Medien in den USA: Zeitungen während des Wahlkampfs 2016 | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Medien Sind die USA ein Paradies für Verlage?

Stand: 22.11.2017 09:18 Uhr

ARD und ZDF verhageln mit ihren Online-Angeboten hierzulande den Verlagen das Geschäft, heißt es. Aber: Sind Verlage dort erfolgreicher, wo es keine starke öffentlich-rechtliche Konkurrenz gibt? Ein Faktencheck.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Martin Ganslmeier, NDR

Die Fakten sind ziemlich traurig. Die Zahl der Tageszeitungen in den USA ist in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich gesunken. Die Gesamtauflage schrumpfte um 40 Prozent. Die Einnahmen durch Anzeigen brachen um mehr als 60 Prozent ein. Margot Susca, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der American University in Washington DC, erklärt die wichtigste Ursache dafür so: Viele Zeitungen reagierten zu spät auf die neue Internet-Konkurrenz und das Abwandern von Anzeigen ins Netz.

Noch fataler: Allzu lange stellten die Zeitungen ihre aufwändig recherchierten Informationen gratis ins Netz:

Die Zeitungen haben einen riesigen Fehler in den 1990er-Jahren gemacht, als sie ihre Inhalte kostenlos ins Netz stellten.

Die Leute hätten sich gefragt, so Susca, warum sie weiter die Printausgabe abonnieren sollen, wenn sie die Inhalte kostenlos im Netz bekommen.

Nur eine Tageszeitung pro Region

Es begann das große Zeitungssterben in den USA - ganz ohne Zutun des öffentlichen Rundfunks, der in den USA deutlich schwächer als in Deutschland ist. Von den 1600 Tageszeitungen, die es 1990 noch gab, mussten mehr als 300 aufgeben. In den meisten Regionen Amerikas gibt es heute nur noch eine Tageszeitung.

Für die galt lange eine frustrierende Faustregel: Auf jeden Online hinzu gewonnenen Dollar kamen 15 verlorene Dollar in der klassischen Printwerbung. Die Folge: Journalisten wurden entlassen, die Berichterstattung ausgedünnt, die Qualität nahm ab.

Google-Suche verweist oft auf Zeitungsberichte

Den größten Konkurrenten für die Zeitungsbranche sieht Margot Susca heute nicht in Hörfunk- und Fernsehsendern. Fast zwei Drittel der Online-Werbung in den USA bekommen die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley:

Die Facebooks, Apples und Microsofts dieser Welt müssen sich überlegen, wie sie den Zeitungen in den USA helfen können, zu überleben. Denn wenn man bei Google recherchiert, dann kommen die Ergebnisse oft aus Zeitungsberichten.

Ohne den Qualitätsjournalismus der Zeitungen - ist Professor Susca überzeugt - wären auch die Angebote von Google, Facebook und Co weniger attraktiv. Zeitungsverlage sollten sich deshalb mit den Tech-Firmen aus dem Silicon Valley auseinandersetzen.

Zeitungen in USA kämpfen ums Überleben
Martin Ganslmeier, ARD Washington
22.11.2017 07:48 Uhr

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Auch Buffet hat Bedenken

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sieht Susca dagegen einen natürlichen Verbündeten der Zeitungen: Denn wer mit Qualitätsrundfunk aufwachse, interessiere sich auch für Qualitätsprodukte der Printbranche. "Wir reden hier über Leute, die besser informiert sind über Kultur und Bildung, über Politik, Umwelt und Soziales. Je mehr Informationen aus diesen Bereichen, desto eher ist es eine Win-Win-Situation."

Vielleicht ist dies auch der Grund, warum es den Zeitungen in Deutschland im Vergleich zu Amerika noch relativ gut geht. Die jüngste Hiobsbotschaft aus den USA: Investoren-Legende Warren Buffet, ein bekennender Zeitungsliebhaber, der vor fünf Jahren rund 60 Regionalzeitungen aufkaufte, gestand kürzlich, er sehe die Zukunft regionaler Tageszeitungen heute skeptischer.

Top-Zeitungen profitieren von Trump-Wahl

Die Wahl von Präsident Trump verhalf den großen US-Zeitungen zu mehr Abonnenten.

Hoffnungsvoller ist die Entwicklung bei drei weltweit bekannten US-Zeitungen: "New York Times", "Wall Street Journal" und "Washington Post". Ihr Erfolgsrezept: Millionen neuer Digitalabos durch englischsprachige Leser in aller Welt. Während das "Wall Street Journal" auf eine harte Bezahlschranke setzt, locken "New York Times" und "Washington Post" mit einigen kostenlosen Artikeln pro Monat, bevor man zahlen muss.

Allen drei großen Zeitungen in den USA half ein wichtiges Ereignis vor einem Jahr, betont Professor Susca: die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und die anhaltende Diskussion über "Fake News". Selbst die jungen Leute suchten jetzt verstärkt nach glaubwürdigem Journalismus, denn sie verstünden: Das seien vertrauenswürdige Nachrichten-Produkte.

Für Medienexpertin Susca ist dies das wichtigste Kapital in der digitalen Welt: Eine Qualitätsmarke, der die Menschen vertrauen, egal ob auf bedrucktem Papier, im Äther oder im Netz.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 18. November 2017 um 12:05 Uhr.

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