Flagge Russlands

Russland und die Fake News Kampagne mit kurzen Kommentaren

Stand: 05.04.2017 07:07 Uhr

Nachdem die EU und andere Akteure bereits gegen Fake News vorgehen, hat auch das russische Außenministerium eine entsprechende Webseite aufgebaut. Die Erklärungen zu den mutmaßlichen Fake News sind aber knapp bis widersprüchlich.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Silvia Stöber Logo tagesschau.de
Silvia Stöber, tagesschau.de

Es klang ambitioniert, was die Sprecherin des russischen Außenministeriums am 22. Februar ankündigte: Ziel sei es, auf einer Webseite die wichtigsten Fake News über Russland aufzuzeigen und ihre Weiterverbreitung zu verhindern. Maria Sacharowa versprach, Beispiele für Propaganda zu veröffentlichen und Quellen zu nennen.

Das russische Außenministerium reagierte damit offenkundig auf Initiativen, die sich die Aufdeckung von Lügen zur Aufgabe gemacht haben. Dazu zählen bereits seit 2014 Studenten und Absolventen einer Journalistenschule in Kiew, die auf ihrer Webseite Stop Fake vor allem Falschinformationen russischer Medien dokumentieren.

Der Auswärtige Dienst der EU stellte im September 2015 ein Team auf, das sich umfassend mit Behauptungen hauptsächlich russischer Akteure befasst und Fakten dagegenstellt. Die NATO betreibt zudem seit August ein strategisches Kommunikationszentrum zur Bekämpfung von Propaganda. Seit Mitte Februar will also auch Russland, das immer wieder beschuldigt wird, massiv Desinformation zu betreiben, gegen Fake News vorgehen.

Seite des russischen Außenministeriums

Das russische Außenministerium will Fake News über Russland enttarnen. (Screenshot)

Roter Stempel: Fake

Was hat das russische Außenministerium seitdem als angebliche oder tatsächliche Fake-News aufgeführt? In den ersten zwei Tagen erschienen gleich fünf Beispiele. Auf Screenshots der Artikel prangt ein roter Stempel: Fake. Doch war nicht mehr zu erfahren, als die Behauptung, dass der betreffende Artikel falsche Behauptungen enthalte.

Nachdem das Ministerium dafür Spott geerntet hatte, versah es ab dem 27. Februar neue Fälle mit zumindest kurzen Erklärungen. Insgesamt sind es bislang 14 Einträge.

Im Fokus stehen dabei Veröffentlichungen seriöser Medien - wie der "New York Times", der BBC oder der "Financial Times". Dabei ist aber auch der "Santa Monica Observer", der fragwürdige oder satirisch gemeinte Nachrichten veröffentlicht; beispielsweise die Behauptung, Sänger Kanye West sei nach einem Treffen im Trump-Tower zum Staatssekretär ernannt worden.

Während das Außenministerium in seinen Anmerkungen zu angeblichen Fake News kaum Fakten liefert und sich in vielen Fällen mit Zitaten von Außenminister Sergej Lawrow und Präsident Wladimir Putin begnügt, werden den Medien reichlich Vorwürfe gemacht. Da ist zum Beispiel von einer "Boulevardisierung" die Rede, die zur Veröffentlichung unglaubwürdiger und manchmal unverhohlener Lügen führten und damit die Redefreiheit untergraben würden.

Silvia Stöber, tagesschau.de, zum Umgang mit mutmaßlichen Fake News in Russland
tagesschau24 15:00 Uhr, 05.04.2017

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Außenministerium widerspricht sich selbst

Doch so genau nimmt es das russische Außenministerium in seinen Stellungnahmen zu den angeblichen Fake News selbst nicht: In den Anmerkungen zu einem Beitrag des Senders "Al Dschasira" widerspricht es den Aussagen seiner eigenen Mitarbeiter.

Das Außenministerium kritisiert in seinem Kommentar, "Al Dschasira" habe Lawrow mit den Worten zitiert, Russland tausche mit den Taliban Geheimdienstinformationen zum Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) aus. Eine klare Lüge sei das, der Außenminister habe niemals etwas dergleichen gesagt.

Allerdings hatte "Al Dschasira" gar nicht Lawrow zitiert, sondern von einer Ankündigung des Außenministeriums berichtet. In der Tat hatte Samir Kabulow, ein hochrangiger Diplomat und Afghanistan-Sondergesandter Präsident Putins, im Dezember 2015 gesagt, Russland habe Kommunikationskanäle zu den Taliban eingerichtet, um Informationen auszutauschen. Russland und die Taliban hätten das gemeinsame Interesse, den IS zu bekämpfen. Außenministeriumssprecherin Sacharowa bestätigte der "Washington Post" noch am gleichen Tag, dass Russland und die Taliban Informationen bezüglich des Kampfes gegen den IS austauschen.

Maria Sacharowa | Bildquelle: picture alliance / dpa

Sprecherin Sacharowa selbst hatte bestätigt, dass es einen Informationsaustausch zwischen Russland und den Taliban gibt.

Zitate zur Provokation erklärt

In seinen Kommentaren zu anderen angeblichen Fake News beklagt das russische Außenministerium, dass es nicht um eine Stellungnahme gebeten worden sei - so bei einem Bericht des US-Senders CNN über den russischen Botschafter in den USA, Sergej Kisljak. Darin wurden Mitarbeiter der US-Regierung zitiert, demzufolge US-Geheimdienste Kisljak für einen der russischen Top-Spione halten. Dieses Zitat wird als "ungeheuerliche Medienprovokation" bezeichnet.

Auch einen Bericht eines BBC-Reporters in den USA prangert das Außenministerium als "absolut absurde Geschichte" an. Der Journalist hatte ihm bekannte und seiner Einschätzung nach glaubwürdige Quellen mit der Aussage zitiert, der russische Diplomat Michail Kalugin sei ein Spion. Der BBC-Reporter hatte aber ebenso das russische Außenministerium und Kalugin selbst zitiert, um die Aussagen einzuordnen. Auch wenn Kalugin in dem umfangreichen Bericht nur ein Aspekt von vielen war, nahm das russische Außenministerium dies zum Anlass, den ganzen Text als "Fake" zu brandmarken.

Überschaubare Anzahl von Beispielen

Wenn sich das russische Außenministerium seinerseits als Verfechter der Wahrheit und der Medienfreiheit darstellt, so erscheint dies zumindest fragwürdig, da gezielte Fehlinformationen offenkundig zur außenpolitischen Strategie zählen. So hatte Verteidigungsminister Sergej Schoigu am 22. Februar angekündigt, eine Spezialeinheit für Kriegsführung mit Nachrichten aufzustellen. "Propaganda muss smart, kompetent und effektiv sein", zitierte die russische Nachrichtenagentur Tass am 22. Februar Schoigu.

Das Außenministerium sei ein Propaganda-Arm des Kreml geworden, zitierte die "New York Times" kürzlich den angesehenen Journalisten Alexej Venediktov von der Radiostation Echo Moskau.

Russlands Präsident Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergej Schoigu auf der Krim

Russlands Präsident Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergej Schoigu auf der Krim

Das russische Außenministerium selbst wird jedoch nicht müde, mit dem Finger auf andere zu zeigen: Sprecherin Sacharowa behauptete am 23. März, es gebe eine neue Serie antirussischer Kampagnen im Zusammenhang mit der Fußball-WM 2018 in Russland. Man werde bald Zeuge werden, wie sich der Westen einmische und die WM in Russland verhindern wolle. Belege dafür lieferte das Ministerium auf seiner Webseite bislang noch nicht.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. April 2017 um 15:00 Uhr.

Darstellung: