordnung suggeriert der Autor jedoch, dass diese - in der Tat höheren - Grenzwerte auch für normale Büroarbeitsplätze gelten würden.

Lindner setzt auch auf das Thema

Ganz in diesem Sinne äußerte sich auch FDP-Chef Christian Lindner, der ebenfalls bei "Anne Will" zugegen war, sich dort aber nicht zu den Grenzwerten einließ. In einem Interview mit der Rheinischen Post sagte Lindner später allerdings: "Wer im Büro arbeitet, darf dauerhaft sehr viel mehr Stickoxid einatmen, als auf der Straße für einen kurzen Moment erlaubt ist." Dieses Zitat verbreitet der Politiker prominent auch auf seiner Facebook-Seite.

Auf Nachfrage des ARD-faktenfinders erklärte sein Sprecher, die Aussage beziehe sich "in ihrem Ursprung auf mehrere Medienberichte der letzten Tage und Wochen und die Technischen Regeln für Gefahrstoffe."

Söder spricht von "Absurdität"

Ähnlich argumentiert nun auch der bayrische Finanzminister Markus Söder. In der "Welt am Sonntag" schimpfte der CSU-Mann aktuell auf eine vermeintliche Absurdität der Grenzwerte mit den Worten: "Im Büro darf der Stickoxid-Wert um ein Vielfaches höher sein als auf den Straßen." Er beziehe sich, so eine Sprecherin gegenüber dem ARD-faktenfinder, ebenfalls auf Berichterstattung und die Differenz zwischen 40 und 950 Mikrogramm.

Richtiger wird die Behauptung zu Stickoxiden in Büros damit aber nicht. Der Blick auf die Regelwerke des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zeigt, warum.

Stimmungsmache mit Stickoxiden
04.09.2017

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Gesunde Luft im Büro

An sich gelten für Arbeitsplätze in Deutschland ganz allgemein die Arbeitsstättenverordnung und davon ausgehend die "Arbeitsstättenregeln". In Sachen Luftqualität besagen diese Folgendes:

In umschlossenen Arbeitsräumen muss gesundheitlich zuträgliche Atemluft in ausreichender Menge vorhanden sein. In der Regel entspricht dies der Außenluftqualität.

Der Stickstoffdioxid-Grenzwert für die Außenluft liegt in der EU derzeit bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresdurchschnitt. Basis dafür sind Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und die entsprechende Luftqualitätsrichtlinie der EU, nach der sich das deutsche Immissionsschutzgesetz richtet. Dabei geht es um die Allgemeinbevölkerung, besonders aber um "empfindliche Bevölkerungsgruppen und auch die Umwelt insgesamt". Der Grenzwert soll daher Säuglinge, Kinder, Kranke, Schwangere oder alte Menschen schützen, die von einem solchen Schadstoff stärker als andere gefährdet werden könnten. Auf Basis der "Arbeitsstättenregeln" gilt für normale Büros ein vergleichbarer Wert.

Innenräume: 40 oder 60 Mikrogramm?

In der Diskussion um Stickstoffdioxid wird teilweise auch ein Wert von sechzig Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (Wochenmittelwert) für Innenräume genannt. Diese Zahl stammt laut Umweltbundesamt aus den 1990er-Jahren und wurde seitdem nicht aktualisiert. Es handelt sich dabei um einen Richtwert, also einen Wert mit Empfehlungscharakter, der von der Innenraumlufthygienekommission lange vor der EU-Richtlinie ausgesprochen wurde. Das Umweltbundesamt empfiehlt jedoch aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse, diesen Wert nicht mehr anzuwenden. Das erklärte die Behörde gegenüber dem ARD-faktenfinder. Eine Überarbeitung der Richtwerte für Stickstoffdioxid stehe derzeit noch aus, werde sich aber voraussichtlich ebenfalls an dem Beurteilungswert für die Außenluft orientieren.

Fensterwand eines Bürohauses am Abend | Bildquelle: dpa

Keine dicke Luft im Büro...

Stahlkocher | Bildquelle: dpa

...in der Industrie kann das anders aussehen.

Die Gefahrstoffverordnung

Anders sieht es aus bei manchen Arbeitsplätzen in der Industrie oder im Handwerk - beispielsweise beim Stahlkochen, in einer Schweißerei, einer Autowerkstatt oder einer Tunnelbaustelle, wo etwa durch dieselbetriebene Maschinen oder andere Verbrennungsprozesse Stickoxide und weitere Schadstoffe entstehen können. Für Tätigkeiten an solchen Arbeitsstätten gelten die Vorschriften der Gefahrstoffverordnung und die entsprechenden "Technischen Regeln für Gefahrstoffe". Dort finden sich besondere Grenzwerte beispielsweise für den Umgang mit Aceton, Schwefeldioxid oder eben Stickstoffdioxid. Erstellt wird die Liste vom Ausschuss für Gefahrenstoffe.

Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS)

Der AGS ist ein Expertengremium, dass das Bundesministerium für Arbeit und Soziales berät, wenn es um Gefahrenstoffe geht. Die Mitglieder des Ausschusses kommen aus Industrie, Wissenschaft und Unfallversicherung, aber auch von Arbeitnehmerseite, etwa den Gewerkschaften. Der AGS erstellt auf Basis wissenschaftlicher Empfehlungen die Arbeitsplatzgrenzwerte für den Umgang mit Gefahrstoffen.

Der zentrale Unterschied: Der Grenzwert bei Arbeiten mit Gefahrstoffen zielt auf gesunde Erwachsene, die in einer definierten Zeit - fünf Tage pro Woche maximal acht Stunden pro Tag - diesen Substanzen ausgesetzt sein dürfen. Im Fall von Stickstoffdioxid darf dann nicht mehr als 950 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Luft sein.

Der viel niedrigere Wert für die Außenluft hingegen gilt für alle Menschen und bezieht besonders auch die Schwächsten mit ein. Ziel ist, dass sich ein Mensch - auch einer, der angeschlagen ist - im Freien bzw. in seiner anliegenden Wohnung problemlos ein ganzes Leben lang aufhalten können soll. Während also die Luft draußen und in den meisten Innenräumen "gesundheitlich zuträglich" sein soll, geht es im Fall der beschriebenen Industrietätigkeiten darum, dass die Luftbelastung einem gesunden, erwachsenen Menschen im Allgemeinen nicht schaden darf.

Spezielle Arbeitsplätze, spezielle Grenzwerte

Es ist dabei nicht ungewöhnlich, dass für spezielle Arbeitsbereiche andere Grenzwerte gelten als für die Allgemeinheit. Beispielhaft dafür ist auch die Strahlenbelastung. So gilt laut Bundesamt für Strahlenschutz für die normale Bevölkerung ein Grenzwert von ein Millisievert. Für sogenannte strahlenexponierte Personen - dazu gehören unter anderen Piloten, Arbeiter in Atomkraftwerken oder Radiologen - liegt die effektive Jahresdosis bei 20 Millisievert. Also 20-mal höher.

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung Anne Will am 20. August 2017 um 21:45 Uhr und BR2 radioWelt am 18. Juli 2017 um 06:05 Uhr.

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