Auspuff an einem PKW | Bildquelle: dpa

Stickoxid-Werte Verbessert, aber noch nicht gut

Stand: 01.03.2018 08:41 Uhr

Bei der Debatte über den Dieselantrieb geht es vor allem um den Ausstoß von Stickstoffdioxid. Der ist seit Jahren rückläufig. Für Entwarnung ist es dennoch zu früh.

Von Andrej Reisin, NDR und Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Schon im Bundestagswahlkampf wurde intensiv über den Dieselantrieb gestritten, eine Debatte, die bis heute weitergeht. Dabei geht es um die Frage, wie schmutzig Diesel-Autos tatsächlich sind. Ein Argument in der Diskussion: der jährliche Ausstoß an Stickoxiden sei in Deutschland seit Jahren rückläufig.

Dies betonten beispielsweise die Zeitung die "Welt" oder das Blog "Tichys Einblick". Die AfD ruft in den sozialen Netzwerken sogar dazu auf, für den Diesel Flagge zu zeigen - gegen "ausschließlich ideologisch motivierte" Fahrverbote.

Auch die Wissenschaftliche Gesellschaft für Kraftfahrzeug- und Motorentechnik e.V. - ein Zusammenschluss von Professoren relevanter Fachbereiche - verweist auf die Reduktion des Stickstoffdioxid-Ausstoßes in Deutschland. In einem Statement zur "Bewertung der dieselmotorischen Situation" hieß es, "die NO2-Immissionsbelastung ist seit über zehn Jahren im gesamten Land rückläufig".

Verwiesen wird dabei oft auf das Bundesumweltamt. Und in der Tat: Im Juni 2017 hatte das Amt die Reduktion des Ausstoßes von NO2 seit 1990 dokumentiert. Demnach ging in den vergangenen 27 Jahren der Stickoxid-Ausstoß um 1,7 Millionen Tonnen zurück - eine Reduktion von 59 Prozent.

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Grafiken: Stickoxid-Belastung in Deutschland

Grafik: Stickoxidausstoß

Aussagen, welche die Stickoxidwerte von Dieselfahrzeugen als Problem bezeichnen, wurden bei Twitter schon als Fake News bezeichnet. In "Tichys Einblick" hieß es, eine Aussage von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) über zu hohe Stickoxid-Werte in den Städten stehe im Widerspruch zu den Fakten des Umweltbundesamtes. Doch das ist nicht korrekt.

Viel Verkehr - überhöhte Stickoxidwerte

Unter der Überschrift "Stickoxide - Emissionen gesunken, Belastung immer noch zu hoch" veröffentlichte das Umweltbundesamt die entsprechenden Informationen: Der Stickoxid-Ausstoß in Deutschland ist massiv zurückgegangen. Aber an verkehrsnahen Messstationen - beispielsweise im innerstädtischen Bereich - liegen die jährlichen Mittelwerte immer noch häufig über dem erlaubten EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffoxid pro Kubikmeter Luft. Die EU-Richtlinie wurde 2010 in deutsches Recht umgesetzt, Übergangsfristen liefen 2015 aus. Ein Fazit des Umweltbundesamts lautet: "Besonders gefährdet sind Menschen, die in der Stadt leben."

Die "Welt" sah dennoch in überschrittenen Grenzwerten kein akutes Problem: "Nur punktuell, in wenigen schluchtartigen Straßenzügen, kommt es im Jahresdurchschnitt noch zu gelegentlichen Überschreitungen des 40-Mikrogramm-Grenzwertes." Dem widersprechen die Angaben des Umweltbundesamtes: Demnach wurde 2016 im Jahresmittel an 59 Prozent der städtischen verkehrsnahen Luftmessstationen (144 von 246 Messstationen) dieser EU-Grenzwert überschritten.

Felix Poetschke, Sprecher des Umweltbundesamtes, sagte dem ARD-faktenfinder: "Der EU-Grenzwert wurde 2016 in Deutschland in fast 90 Städten überschritten, sowohl in Großstädten wie auch in kleineren, und immer dort, wo viel Verkehr herrscht. Das Problem mit zu hohen, gesundheitsschädigenden Werten von NO2 ist also ein bundesweites: Viele Menschen sind diesen hohen Konzentrationen ausgesetzt."

#kurzerklärt: Wie gefährlich sind Feinstaub und Stickstoffdioxid?
28.07.2017, Martin Schmidt, SWR

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Experten: "NOx-Emissionsproblem technisch gelöst"

Doch die Wissenschaftliche Gesellschaft für Kraftfahrzeug- und Motorentechnik sieht das Thema Stickoxide bei Diesel-PKW künftig nicht mehr als Problem. Nach jahrelanger Forschungsarbeit "kann das NOx-Emissionsproblem als technisch gelöst betrachtet werden", heißt es in einem Statement vom Juni. Gemeint sind Erkenntnisse zur Harnstoff-Einspritzung, die für Neuzulassungen ab dem 1. Januar 2019 (Norm Euro6d temp) gelten werden.

"Lastwagen halten schon jetzt die Grenzwerte ein, weil deren Harnstoff-Einspritzanlagen ausreichend dimensioniert sind", sagte dazu der Sprecher des Bundesumweltamtes. "Für Autos, die derzeit auf der Straße sind, gilt das natürlich nicht. Und genau die sind ja für die hohen NOx-Werte verantwortlich und werden noch lange im Land unterwegs sein."

