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"Nachrichten und Politik" Facebooks rätselhafte Empfehlung rechter Gruppen

Stand: 10.09.2017 11:06 Uhr

Wer sich auf Facebook in der Rubrik "Nachrichten und Politik" Gruppen empfehlen lässt, in denen man sich mit anderen Nutzern austauschen kann, bekommt sehr viele AfD-nahe Empfehlungen. Diese Auswahl empört seit Freitag viele Nutzer. Doch wie kommt sie zustande?

Andrej Reisin, NDR Logo NDR
Andrej Reisin, NDR

Von Andrej Reisin, NDR

Facebook-Gruppen haben viele nützliche Eigenschaften: Man kann sich mit Gleichgesinnten vernetzen, über Tauschbörsen und Flohmarkt-ähnliche Angebote Gegenstände kaufen und verkaufen, Wohnungen finden, das Training im Sportverein koordinieren - sowie sich über Politik informieren und austauschen.

Rechtslastige Empfehlungen

Wer auf der Suche nach neuen Gruppen ist, kann sich vom Social-Media-Giganten (30 Millionen monatlich aktive Nutzer in Deutschland) welche empfehlen lassen - und zwar in verschiedenen Kategorien. In der Kategorie "Nachrichten und Politik" entdeckte die Satire-Webseite "Der Postillon" dabei nun auf den vordersten Plätzen zahlreiche Gruppen, die entweder AfD-nah oder allgemein sehr weit rechtsstehend sind. Auf Twitter postete der "Postillon" dann:

Daraufhin brach ein regelrechtes Zwitscher-Gewitter los, und der Hashtag #fickdichfacebook war am Freitagabend zeitweise der meistgenutzte in Deutschland. Viele Nutzer empörte, dass sie nach eigenen Angaben kaum Empfehlungen für Gruppen etablierter Parteien fanden. Auch politische Themen jenseits der Flüchtlingskrise kämen vergleichsweise kaum vor.

Stichprobe bestätigt Nutzer-Eindruck

Eine Stichprobe des ARD-faktenfinders mit 25 unterschiedlichen Nutzern kam zu demselben Ergebnis wie die meisten Twitter-User: "Wähler und Freunde der AfD", "Die Patrioten", "Freunde und Verbündete der AfD", "Besorgte Deutsche", "Thilo Sarrazin", "AfD-Sympathisanten", aber auch "Reale Verschwörungen", "Killuminati Germany", "Islam gehört NIEMALS zu Europa!" oder "Gemeinsam gegen die neue Weltordnung" wurden durchweg sehr oft und weit oben empfohlen. Doch auch die Anti-AfD-Gruppe "NEIN ZUR AFD" war immer bei den Top-Empfehlungen dabei.

Warum zeigt Facebook diese Gruppen an?

Das Unternehmen selbst gibt an, dass Gruppen vorgeschlagen werden, "von denen wir annehmen, dass du ihnen eventuell gerne beitreten möchtest". Abhängig seien die Vorschläge davon, welche Seiten man selbst abonniert habe, ob Freunde in diesen oder ähnlichen Gruppen Mitglieder seien und ob man sich in räumlicher Nähe zu Gruppen befinde, die sich um einen bestimmten Ort gruppierten.

Nachvollziehbar sind diese Kriterien aufgrund der ARD-faktenfinder-Stichprobe nicht: Egal, ob ältere Dame auf dem Land mit überwiegend Freizeitinteressen, Teenager-Account in der Großstadt, politischer Journalist oder Café-Betreiberin: Alle bekamen unter den ersten zehn Empfehlungen mehr oder weniger dieselbe, deutlich rechtslastige Auswahl angeboten. Auch komplett neu angelegte Nutzer ohne Vorlieben und Freunde bekamen dieselbe Auswahl angezeigt.

Facebook: Keine genauen Angaben möglich

Auf Nachfrage sagte Facebook-Pressesprecher Stefan Stojanow, dass das Unternehmen ad hoc keine über die auf der eigenen Webseite hinausgehenden Angaben dazu machen könne, wie die Auswahl der Gruppen zustande käme. Der Algorithmus verhalte sich so wie dort beschrieben. Einen vorderen Platz bei den Empfehlungen per Anzeige kaufen kann man laut Facebook nicht.

Die von zahlreichen Nutzern monierten Widersprüche, wonach man die Gruppen auch angezeigt bekomme, wenn kein einziger Freund dort Mitglied sei - oder auch, wenn man sich ein komplett neues Konto anlege - konnte Stojanow nicht erklären. Man werde aber versuchen, eine entsprechende schriftliche Anfrage der ARD-faktenfinder zu beantworten.

Größe der Gruppen offenbar nicht entscheidend

Auch die Größe der Gruppen oder ihre Aktivität spielt bei den Empfehlungen offenbar keine Rolle. So hat die bei vielen Nutzern an vorderster Position empfohlene Gruppe "Wähler und Freunde der AfD" aktuell lediglich 3.581 Mitglieder, während SPD-nahe Gruppen mit deutlich mehr Mitgliedern - zum Beispiel "SPD in Facebook" (14.938) und "Linke SPD" (13.995) - deutlich seltener empfohlen wurden.

Ebenfalls erst nach mehrmaligem Runterscrollen wird durchweg auch #ichbinhier empfohlen - eine überparteiliche Gruppe mit 36.625 Mitgliedern, die sich nach eigenen Angaben "für konstruktiven Dialog ohne Hass, ohne Hetze, ohne Fake News in den Sozialen Medien" einsetzt.

AfD-Anhänger sind aktiver

Festzuhalten bleibt allerdings, dass die AfD und deren Anhänger auf Facebook deutlich präsenter sind als die etablierten Parteien. Schon frühzeitig hatte die AfD - genau wie die österreichische FPÖ oder das Wahlkampfteam Donald Trumps in den USA - für sich entdeckt, dass die sozialen Medien ein großes Reservoir politisch interessierter, oft auch frustrierter (Nicht-)Wähler bieten, bei denen man für die eigenen Inhalte ungefiltert werben kann.

Entsprechend hoch ist die Aktivität des AfD-nahen Spektrums auf Facebook, wie unlängst auch deutlich wurde, als die Satire-Partei "Die Partei" eine Vielzahl von geheimen AfD-Facebook-Gruppen kaperte und öffentlich machte. Allerdings zeigte die Aktion auch, dass die Gruppen von offenbar automatisierten Fake-Accounts gegründet wurden. Die AfD wies jede Verantwortung zurück.

Wie lauten ihre Ergebnisse?

Eine Stichprobe im niedrigen zweistelligen Bereich kann bei 30 Millionen aktiven Nutzern im Monat naturgemäß nicht für sich beanspruchen, repräsentativ zu sein. Auf der andere Seite gibt Facebook zum jetzigen Zeitpunkt auch keinerlei ausführlicheren Erklärungen zu dem Phänomen ab, dass alle getesteten Nutzer aus Deutschland nahezu dieselben Empfehlungen erhalten, obwohl diese sich doch an persönlichen Vorlieben und Interaktionen orientieren sollen.

Wer als Facebook-Nutzer testen möchte, welche Gruppen vom Netzwerk empfohlen werden, kann dies unter diesem Link tun. An ihren Ergebnissen sind wir interessiert. Posten Sie diese entweder hier in die Kommentare oder beim Facebook-Account der Tagesschau.

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