Gegendemonstration AFD Berlin | Bildquelle: dpa

Debatte über Zahl der Demonstranten Wie man Teilnehmerzahlen berechnet

Stand: 29.05.2018 09:10 Uhr

72.000 zu 2000 - 5000 zu 12.000? Nach der AfD-Demo in Berlin ist strittig, wieviele Menschen demonstrierten. Polizei und AfD nennen Schätzungen. Dabei gäbe es bessere Methoden.

Von Konstantin Kumpfmüller, MDR

Am Sonntag haben in Berlin 5000 Menschen an einer AfD-Demonstration unter dem Motto "Zukunft Deutschland“ teilgenommen. An den Gegenprotesten beteiligten sich 25.000 Menschen. Auf dieses Ergebnis kommt zumindest die Polizei Berlin. Laut eigener Aussage schätzt sie aufgrund von Erfahrungswerten. Anhand von Breite und Länge des Demonstrationszugs könne beispielsweise auf die Teilnehmerzahl einer Veranstaltung geschlossen werden.

AfD-nahe Seiten und Blogs schreiben von mehr als 10.000 Teilnehmern bei der AfD-Demo. Die Partei selbst gibt die Zahl der Teilnehmer ihrer Veranstaltung mit rund 8000 an. Die Zahl ist geschätzt, wie die AfD auf Nachfrage des ARD-Faktenfinders mitteilte.

Wieviele auf welcher Seite? Die Angaben über Teilnehmerzahlen bei AfD und Gegenprotest schwanken.

Auch die Gegenseite präsentierte Zahlen: Das Bündnis "Stoppt den Hass“ schreibt auf Twitter, dass ihrer Zählung zufolge 72.000 Menschen an den Gegenprotesten beteiligt waren. Diese Zahl ist das Ergebnis von Schätzungen der einzelnen Anmelder der 14 Gegendemonstrationen. "Stoppt den Hass" glich die Zahlen dann mit Bildern der Demonstrationen ab.

Die Polizei Berlin schätzt laut eigener Aussage aufgrund von Erfahrungswerten. Anhand von Breite und Länge des Demonstrationszugs werde beispielsweise auf die Teilnehmerzahl einer Veranstaltung geschlossen. Auf erneute Anfrage sprach die Polizei von einer "groben Zählung". An mehreren Punkten würden Beamte zählen, für eine genaue Erhebung fehle aber meist die Zeit.

Wissenschaftliche Methoden gibt es

Allerdings sind auch systematische Erfassungen großer Menschenmengen durchaus möglich und werden andernorts auch angewandt: So gibt es in Leipzig und Dresden beispielsweise die Forschergruppe "Durchgezählt", um Angaben über Personengruppen wissenschaftlich zu untermauern. So schätzte bei der ersten "Legida“-Demonstration in Leipzig 2015 die Polizei die Zahl der Teilnehmer auf rund 15.000. Dem stellte "Durchgezählt“, bestehend aus Soziologen und Studenten, ihre Ergebnisse entgegen. Statt der geschätzten 15.000 kamen sie auf rund 5000. Regelmäßig erheben sie seitdem Zahlen von Demonstrationen in Leipzig und Dresden.

Die Forscher benutzen vor allem zwei Methoden: Bei der Zählmethode stehen Beobachter neben der Demonstration und zählen die vorbeilaufenden Menschen. Später werden die Zahlen der Beobachter dann miteinander verglichen, um mögliche Fehler auszugleichen.

Bei der zweiten Methode wird die Fläche der Kundgebung gemessen. Wenn bekannt ist, wie groß sie ist, kann anhand der angenommenen Menschendichte hochgerechnet werden, wie viele Teilnehmer da waren. Umstritten bleibt dann die Frage, wie viele Menschen im Schnitt auf einem Quadratmeter standen. Diese Methode kann mit dem Tool "Map Checking" überprüft werden. Es berechnet, wie viele Menschen auf eine bestimmte Fläche passen.

Am zuverlässigsten sind Satelliten- und Luftaufnahmen stationärer Kundgebungen, anhand derer hinterher die Zahl der Demonstranten gezählt werden kann. Ein sehr genaues, aber auch langwieriges Verfahren.

"Alternative Fakten"

Auch bei Donald Trumps Amtseinführung zum US-Präsident im Januar 2017 spielten Luftbilder eine wichtige Rolle. Obwohl die Aufnahmen ein anderes Bild zeigten, behauptete der damalige Pressesprecher Sean Spicer, dass mehr Menschen anwesend waren als bei der des Vorgängers Barack Obama. Trumps Beraterin prägte in dem Zusammenhang den Begriff "alternative Fakten".

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