Twitter-Logo an Hauswand der Zentrale in San Francisco | Bildquelle: AFP

Wahlkampf auf Twitter Mission Stimmungsmache

Stand: 24.09.2017 18:09 Uhr

Experten haben in den vergangenen Tagen und Wochen eine wachsende Zahl von automatisierten Tweets beobachtet, die vor allem die AfD unterstützen. Kurz vor der Abstimmung werden Hashtags wie "#wahlbetrug" gezielt verbreitet. Hat die AfD nun doch Bots eingesetzt?

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Die Bundestagswahl hatte noch nicht einmal angefangen, da war auf Twitter bereits massenhaft von "Wahlbetrug" die Rede: Kurz vor der Abstimmung gehörte der Hashtag #wahlbetrug zu den am meist verwendeten Begriffen in dem Kurznachrichtendienst.

Die AfD und die rechtsradikalen "Identitären" warnen bereits seit Monaten, es könne zu Manipulationen bei der Wahl kommen - obgleich die OSZE Deutschland bislang stets ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt hat und der komplexe Wahlablauf eigentlich ungeeignet dazu ist, unbemerkt größere Tricksereien durchzuführen.

Dennoch verbreitet sich der Begriff "#wahlbetrug" rasant. Auf Twitter sind seit einigen Tagen neue automatisierte Nutzerkonten aufgetaucht, die den Hashtag massenhaft teilen. Seit Samstag verbreiten hunderte Social Bots - Accounts, die automatisiert posten - Kampagnen zur Unterstützung der AfD. Viele der Nutzerkonten stammen der "Bild"-Zeitung zufolge aus Russland. Das Blatt bezieht sich dabei auf einen Bericht des Fachmagazins DFRLab.

Als konkretes Beispiel nennt die "Bild" einen Account mit dem Namen "@RenateBiller", der einen Tag vor der Wahl eine Nachricht veröffentlichte mit dem Inhalt: "Wenn die an der Macht bleiben, dann gibt es in 5 Jahren Bürgerkrieg. #afd #wahlbetrug #islamisierung #afdwaehlen #wahlbeobachter".

Das erst am 9. September eröffnete Nutzerkonto hatte zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 16 Follower - und erreichte dennoch innerhalb von zwölf Stunden 641 Retweets und 643 Likes. Für einen neuen und kaum vernetzten Account eigentlich unmöglich. Hunderte der retweetenden Accounts stammen aus Russland, haben russische Nenn-Namen und bestehen aus einer zufällig erscheinenden Kombination von Buchstaben und Zahlen.

Russischer Hacker berichtet von Wahlkampf

Das Online-Magazin Buzzfeed berichtete unterdessen über einen russischen Hacker, der auf Twitter Bots einsetzt, um die AfD zu unterstützen. Angeblich hätten er und 30 weitere Personen in Russland auf dem Kurznachrichtendienst Inhalte zugunsten der AfD weiterverbreitet.

Im Umfeld der AfD lassen sich leicht weitere Profile finden, die erst seit einigen Tagen oder Monaten aktiv sind, aber bereits viele Tausend Tweets abgesetzt haben. Das Nutzerkonto "(((Mein Name)))" (@RealMeinName) beispielsweise: Der Account wurde schon 2014 angelegt, ist laut erweiterter Twittersuche aber erst seit dem 1. Juli aktiv - und hat seitdem knapp 5000 Tweets abgesetzt - fast alles Retweets, die Stimmung im Sinne des AfD-Wahlkampfs machen. Eigene Inhalte sind Mangelware. Ähnlich sieht es bei "G.Heim" (@genauhinsehen) aus: Eine Datenanalyse zeigt, dass von 100 abgesetzten Tweets 99 Retweets waren.

Aus einer 17-Jährigen wird ein AfD-Unterstützerteam

Der "Tagesspiegel" hatte im April ein AfD-nahes Twitter-Netzwerk analysiert. Im Zentrum stand ein Nutzerkonto mit dem Namen "Balleryna", das sich anfangs als eine deutsch-russische 17-Jährige ausgegeben hatte. Die "Tagesspiegel"-Recherchen zeigten aber, dass tatsächlich ein Mann hinter dem Account stand.

