Eine Mitarbeiterin verteilt Waren an Bedürftige in der Lebensmittelausgabe «Laib und Seele» der Berliner Tafeln

Essensausgabe an Bedürftige Tafeln unter Beschuss

Stand: 20.05.2017 14:31 Uhr

Die Tafeln helfen bedürftigen Menschen und unterstützen sie mit warmen Mahlzeiten und Lebensmitteln, die sonst weggeworfen würden. In jüngster Zeit kursiert jedoch ein haltloser Vorwurf im Netz: Geflüchtete würden bevorzugt.

Von Matthias Vorndran, MDR und Jenny Stern, BR

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Jenny Stern, BR

Wenn man den Kommentaren im Netz glauben möchte, geht es bei den Ausgabestellen der gemeinnützigen Tafeln schlimm zu: Geflüchtete Menschen werden bei den Essensausgaben der Tafeln vor den Deutschen bevorzugt, angeblich schubsen und kratzen sie auch, um schneller an die Reihe zu kommen.

Ein rechtsgerichteter Blog spricht von "katastrophalen Zuständen" bei der Tafel in Schwerin und bezieht sich dabei auf einen Facebookpost einer "mutigen Aktivistin" vom 12. Mai. Bei dieser "Aktivistin" handelt es sich um Petra Federau, der einstigen Landtagskandidatin und Frontfrau der AfD in Mecklenburg-Vorpommern.

"Ansturm von Ausländern"?

Federau berichtet auf ihrem öffentlichen wie privaten Facebookprofil von einem "massenhaften Ansturm von Ausländern" und postet ein Foto von einer Menschenschlange. Doch das Bild lässt keine eindeutigen Rückschlüsse darauf zu, ob es sich um Deutsche, Ausländer und/oder geflüchtete Menschen handelt. Ein zweites Bild zeigt drei Frauen mit Kopftuch von hinten - mindestens zwei von ihnen sind auch auf dem ersten Bild zu erkennen.

Screenshot des Facebookposts von AfD-Mitglied Petra Federau

Screenshot des Facebookposts von AfD-Mitglied Petra Federau

Mit anderen Worten: Federau hat eine Schlange mit Bedürftigen fotografiert, in der auch drei Muslimas und wohl auch Flüchtlinge anstanden. Ihre eigenen Bilder geben keinerlei Hinweis auf chaotische Zustände oder die Bevorzugung von Ausländern. Doch sie schreibt: "Unsere deutschen, größtenteils älteren Hilfsbedürftigen haben überhaupt keine Chance gegen die vermutlich arabischen Zuwanderer." Der Beitrag wurde fast 5.000 Mal geteilt und mit Kommentaren versehen wie: "Eine Frechheit normal müssten unsere Bürger zuerst kommen" oder "Nichts mehr spenden für die Tafel".

Mehr Bedürftige als erwartet

Dass es einen "massenhaften Ansturm von Ausländern" gegeben habe, sei nicht korrekt, ordnet Peter Grosch, Leiter der Schweriner Tafel, gegenüber dem ARD-faktenfinder die Vorwürfe ein. Die Tafel in Schwerin sei mit ihrer Ausgabestelle an eine neue Stelle gezogen, zu der anfangs mehr Bedürftige kamen als erwartet. Deshalb mussten die Leute anstehen, um ihre Lebensmittel zu bekommen. "Dies zeigt sich in den veröffentlichten Bildern", sagt Grosch. Nationalität, Alter, Religion oder Geschlecht würden bei der Essensvergabe keine Rolle spielen.

Bei der Tafel erhalten alle Menschen, die Hilfe benötigen, die Lebensmittel, die wir zuvor als Spende erhalten haben. Bevorzugung oder Benachteiligung einzelner Gruppen bei der Verteilung lehnen wir strikt ab.

Keine körperliche Gewalt

AfD-Politikerin Federau zitiert in ihrem Bericht einen Brief, den sie von einer Schwerinerin erhalten haben soll: "Unsere neuen Mitbürger schubsten, kratzten und kniffen die anderen Bedürftigen, um schneller an die Karten zu kommen." Dass Flüchtlinge bei der Essensvergabe in Schwerin Gewalt anwenden, kann Grosch aber nicht bestätigen: "Nein, das ist nach unseren Informationen nicht zutreffend." In Einzelfällen könne es zwar zu Konflikten kommen. Das passiere aber sehr selten. Ein direkter Zusammenhang mit bestimmten Gruppen von Kunden sei dabei aber nicht ersichtlich.

"Diese Einzelfälle werden dabei wiederholt durch unsachliche, verpauschalisierte Diskussionen instrumentalisiert", sagt Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes der Tafeln. Bis zu 1,5 Millionen Menschen holen laut Verband regelmäßig ihre Lebensmittel bei der Tafel ab. Nach Schätzungen sind seit Ende 2014 zeitweilig etwa 280.000 geflüchtete Menschen dazu gekommen. Mittlerweile seien bei knapp 40 Prozent der Tafeln Geflüchtete sogar selbst als ehrenamtliche Helfer tätig, sagt Brühl.

Missverständlicher Aushang

Eine Woche zuvor hatte die Tafel im hessischen Nidda hitzige Diskussionen im Netz ausgelöst. Mitarbeiter hatten dort einen Aushang gemacht, nach dem Asylberechtigte vermeintlich bevorzugt behandelt würden. Auf dem Zettel stand tatsächlich, dass "Kunden, deren Asylverfahren mit Anerkennungsstatus abgeschlossen wurden" zwischen 10.25 und 10.45 Uhr, also für 20 Minuten, vorrangig bedient würden.

Doch der Hintergrund war einfach: Da einige Kunden aus "kulturellen und persönlichen Gründen" nicht alle Lebensmittel essen können, sollten diese für die nächsten Kunden aufbewahrt statt weggeworfen werden. "Das hat nichts mit Bevorzugung zu tun, sondern mit Pragmatismus", so Jochen Brühl. Die Tafel in Nidda musste jedoch kurzzeitig ihre Facebookseite schließen, weil die Anfeindungen so massiv und Mitarbeiter persönlich beleidigt wurden.

Was sind die Tafeln?

Die Tafeln sind gemeinnützige, meist auf Ebene der Kommunen aktive Hilfsorganisationen. Sie verteilen im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verwendete Lebensmittel an Bedürftige oder geben diese gegen geringes Entgelt ab. In Deutschland gibt es über 900 Tafeln, die im "Bundesverband Deutsche Tafel e.V." organisiert sind. Sie sammeln - meist durch ehrenamtliche Mitarbeiter - Lebensmittel (und zu einem kleinen Teil auch andere Waren des täglichen Bedarfs), die vom Handel oder von den Herstellern als unverkäuflich aussortiert werden. Vorgaben der örtlichen Veterinärämter verhindern, dass verdorbene Nahrungsmittel ausgegeben werden. Die erste Tafel entstand 1993 in Berlin.

Über dieses Thema berichtete „Die Nordreportage“ vom NDR am 20. März 2017 um 18:17 Uhr und Panorama 3 am 08. März 2016 um 21:15 Uhr.

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