Donald Trump | Bildquelle: AFP

Ferndiagnosen zu Trumps Gesundheit "Das ist unredlich"

Stand: 26.04.2017 15:11 Uhr

Fachleute streiten öffentlich über Trumps geistige Gesundheit: Ist der US-Präsident vielleicht gefährlich? Viele reden, aber keiner von ihnen hat Trump je untersucht. Das sei unredlich, sagen Kritiker.

Von Wolfgang Wichmann, ARD-faktenfinder

Die Gesundheit von Kandidaten für politische Ämter - ein wiederkehrendes Thema insbesondere in Wahlkämpfen. So sah sich die Bewerberin der US-Demokraten für das Präsidentenamt, Hillary Clinton, mit Aussagen konfrontiert, sie würde eine Krankheit verschweigen. Auch ihr Gegner im Wahlkampf, Donald Trump, beteiligte sich an Spekulationen. Er schickte Genesungswünsche mit zweifelhaften Kommentaren und befeuerte die Debatte noch.

Trumps Gesundheit ist ein Thema

Doch auch Trump sieht sich seit Monaten mit Gerüchten konfrontiert, die seinen Gesundheitszustand betreffen. Mal ist von einem früheren Schlaganfall die Rede, dann von einer Parkinson-Erkrankung oder an anderer Stelle von einer nicht behandelten oder richtig ausgeheilten Erkrankung - mit nun psychiatrischen und neurologischen Symptomen. Belastbare Belege gibt es dafür nicht.

Wolfgang Wichmann Logo tagesschau.de
Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Trotzdem berichten seit Wochen auch große Medien in den USA und Großbritannien über die psychische Verfassung des US-Präsidenten. So finden sich Meldungen in der "New York Times", dem "Forbes Magazin", der "Daily Mail" oder dem "Independent". Auch deutsche Medien wie die "Süddeutsche Zeitung" und die "Bild" griffen das Thema auf. In diesen Berichten werden studierte Psychologen zitiert - teils Fachleute in ihrem Gebiet mit jahrelanger Erfahrung.

Diagnose ohne persönlichen Kontakt

Vor allem der US-Psychologe John Gartner ist darum bemüht, Trumps psychische Gesundheit öffentlich zu thematisieren. Gartner arbeitete eigenen Angaben zufolge 28 Jahre lang als Assistenzprofessor an der Johns Hopkins University Medical School in Baltimore. Inzwischen betreibt er eine private Praxis mit Büros in Baltimore und New York. Er veröffentlichte bereits ein Buch über den früheren US-Präsidenten Bill Clinton - eine Art Psychogramm zu Clintons Präsidentschaft. Doch nun hat sich Gartner der Person Trump verschrieben: Er ist davon überzeugt, dass Trump psychisch krank ist. Gartner sieht in Trump sogar eine Gefahr. Seine Diagnose lautet "maligner Narzissmus" - was man etwas frei mit "bösartiger Selbstverliebtheit" übersetzen könnte. Zu diesem Schluss kommt Gartner, obwohl er den US-Präsidenten nie persönlich getroffen oder untersucht hat.

Beobachtung als Grundlage der Diagnose

Doch wie kommt Gartner zu seiner Diagnose? Das "Forbes"-Magazin veröffentlichte dazu im Februar 2017 einen Artikel mit dem Titel "Die Debatte um Trumps Psyche: Ist es falsch zu behaupten, er sei geisteskrank?" Die Diagnose "maligner Narzissmus" beziehe sich auf ein Quartett von vier Merkmalen, die bei Trump ausgeprägt seien: "Narzissmus, Paranoia, eine anti-soziale Persönlichkeitsstörung und ein Schuss Sadismus".

Als Grundlage für seine Diagnose nennt Gartner das "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders", kurz DSM-5. Übersetzt heißt das Buch: "Diagnostisches und Statistisches Handbuch für Psychische Krankheiten". Es handelt sich dabei um das Standardwerk zur Bewertung und Beurteilung psychischer Krankheiten in den USA. Es beinhaltet Beschreibungen aller psychischer Krankheiten und der dazu gehörenden Merkmale. Das Handbuch, so Gartner gegenüber "Forbes", gebe einen Überblick über "beobachtbare Kriterien für jede mögliche psychische Krankheit".