Mittlerweile nennt sich dieses Twitter-Profil "Team balleryna" - das Profilbild zeigt die AfD-Parole "Hol Dir dein Land zurück!". Die Seite hat rund 285.000 Follower und folgt mehr als 300.000 anderen Profilen - sehr außergewöhnliche Größen für deutsche Twitter-Accounts. Bei den Informationen zu dem Nutzerkonto "Balleryna" wird auf "Afdmitmachen.de" verlinkt, eine offizielle Seite der AfD. Das Konto retweetet vor allem Inhalte von AfD-Politikern.

Dementi mit Hintertürchen?

Mitten im US-Wahlkampf im Herbst 2016 hatten die Parteien in Deutschland angekündigt, keine Social Bots vor der Bundestagswahl einzusetzen. Nur die AfD teilte damals mit: "Selbstverständlich werden Social Bots in unserer Strategie im Bundestagswahlkampf bedacht werden", so Alice Weidel im Oktober im "Spiegel". Gerade für junge Parteien wie die AfD seien Social-Media-Tools wichtige Instrumente, um die Positionen unter den Wählern zu verbreiten.

AfD-Spitzenkandidatin Weidel hatte Bots "selbstverständlich" als Teil der AfD-Strategie bezeichnet.

Wenig später folgte ein Dementi, dessen Wortlaut aber ein Hintertürchen offenließ. So erklärte die AfD auf ihrer Webseite: Die Partei werde "keine Social Bots einsetzen, die auf Seiten Dritter im Namen der AfD automatisiert posten oder ähnliches". Tatsächlich posten die erwähnten Nutzerprofile und Bots nicht im Namen der Partei, sehr wohl aber in ihrem Sinne.

Der ARD-faktenfinder wollte wissen, ob die Partei denn nun Social Bots benutzt hat, die im Wahlkampf die Reichweite von Twitter-Posts vergrößern sollen? Und ob es in der AfD einen Beschluss gibt, dass keine Social Bots eingesetzt werden dürfen? Und: Welche Verbindung gibt es zwischen der AfD und dem Account "Balleryna", das der Tagesspiegel bereits im April 2017 analysiert hatte? Die Partei ließ alle Fragen unbeantwortet.

Steigende Zahl von Bots

In einer Untersuchung stellten Forscher aus Oxford fest, dass in den ersten zehn Tagen des Septembers die AfD das dominierende Thema zur Bundestagswahl auf Twitter war. Allerdings beobachteten die Wissenschaftler nur wenige vollautomatische Bots, die aber eine immense Zahl von Tweets absetzten - vor allem zugunsten der AfD. So hätten Social Bots immer wieder Hashtags aufgegriffen und verstärkt, die für Attacken gegen Kanzlerin Angela Merkel benutzt wurden - oder mit denen für die AfD geworben wird, schreiben die Forscher.

Auch Simon Hegelich von der Hochschule für Politik in München betont: Die Aktivität von Social Bots sei im Wahlkampf erheblich angestiegen. Trends könnten dadurch verzerrt werden. Die Initiative "botswatch" stellte für die Zeit vom 13. bis 20. September einen weiteren Zuwachs bei mutmaßlichen Bot-Aktivitäten fest: Der Anteil von automatisierten Tweets stieg demnach auf knapp 23 Prozent. Accounts werden als Bots gewertet, wenn sie mehr als 50 Tweets täglich absetzen.

"Bot-Traffic überwiegend von rechts"

"Inhaltlich komm der Bot-Traffic überwiegend von rechts", sagt Lisa-Maria Neudert von der Uni Oxford im Gespräch mit "correctiv". "Mehrere der Bots hatten die AfD im Profilbild oder die Partei als Slogan als Twitter Biopic." Das heiße allerdings noch nicht, dass sie von der AfD geschaltet worden seien.

Tatsächlich bleibt unklar, ob und wie die AfD dieses Netzwerk mitsteuert. Klar ist hingegen, dass die meisten Social Bots die Agenda der AfD unterstützen: Sie helfen, Begriffe zu etablieren, generieren Reichweite und simulieren Relevanz. Intelligent agieren können sie allerdings nicht.

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