Demo von Rechtsextremisten gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in Goslar, Niedersachsen | Bildquelle: dpa

Vorwürfe gegen Forscher "Erfundene" Personen in Rechtsextremismus-Studie?

Stand: 23.05.2017 15:56 Uhr

Haben Wissenschaftler in einer prominenten Studie über Rechtsextremismus im Osten unsauber gearbeitet? Die Zeitung "Die Welt" spricht von "erfundenen Personen", die in der Studie auftauchen würden. Die Auftraggeber weisen diese Vorwürfe entschieden zurück.

Von Nele Pasch, SWR und Robin Lautenbach, ARD-Hauptstadtstudio

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"Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland" – so der Titel der qualitativen Studie, an der die Kritik nicht abreißt. Das Göttinger Institut für Demokratieforschung erstellte sie im Auftrag der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD). Die Demokratieforscher führten hierfür Interviews mit 40 Politikern und Aktivisten sowie mit Bürgern aus Freital und Heidenau, in denen es im Sommer 2015 "asylfeindliche Proteste" gegeben hatte. Weiter befragten sie Menschen aus dem Erfurter Stadtteil Herrenberg, "der seit langem für seine rechtsextreme Szene bekannt ist", wie es in der Studie heißt.

Unter anderem kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass in gewissen Regionen Ostdeutschlands und in politisch-kulturellen Umfeldern eine historisch gewachsene Neigung zu Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremem Denken existiere. Die großen Nachrichtensendungen der ARD, Tagesschau und Tagesthemen sowie tagesschau.de berichteten darüber.

"Erfundene" Gesprächspartner?

Nun gibt es Kritik an der Studie, da Menschen zitiert würden, deren Namen erfunden sei, ohne dass dies explizit kenntlich gemacht werde. Die Zeitung "Die Welt" überschreibt einen Artikel dazu mit den Worten: "Gesprächspartner erfunden" und schreibt "mehrere der Befragten existieren nicht". Damit steht der Vorwurf im Raum, das Göttinger Institut für Demokratieforschung habe sich die Gesprächspartner ausgedacht.

Das Göttinger Institut weist die Vorwürfe entschieden zurück. Keine der in der Studie genannten Personen sei "erfunden". Man habe vielen Gesprächspartnern Anonymität zusichern müssen, weil sie entweder rechtsextreme Übergriffe fürchteten oder Angst gehabt hätten, als sogenannte Nestbeschmutzer zu gelten. Natürlich verfüge das Institut über gerichtsfeste Belege. Alle Interviews und Klarnamen seien vorhanden.

Rechtsextremismus-Studie: Das Erbe der DDR
tagesthemen 22:15 Uhr, 18.05.2017, Robin Lautenbach/Paul Pietraß, ARD Berlin

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Wer ist "Herr Reese"?

"Die Welt" macht unter anderem auf einen "Herrn Reese" aufmerksam, der als führender Mitarbeiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in der Studie aufgeführt und mehrfach zitiert wird. Laut der Zeitung gibt es dort aber keinen "Herrn Reese". Unterstützt wird die Aussage von der Landeszentrale, die auch auf Nachfrage des ARD-faktenfinders versichert: "Bei uns ist und war zu keinem Zeitpunkt ein Herr Reese angestellt oder als freier Mitarbeiter beschäftigt", sagt Pressesprecher Thomas Platz. Dementsprechend sei alles, womit Herr Reese zitiert werde, nicht im Namen der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung geschehen. 

Dazu sagt Michael Lühmann, Mitautor der Studie: "Herr Reese hat uns um Anonymität gebeten wegen eines möglichen Vorwurfs, er hätte das Nest beschmutzt." Die Angabe seiner Funktion entspräche aber der Wahrheit.

Anonymisierung nicht ausreichend kenntlich gemacht

Im Abschlussbericht der Studie werden alle Interviewpartner/innen samt Funktion aufgeführt. Dort sind Menschen mit Vor- und Zunamen genannt, manche nur mit Nachnamen oder nur mit Funktion. So ist dort zum Beispiel von "KommunalpolitikerInnen aus Heidenau" oder von "MitarbeiterInnen des Kinder- und Jugendhilfeverbundes Freital" die Rede. In einer Fußnote weisen die Macher darauf hin, dass "in Anbetracht des brisanten Themenkomplexes […] und der damit einhergehenden Gefährdung" einige der Befragten um Anonymität gebeten hätten. Deshalb "greifen diese Maßnahme in dem Bericht". Weiter heißt es in der Fußnote, dass die Namen der Teilnehmer verfremdet würden, um deren Anonymität zu gewährleisten. Auf Anfrage sagt Mitautor Lühmann, dass auf der Liste der Interviewten die Personen mit Nennung von Vor- und Nachnamen diejenigen sind, die ausdrücklich mit der Veröffentlichung ihres Namens einverstanden waren. Wenn nur der Nachnahme gelistet ist, handele es sich um die Personen, die anonymisiert werden wollten.

Das Göttinger Institut für Demokratieforschung

Die Forschungseinrichtung wurde 2010 an der Georg-August-Universität Göttingen gegründet. Ihr selbsterklärtes Ziel ist es, "sozialwissenschaftliche Erkenntnis in die breite Öffentlichkeit zu vermitteln". Das Institut forschte in der Vergangenheit unter anderem über die Rolle von Pädophilen bei den frühen Grünen und zur PEGIDA-Bewegung in Dresden. Insgesamt hat es rund 60 Mitarbeiter, Direktor ist der Politikwissenschaftler Franz Walter.

So ist in der Liste auch von einer Frau Ackermann die Rede, "Mitglied des sächsischen Landtages (Fraktion DIE LINKE)". "Die Welt" schreibt, dass sich hinter Frau Ackermann tatsächlich Kerstin Köditz verbirgt, Fraktionssprecherin für Antifaschistische Politik. Ihren Angaben zufolge hätte sie allerdings gar keine Probleme mit der Veröffentlichung ihres Namens gehabt. "In dem Fall konnten wir aus Zeitgründen und Terminproblemen nicht auf die Autorisierung des Namensnennung warten, deshalb haben wir ihre Aussagen vorsichtshalber anonym veröffentlicht", kommentiert Lühmann die Vorgehensweise. In der Sozialforschung sei es üblich, befragte Studienteilnehmer zu anonymisieren.

Studie wertlos?

Richtig ist: Aus der Fußnote im Anhang geht nicht klar hervor, wer anonymisiert wurde und wer nicht. Ein Leser, der zum Beispiel einen angeblichen Gemeinderat unter dem genannten Namen im Gemeinderat nicht findet, muss also Manipulation wittern. Die fehlende Kennzeichnung der anonymisierten Namen ist eine Nachlässigkeit, die den Wissenschaftlern nicht hätte unterlaufen sollen.

Andererseits: „Erfunden“, wie "Die Welt" schreibt, sind diese Personen nicht. Und an den Thesen, die die Wissenschaftler anhand der Interviews aufstellen, ändert das auch nichts. "Ich sehe keinen Grund für Zweifel an Inhalt und Methodik der Studie. Im Übrigen ist doch allen völlig klar, dass eine Gefahr vom Rechtsextremismus in Ostdeutschland ausgeht. Das zu leugnen oder kleinzureden, heißt, den Kopf in den Sand zu stecken", sagt die Verantwortliche für die Studie, Iris Gleicke gegenüber dem ARD-faktenfinder.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 18. Mai 2017 um 22:15 Uhr.

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