Stickoxide: Eine reale Gefahr

Dabei sind Stickoxide nachweislich Umweltgifte, die die Gesundheit von Menschen akut gefährden. Insbesondere Stickstoffdioxid (NO2) ist als Reizgas mit stechendem Geruch bereits in geringen Konzentrationen wahrnehmbar. Da es kaum wasserlöslich ist, wird es auch nicht in den oberen Atemwegen gebunden, sondern dringt in tiefere Bereiche der Lunge vor. Der überwiegende medizinische Konsens in der Umweltmedizin geht davon aus, dass nach aktuellem Kenntnisstand kein Schwellenwert benannt werden kann, der langfristige gesundheitliche Folgen von NO2 auf Menschen ausschließt.

Hintergrund: Stickstoffoxide

Stickstoffoxide (NOx) ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene gasförmige Verbindungen, vereinfacht werden nur die beiden wichtigsten Verbindungen Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2) dazu gezählt. Stickstoffdioxid wirkt reizend auf Schleimhäute in den Atemwegen und die Lunge. Akut treten Hustenreiz, Atembeschwerden und Augenreizungen auf, besonders bei empfindlichen oder vorgeschädigten Personen.

Quelle: Umweltbundesamt

An Tagen mit hoher Stickoxid-Belastung kommt es zu mehr Notfall-Behandlungen und Todesfällen wegen Atemwegserkrankungen, insbesondere bei Patienten mit Vorschädigungen. Langfristig konnte eine Zunahme der Sterblichkeit sowie eine Zunahme der Häufigkeit von Lungenkrebs-Erkrankungen und chronischen Atemwegsbeschwerden wie Asthma in verschiedenen Studien belegt werden. Es gibt allerdings auch Wissenschaftler, die diesen Ergebnissen widersprechen.

Die Mehrheit der Mediziner geht aber davon aus, dass Stickoxide wesentlichen zu Atemwegserkrankungen beitragen. Berechnungen der Europäischen Umweltagentur zufolge gab es wegen NO2 im Jahr 2014 mehr als 10.000 verfrühte Sterbefälle.

Europäischer Grenzwert ist bereits Kompromiss

Die Umweltepidemiologin Barbara Hoffmann weist darauf hin, dass der aktuelle Grenzwert für Stickoxide bereits relativ hoch angesetzt sei - und nicht allein medizinischen Vorgaben entspreche, sondern einen Kompromiss darstelle:

Man einigt sich auf europäischer Ebene auf einen Wert, der irgendwo zwischen dem liegt, was aus medizinischer Sicht sinnvoll wäre - und dem, was die Industrie angibt maximal erreichen zu können.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO werde bei ihrer nächsten Überarbeitung voraussichtlich einen geringeren Stickoxid-Grenzwert als die aktuell zulässigen 40 Mikrogramm benennen. Ein solcher Vorschlag hat aber im Gegensatz zur EU-Regulierung keinerlei rechtliche Bindung.

Diesel-PKW sind Hauptquelle für Stickoxide

Messungen des Umweltbundesamtes zufolge war im Jahr 2015 der Verkehr der mit Abstand größte Verursacher von Stickstoffdioxidausstoß. 456 von 1186 Tausend Tonnen (38 Prozent) stammten demnach von der Straße, gefolgt von der Energiewirtschaft (25 Prozent), der Landwirtschaft (elf Prozent) und den Haushalten und Kleinverbrauchern (elf Prozent).

Innerhalb der am Verkehr beteiligten Fahrzeuge wiederum sticht der Diesel-PKW als größte Stickoxid-Quelle hervor: Laut dem Handbuch für Emissionsfaktoren des Straßenverkehrs (HBEFA) sind Diesel-PKW für 72,5 Prozent des im Verkehr ausgestoßenen Stickstoffdioxid verantwortlich - deutlich vor leichten (elf Prozent) und schweren Nutzfahrzeugen (acht Prozent).

Dieselmotoren: Rückschritt statt Fortschritt

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Grafiken: Stickoxid-Ausstoß von Diesel-Pkw

Grafik: Stickoxidausstoß Torte

Eklatant sind die Unterschiede zwischen den zulässigen Grenzwerten und den realen Abgasemissionen bei Diesel-PKW: Im April 2017 veröffentlichte das Umweltbundesamt Messergebnisse, die erstmals nicht unter Idealbedingungen - ähnlich eines Prüfstands - erhoben wurden. Diese Abweichungen von den idealen Messbedingungen sorgte beispielsweise bei niedrigeren Temperaturen zu schlagartig höheren Stickoxidwerten:

Am schmutzigsten sind unter Berücksichtigung dieses Temperatureffektes Euro-5-Diesel-PKW; sie liegen bei durchschnittlich 906 mg NOx/km. 403 Prozent über dem Grenzwert von 180 mg NOx/km.

"Wir sehen jetzt erst, wie dreckig die Diesel-PKW wirklich sind", sagte Felix Poetschke vom Umweltbundesamt. "Angesichts neuer Messmethoden müssen wir die Tabellen zum Stickstoffoxidausstoß der vergangenen Jahre nochmal neu berechnen. Das Ausmaß der Verschmutzung war nämlich größer als es unsere Jahreswerte bis 2015 bislang angeben."

Über dieses Thema berichteten das nachtmagazin am 28. Juli 2017 um 01:12 Uhr und tagesschau24 am 04. September 2017 um 11:00 Uhr.

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