Die Diagnose "maligner Narzissmus" ist im amerikanischen Diagnosesystem DSM-5 enthalten, bestätigt der langjährige klinische Psychiater Christian Plewnia auf Anfrage des ARD-faktenfinder. Doch die in diesem Zusammenhang im Handbuch genannten Merkmale seien Neigung zur Manipulation, Unehrlichkeit und Gefühlskälte. Die vier von Gartner angeführten seien dagegen "charakteristische Ausprägungen unterschiedlicher Persönlichkeitsstörungen". Und Plewnia ergänzt: "Das ist ein Cocktail von allem Schlimmen. Das wirkt zusammengewürfelt und lässt die Persönlichkeit Trump so ganz besonders bedrohlich erscheinen."

Widerspruch von Experten

Gartners Ansatz stößt auch bei anderen Kollegen auf teils massive Kritik. Deutlich wird das am Streit über das Krankheitsbild "Narzissmus". Allen Frances, früher Professor an der Duke Universität, hat die Kriterien zur Beurteilung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung für das DSM-Handbuch entwickelt. Bei Twitter weist er Gartners Diagnose für Trump zurück: Bei ihm träfen die von ihm entwickelten Kriterien nicht zu. Trump sei nicht psychisch krank.

Auch Plewnia ist verwundert über die Argumentation Gartners: "Nur weil sich jemand sehr komisch oder furchteinflößend verhält, ist er noch nicht krank." Die Beurteilung einer potenziellen Gefahr sei dann eine politische und keine medizinische. Das Konzept der Persönlichkeitsstörung für die Beurteilung von Trumps Gesundheit ist Plewnia zufolge darüber hinaus gar nicht treffend. Denn in der Regel müsse bei einem Patienten mit Persönlichkeitsstörung eine mindestens mittelgradige Beeinträchtigung des eigenen Funktionsniveaus über einen längeren Zeitraum festgestellt werden. Das aber sei bei Trump nicht erkennbar - "nach medizinischen Kriterien funktioniert er".

Plewnia, der in leitender Funktion als Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen arbeitet, sieht in den Auftritten Gartners eine "Inszenierung, die seinen Interessen dient". Gartner habe sich das Vorgehen vorher überlegt und nutze "die Macht, die er dabei ausübt, um Aufmerksamkeit zu erregen und Angst zu schüren. Es wird geredet was plausibel klingt, aber nicht ist."

Anti-Trump-Aktivist mit einer Mission

Gartner ist offenkundig zu einem Anti-Trump-Aktivisten geworden. Er startete beispielsweise eine Online-Petition zur Amtsenthebung des US-Präsidenten: "Im Fachbereich der psychischen Krankheiten Tätige erklären Trump für geisteskrank und fordern seine Absetzung." Die Petition zählt mehr als 50.000 Unterschriften. Ob alle Unterzeichner tatsächlich im Bereich der psychischen Krankheiten arbeiten, ist offen.

Gartner gründete zudem eine Facebook-Gruppe mit dem Namen "Duty to warn" (übersetzt "Die Verpflichtung zu warnen"). Laut Beschreibung sammelt die Gruppe Personen mit der Überzeugung, dass Trump wegen einer psychischen Erkrankung nicht in der Lage sei, das Amt des Präsidenten auszuüben. Die Gruppe hat mehr als 1000 Mitglieder. In ihrem Denken bezieht sich die Gruppe auf die in den USA geltende "Tarasoff-Regelung". Demnach sind in meisten Staaten Ärzte von der Schweigepflicht befreit, wenn sie bei ihrer Arbeit mit Menschen eine konkrete Gefährdung feststellen. Eine Warnung der gefährdeten Personen ist der Regel zufolge möglich, in einzelnen Staaten sogar eine Pflicht für die betreffenden Mediziner.

Weitere Fachleute warnen vor Trump

Zuletzt sprach Gartner beispielsweise am 20. April auf einer Professoren-Konferenz an der School of Medicine der Universität Yale. Der "Independent" berichtete über die Veranstaltung - ebenso wie "Daily Mail".

Dabei äußerte sich auch der Psychiater und Professor der New York Universität James Gilligan. Er habe bei seiner Arbeit in Gefängnissen mit einigen der gefährlichsten Menschen der Gesellschaft gearbeitet und er sei in der Lage, die Gefahr von Menschen aus der Distanz von einer Meile zu erkennen. Und bezugnehmend auf Trump ergänzte Gilligan: "Man muss kein Experte für Gefährdung sein oder 50 Jahre damit verbracht haben diesen Bereich zu studieren wie ich selbst, um zu dem Schluss zu kommen, wie gefährlich dieser Mann ist."

