Ärzte bei einer Organtransplantation

Wagenknecht-Äußerungen Holt Deutschland Ärzte aus dem Niger?

Stand: 18.11.2017 13:00 Uhr

Angeblich werden Ärzte aus dem Irak, Syrien oder dem Niger nach Deutschland "geholt". Das hat zumindest Linksfraktionschefin Wagenknecht behauptet. Doch Experten widersprechen der Darstellung.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Das Thema Ärztemangel ist in Deutschland nach wie vor aktuell. Vor wenigen Tagen äußerte sich Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht dazu. In einem Interview mit der Zeitung "Die Welt" fragte sie: "Wieso kann ein reiches Land wie Deutschland nicht seine Fachkräfte selbst ausbilden?" Jeder wisse, so Wagenknecht weiter, dass hierzulande Ärzte fehlten. "Es gibt im Medizinstudium jedes Jahr 43.000 Bewerbungen, von denen wegen des Numerus Clausus allerdings nur 9000 einen Studienplatz bekommen. Um die Versorgungslücke zu schließen, holen wir uns dann Ärzte aus dem Irak, Syrien, dem Niger oder anderen armen Ländern - zynischer geht’s nicht."

Stimmt das?

Richtig ist, dass die Anzahl der Ärzte in Deutschland aus dem Irak und Syrien deutlich gestiegen ist. Einer Aufstellung der Bundesärztekammer zufolge gab es Stand 31. Dezember 2016 bundesweit 2702 berufstätige Ärzte aus Syrien und 295 aus dem Irak; ein Anstieg um 35 bzw. 43 Prozent zum Vorjahr. Die angeblichen Ärzte aus dem Niger finden sich in der Statistik hingegen nicht, aus ganz Afrika gibt es demnach bundesweit 2725 berufstätige Ärzte, die meisten aus Ägypten. Wie lange diese Ärzte hier schon leben und arbeiten, verrät die Statistik nicht. Dass diese Ärzte aber ein Grund dafür sein sollen, dass es weniger Studienplätze als Bewerber gibt, lässt sich weder nachvollziehen, geschweige denn belegen.

Falsch ist zudem die Behauptung von Wagenknecht, dass diese Ärzte "geholt" würden. "In den genannten Ländern wird nicht aktiv rekrutiert", erklärt Frank Wissing vom Medizinischen Fakultätentag. Der MFT ist der Verband der Medizinischen Ausbildungs- und Forschungsstätten Deutschlands. Wissing sagt im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder, dass die Zunahme bei syrischen und irakischen Ärzten eher der Flüchtlingssituation geschuldet sein dürfte.

Aufwändige Ausbildung

Ärzte werden aus dem Niger "geholt", behauptete Sahra Wagenknecht.

Zu der Situation beim Medizinstudium erklärte Wissing, die von Wagenknecht genannten 9000 Studienplätze seien zwar korrekt, beziehen sich aber nur auf das Wintersemester, nicht jährlich. Pro Jahr werden etwa 11.000 Studienplätze an staatlichen Hochschulen vergeben, die meisten über die Stiftung für Hochschulzulassung. Darin sei bereits ein Anstieg von rund zehn Prozent in den vergangenen zehn Jahren enthalten, Tendenz weiter steigend, so Wissing.

Wissing betonte, dass die Lehre in der Medizin sehr aufwändig sei. Es gebe viele Kleingruppen, Simulationen und oft Lehre am Krankenbett. Dazu komme die lange Dauer von mehr als sechs Jahren. Daher sei ein Studienplatz auf den einzelnen Studenten gerechnet sehr teuer. Dies ist laut Wissing der Grund, warum die Bundesländer zurückhaltend sind, die Zahlen deutlich zu steigern. "Neben den staatlichen Studienplätzen gibt es auch eine Reihe von privaten Angeboten, die gegen Studiengebühren weitere Plätze in Deutschland direkt vergeben." Diese seien in den oben genannten Zahlen nicht enthalten.

"Ungleichverteilung zwischen den Regionen"

Den von Wagenknecht kritisierten Ärztemangel sieht Wissing differenziert: Dass in vielen Regionen Ärzte fehlten, sei vermutlich eher einer Ungleichverteilung zwischen den Regionen geschuldet. Zudem gebe es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern einen deutlich höheren Ärztebedarf.

Zusammengefasst: Wagenknechts Äußerungen vermischen die Themen Ärztemangel, medizinische Ausbildung und Migration, ohne dass ein nachvollziehbarer Zusammenhang ersichtlich wird. Die Behauptung, es würden Ärzte aus Syrien, dem Irak oder dem Niger nach Deutschland "geholt", ist den vorliegenden Informationen zufolge schlicht falsch.

Scharfe Kritik

Die Linksfraktionschefin ist in ihrer Partei höchst umstritten. Ihre Äußerungen zu den Ärzten brachte Wagenknecht erneut heftige Kritik ein. Katharina König, Linken-Abgeordnete in Thüringen, warf Wagenknecht vor, die Aussagen seien rassistisch und würden von der AfD unterstützt.

Die Interview-Äußerungen zu den Themen Ärztemangel und Zuwanderung teilte Wagenknecht auch auf ihrer Facebook-Seite - mit durchschlagendem Erfolg: Das Posting erntete bislang rund 14.000 Reaktionen und wurde mehr als 6600 mal geteilt. 

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