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Social-Media-Analyse Facebook macht noch keinen Kanzler

Stand: 04.11.2017 13:28 Uhr

Facebook hat Donald Trump beim Einzug ins Weiße Haus maßgeblich geholfen. Das ist ein Ergebnis eines zweijährigen Forschungsprojekts an einer Münchner Hochschule. Als Kanzlermacher tauge das Netzwerk aber noch nicht. Doch der Erfolg der AfD im Netz lässt aufhorchen.

Von Jürgen P. Lang, BR München

Prof. Hegelich betreute das Forschungsprojekt zwei Jahre lang.

30 Millionen Dollar hat US-Präsident Donald Trump für seinen Online-Wahlkampf ausgegeben, das meiste davon steckte er in Facebook. Gut angelegtes Geld: Mark Zuckerbergs Unternehmen habe sich in den USA zur wichtigsten Plattform für politische Kommunikation entwickelt, sagt Projektleiter Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Münchner Hochschule für Politik. Facebook setzt auf Emotionalität und sammelt gigantische Mengen an Nutzerdaten - eine verlockende Mixtur für Politikstrategen, Verschwörungstheoretiker und Extremisten.

Man könne mit Facebook zwar keine Wähler politisch umdrehen, so Hegelich. Aber die ständige Botschaft "Man kann Hillary Clinton nicht vertrauen" habe selbst entschiedene Trump-Gegner von den Wahllokalen ferngehalten. Facebook macht also US-Präsidenten, aber keine Bundeskanzler - noch nicht, so sein Fazit.

Der Grund: In den USA werden die sozialen Medien weitaus stärker instrumentalisiert. Dort verwendet man die Nutzerdaten von Facebook für passgenaue Wähleransprachen. Dieses sogenannte Mikrotargeting ist bei uns noch nicht im selben Maße angekommen. Hierzulande konzipieren noch PR-Agenturen die Wahlkämpfe, jenseits des Atlantiks bereits Data-Teams.

Erfolgreiche AfD-Strategie

Die Untersuchungen der Münchner Wissenschaftler bestätigen auch: Die Provokationsstrategie der AfD hatte Erfolg. Immer wenn die etablierten Medien verstärkt über die Partei berichteten, seien deren Umfragewerte exakt eine Woche später in die Höhe geschnellt: Ein Effekt, den Hegelichs Team bei keiner anderen Partei feststellte.

Wenn immer mehr über die AfD berichtet wird, dann sinkt sozusagen die Hemmschwelle, sie auch dann zu wählen, wenn negativ über sie berichtet wird.

Die sozialen Medien tragen ihren Teil dazu bei: Die Politologen analysierten dafür auch 350 Millionen Tweets, die mit politischen Parteien in Zusammenhang standen. Das Ergebnis verblüfft: Allein am Tag der Bundestagswahl wurde die AfD genauso oft erwähnt, wie alle anderen Parteien zusammen. Auf Facebook war die AfD während des Wahlkampfs die mit Abstand populärste Partei.

Rechtsextreme polarisieren die Gesellschaft

Die Forscher nahmen zudem rechtsextreme Online-Aktivitäten unter die Lupe und stellten zwei Trends fest: Zum einen gibt es eine zunehmende Vernetzung deutscher Extremisten mit Plattformen der amerikanischen Alt-Right-Bewegung. In den USA werden auf Plattformen extreme Aussagen eher geduldet als in Deutschland. Die rechte Propaganda schwappt dann per Mausklick über den Atlantik zu uns zurück.

Zum anderen seien rechte Netzwerke wesentlich dichter gewebt und abgegrenzter als andere. Dies trage messbar zur Spaltung der gesamten Gesellschaft bei, sagt Hegelich. Im Grunde sieht der Forscher darin die Fortsetzung einer klassischen extremistischen Strategie im digitalen Bereich. Mit dem Ziel der Zersetzung demokratischer Gesellschaften. Dabei kämen im Internet Techniken zum Einsatz, die eigentlich im militärischen Bereich oder von Geheimdiensten entwickelt wurden.

Es ging in den USA gar nicht darum, Trump zu unterstützen, sondern darum, die Polarisierung der Gesellschaft voranzutreiben.

Dass die in Deutschland von Rechtsaußen gestartete „Merkel muss weg“-Kampagne nicht den beabsichtigten Effekt hatte, sei demnach keine Gewähr für die Zukunft. Schon in vier Jahren - bis zum nächsten Wahltermin - könne der durch die sozialen Medien vorangetriebene "Strukturwandel der Öffentlichkeit", so Hegelichs Diagnose, die Gesellschaft völlig verändert haben.

Was ist die Alt-Right-Bewegung?

Unter dem Sammelbegriff "Alt-Right" werden verschiedene Ideologien am rechten Rand des politischen Spektrums der USA zusammengefasst. Deren Vertreter haben sich zum Ziel gesetzt, die "Identität der Weißen Bevölkerung" vor den ihrer Meinung nach schädlichen Einflüssen einer multikulturellen Gesellschaft, politischer Korrektheit und dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit zu schützen. Der Name ist eine Abkürzung des Begriffs "Alternative Right" und geht auf den rechtsextremen Publizisten Richard S. Spencer zurück, der 2010 ein Online-Magazin mit diesem Titel gründete. Kritiker sehen in dem Begriff eine Beschönigung, die dazu diene, rechtsradikales Gedankengut einer breiteren Masse näher zu bringen.

"Die Politik hat keine Konzepte"

Der Forscher spricht von einer digitalen Revolution in unserem Kommunikationsverhalten - vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks, der zunächst auch nur eine technische Neuerung war. "Danach kam der Dreißigjährige Krieg." Der historische Seitenhieb Hegelichs soll die Politik treffen. Die wisse keine Antwort auf die Tatsache, dass wir es mit einer völlig neuen, von allen Seiten manipulierbaren, Kommunikationsstruktur zu tun haben.

Wir müssen unbedingt anfangen, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir mit diesem neuen Phänomen umgehen. Und das muss sehr, sehr schnell gehen. Es kann nicht sein, dass man, wenn es um die digitale Revolution geht, immer nur über Breitbandausbau und Laptops an den Schulen spricht.

Die USA und China haben bereits solche Konzepte. Allerdings markierten der amerikanische digitale Liberalismus und der chinesische digitale Totalitarismus zwei wenig nachahmenswerte Extreme, so Hegelich. Wie ein deutscher oder europäischer Mittelweg aussehen könnte, ließ er offen.

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