Experten spekulieren öffentlich über die Gesundheit von US-Präsident Trump.

Professor Plewnia hält diese Art von Aussagen für "Angeberei" und verweist auf die Auftritte einiger "Neurowissenschaftsdarsteller, die davon leben". "Das kann man nicht." Als Psychiater sei man in der Lage eine Aussage zu treffen, die einem Richter eine Entscheidung über die Gefährlichkeit einer Person erlaubten. "Ein Urteil über die Gefährlichkeit einer Person würde ich einem Psychiater alleine nicht überlassen."

Yale-Professorin sieht US-Gesellschaft in Gefahr

Nach der Konferenz mit Gartner und Gilligan betonte dennoch auch die Yale-Professorin und Psychiaterin Bandy X. Lee ihre Warnung vor Trump. In einem Interview für den "Independent" sagte sie, Trump zeige viele Zeichen für eine gefährliche mentale Beeinträchtigung und er könnte so eine Gefahr sein für das Überleben der amerikanischen Gesellschaft.

Zuvor hatten bereits weitere Wissenschaftler Gartners Warnung vor dem amtierenden US-Präsidenten unterstrichen: Die "New York Times" veröffentlichte im Februar 2017 einen Brief von 35 Fachleuten für psychische Erkrankungen, die ihre Besorgnis über den psychischen Gesundheitszustand Trumps nicht länger für sich behalten wollten. Zu viel stehe auf dem Spiel, heißt es da.

"Das stigmatisiert psychisch Kranke"

Das Vorgehen dieser Leute "stigmatisiert psychisch Kranke", beklagt der Tübinger Uni-Klinikum-Professor Plewnia. Die Kritik von Experten im Gebiet der Psychiatrie an Trump erwecke leicht den Eindruck, die Gefährlichkeit Trumps lasse sich durch eine Krankheit einfacher erklären. So werde der Irrglaube bestärkt, dass die Feststellung einer psychischen Erkrankung die Menschen generell zu einer Bedrohung werden ließe.

Trump wirke in der Tat "sprunghaft, unkontrolliert, schamlos - auch ungehemmt und manipulativ", so Plewnia. Aber es sei "Unfug, Trump deshalb ohne Untersuchung für krank zu erklären." Denn er funktioniere in seinem Umfeld. "Das Wort krank hat aus psychiatrischer Sicht in diesem Kontext nichts verloren." Wenn Gartner den US-Präsidenten für gefährlich halte, solle er sagen, dass er gefährlich sei. Mehr nicht. Eine Diagnose zu stellen - bezugnehmend auf Medienquellen alleine - sei unredlich. "Wer behauptet, eine sinnvolle Diagnose ohne Gespräch mit dem Patienten stellen zu können, handelt fahrlässig", so Plewnia. Denn es gelte zu klären: "Wie geht Trump mit Frau und Kindern um, wenn keiner dabei ist? Wie war es in seiner Kindheit und Jugend? Wie verhält er sich wirklich?"

Kritiker sehen Verstoß gegen Ethik-Regel

Gartner und seine Mitstreiter, so sehen es weitere Kritiker, brechen mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit zu Trump eine Grundregel der Psychiatrischen Vereinigung der USA (American Psychiatric Association, APA): die sogenannte Goldwater-Regel. Diese besagt im Kern: Eine Diagnose ohne persönliche Untersuchung und die Verbreitung dieser Diagnose in der Öffentlichkeit verstößt gegen die ethischen Grundsätze aller Psychiater. Auch aufgrund der öffentlich geführten Diskussion um Trumps Gesundheit wurde die Bedeutung der "Goldwater-Regel" durch die APA im März 2017 noch einmal neu betont und konkretisiert.

In einem dreiseitigen Schreiben beantwortete die APA detailliert die Frage, ob die Regel auch dann gelte, wenn ein Psychiater das Land oder die nationale Sicherheit in Gefahr sieht? Ja, lautet die Antwort. Denn, so heißt es in einem Teil der Antwort, die Sicherheit des Landes sicherzustellen sei Aufgabe der Sicherheitsbehörden - nicht der Psychiater.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk bereits am 22. März 2017 um 08:24 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen."

Darstellung: