Ein humanoider Roboter ("NAO") und ein Mensch machen einen "fist bump" auf dem Stand der Stadtbibliothek Köln bei der IT-Messe CeBIT in Hannover. | Bildquelle: dpa

Social Bots im Wahlkampf AfD verzichtet auf Meinungsroboter - oder nicht?

Stand: 29.04.2017 11:49 Uhr

Die AfD hat sich gegen den Einsatz von Social Bots im Wahlkampf ausgesprochen. In ihrem Umfeld finden sich dennoch Netzwerke, die automatisiert Inhalte verbreiten. Wie sie wirken, ist unter Experten umstritten.

Von Jenny Stern, BR

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Mitten im US-Wahlkampf im Herbst 2016 einigten sich die Parteien in Deutschland, keine Social Bots vor der Bundestagswahl einzusetzen. Nur die "Alternative für Deutschland" wollte sich die Option kurzzeitig noch offenhalten: "Selbstverständlich werden Social Bots in unserer Strategie im Bundestagswahlkampf bedacht werden", sagte Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel dem „Spiegel“ im Oktober. Gerade für junge Parteien wie die AfD seien Social-Media-Tools wichtige Instrumente, um die Positionen unter den Wählern zu verbreiten.

Das Dementi, das darauf folgte, ging in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend unter. Zwei Tage später ruderte die AfD nämlich zurück und schrieb auf ihrer Webseite: Zwar gebe es Analyse- oder Hilfsprogramme, die die tägliche Arbeit erleichtern könnten. Doch werde die Partei „keine Social Bots einsetzen, die auf Seiten Dritter im Namen der AfD automatisiert posten oder ähnliches“.

Keine Social Bots bei Bundestags- und Landtagswahl

Seit dem Parteitag in Köln am vergangenen Wochenende ist klar: Weidel wird ihre Partei als Co-Spitzenkandidatin in den Wahlkampf führen. Und das ohne fragwürdige technische Hilfe durch Social Bots: "Die AfD beabsichtigt in keiner Form den Einsatz von Social Bots. Solche Tools wirken meinungsverzerrend, wir verzichten darauf", teilte die AfD auf Anfrage der ARD-faktenfinder mit. Auch zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 7.5. schließt die Partei deren Einsatz kategorisch aus.

Social Bots oder Service Bots?

Dass sich die Partei schwer tut mit der Unterscheidung zwischen hilfreichen Service Bots und manipulativen Social Bots zeigt auch das folgende Beispiel: Als der Chatbot Novi des öffentlich-rechtlichen Jugendangebots "funk" im Januar an den Start ging, reagierte die AfD mit einem Post, der die Facebook-App fälschlicherweise als gefährlichen Social Bot darstellte: "ARD & ZDF indoktrinieren Jugendliche nun mit einem eigenen Social-Bot!", schrieb die Partei und kam zu dem Schluss: "Die Meinungsfreiheit in Deutschland steht auf dem Spiel."

Damit verbreitete die AfD den Irrtum, alle Bots seien grundsätzlich schlecht. Doch Novi ist harmlos, vor allem deshalb, weil er sich sofort als Bot zu erkennen gibt. Eine unbewusste Manipulation ist deshalb ausgeschlossen. Der Nutzer muss den Chatbot direkt anschreiben, ehe dieser mit ihm kommuniziert und mit Nachrichten versorgt.

Ein Social Bot agiert hingegen verdeckt: Eine Software gibt vor, ein echter Mensch zu sein und simuliert menschliche Handlungen, indem sie automatisiert Nachrichten verschickt, Posts teilt und den "Gefällt mir"-Button drückt.

#novibot.de
Faktenfinder, 28.04.2017

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Netzwerke verbreiten gezielt AfD-Inhalte

Auch wenn die AfD den Social Bot nicht einsetzen will, haben Experten Netzwerke mit derartiger Software in ihrem Umfeld entdeckt. Ob die Partei direkt mit ihnen in Verbindung steht oder diese gar in Auftrag gab, lässt sich kaum nachweisen. Bei Twitter fanden Experten Netzwerke, die gezielt Inhalte der AfD verbreiten. Das Projekt Botswatch analysiert die Aktivität von Social Bots und untersucht dabei, inwieweit sie die Diskussion über politisch relevante Ereignisse wie Polittalkshows oder Parteitage beeinflussen. Zur Sendung "Hart aber Fair" vom 12. Dezember 2016 waren es zum Beispiel 132 falsche Accounts, die 701 automatisierte Tweets absetzten. Insgesamt schätzt Gründerin Tabea Wilke den Anteil von Social Bots in politischen Debatten in Deutschland auf zehn bis 25 Prozent.

Die automatisierten Tweets der Social Bots können Themen und Meinungen schneller verbreiten, dadurch werden Debatten und politische Stimmungen verzerrt. In der Untersuchung von Botswatch landete das Stichwort "AfD" durch den Einfluss von Social Bots in der Liste mit den am meisten verwendeten Begriffen der Sendung.

Auch die Redakteure der Frankfurter Allgemeine Zeitung machten auf Facebook Accounts aus, hinter denen mit hoher Wahrscheinlichkeit Maschinen stecken sollen: Auffällige Profile einer "Anja Bahl" oder eines "Norbert Bill" posten Fotos mit dem AfD-Parteilogo oder Wahlplakaten und teilen Meldungen wie "Polizeibekannter Vergewaltiger aus Pakistan kann nicht abgeschoben werden" oder "Familiennachzug von Syrern und Irakern hat sich verdreifacht".

Möglicher Einfluss auf Wahlergebnisse

Wilke von Botswatch ist sich sicher, dass Social Bots einen Einfluss auf den Ausgang der Bundestagswahl im September haben können. "Das Ergebnis wird man nicht ausschließlich auf Social Bots zurückführen können", sagt Wilke, die selbst Mitglied bei der CDU ist. "Aber sie können die Agenda setzen und Geschichten platzieren."

Ein Szenario, das Wilke für sehr realistisch hält: Ein bis zwei Wochen vor der Wahl könnten Dokumente von Kandidaten geleakt werden, Social Bots würden diese dann gezielt streuen und verbreiten. Dafür sprächen auch die gezielten Hackerangriffe auf politische Institutionen in letzter Zeit.

Der Einfluss von Social Bots auf die politische Willensbildung ist unter Experten aber umstritten. Simon Hegelich, Professor für Political Data Science, mahnt zum Beispiel, ihre Wirkung nicht zu überschätzen. Er zweifelt daran, dass sich Menschen nur wegen Social Bots politisch beeinflussen lassen und ihre Meinung ändern.

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