Im Schlossgarten während der "Schorndorfer Woche" | Bildquelle: dpa

Nach Ausschreitungen bei Volksfest Der kurze Weg von Schorndorf nach Köln

Stand: 18.07.2017 12:32 Uhr

Nach den Ausschreitungen und sexuellen Übergriffen in Schorndorf versucht die AfD, von den Vorkommnissen zu profitieren. Im Netz ist derweil von "1000 Armutsflüchtlingen" und einem zweiten Köln die Rede. Schorndorfs Bürgermeister widerspricht.

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Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Nach den Krawallen beim Volksfest in Schorndorf bei Stuttgart hat Oberbürgermeister Matthias Klopfer Fehler von Stadt und Polizei eingeräumt. Im Schlosspark, wo es zu Ausschreitungen gekommen war, herrsche generell ab 22.00 Uhr ein Alkoholverbot, sagte der SPD-Politiker im "Morgenmagazin" von ARD und ZDF. In den Vorjahren habe man beim Stadtfest zwischen Mitternacht und 0.30 Uhr gesagt: "Jetzt dürft ihr aber alle gehen und auch nach Hause gehen." Das sei diesmal zu spät geschehen.

"Kein Ausnahmezustand"

Klopfer widersprach aber Berichten, in seiner Gemeinde habe eine Art Ausnahmezustand geherrscht. Es habe am vergangenen Wochenende insgesamt vier Fälle sexueller Belästigung gegeben und bei einer Schülerfeier im Schlosspark hätten "zwei kleine Gruppen" mit Flaschen geworfen, so der Bürgermeister weiter. Der in Medienberichten erweckte Eindruck, "dass 1000 Jugendliche Randale gemacht haben und quasi Ausnahmezustand in unserer Stadt war, den kann man ganz klar verneinen", betonte Klopfer. Die Vorfälle seien "kein zweites Köln und kein zweites Hamburg".

Oberbürgermeister Klopfer betont, Schorndorf sei kein zweites Köln.

Zu den zwei Gruppen im Schlosspark habe jeweils eine "untere zweistellige Zahl" von Menschen gehört. Diese seien anscheinend auch bekannt dafür, "regelmäßig" Auseinandersetzungen zu suchen, ergänzte Klopfer. Wer die Täter seien und welcher Nationalität sie angehörten, sei noch unklar. Dazu gebe es bislang keine klaren Erkenntnisse.

AfD heizt Stimmung an

Im Netz sorgen die Vorkommnisse in Schorndorf für enormes Aufsehen. Auf Twitter schreiben verschiedene Nutzer von einem "zweiten Köln" - in Anspielung auf die massenhaften sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2015. Auch die AfD versucht, die Stimmung weiter anzuheizen. So behauptet die Partei auf Facebook, es habe eine "islamische Grapschparty" gegeben.

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel schrieb in einem weiteren Facebook-Eintrag von "zahlreichen sexuellen Übergriffen durch Migranten. Rund 1000 von ihnen, zumeist Iraker und Afghanen, haben sich laut Polizeiangaben im Schlosspark von Schorndorf versammelt und dort randaliert." Die Polizei hatte allerdings gar keine Nationalitäten genannt, sondern in einer ersten Mitteilung über einen Migrationshintergrund vieler Jugendlicher gemutmaßt:

Im Schlosspark versammelten sich in der Nacht zum Sonntag, zwischen 20:00 Uhr und 03:00 Uhr ungefähr bis zu 1.000 Jugendliche und Junge Erwachsene. Bei einem großen Teil handelte es sich wohl um Personen mit Migrationshintergrund. Hierbei kam es zu zahlreichen Flaschenwürfe gegen andere Festteilnehmer, Einsatzkräften und die Fassade vom Schorndorfer Schloss.

Auf rechtsradikalen Internet-Portalen spielen solche Details keine Rolle. Die Seite "PI-News" schrieb: "Was in der Millionenstadt Köln Silvester vor über eineinhalb Jahren aufgrund islamischer Massenmigration möglich war, ist jetzt auch in den gleichen Dimensionen in deutlich kleineren Städten Deutschlands Realität." In Schorndorf "schossen, randalierten, begrapschten, zerstörten und leisteten über 1.000 Invasoren Widerstand gegen die Staatsgewalt".

"Truth24" behauptete, "1000 Armutsflüchtlinge" seien an den Ausschreitungen beteiligt gewesen; ein "Arabermob" habe auf dem Volksfest gewütet und Frauen sexuell attackiert. Dabei fanden die sexuellen Übergriffe laut Polizei zu anderer Zeit an einem anderen Ort statt - und nicht im Schlosspark in der Nacht zu Sonntag. So heißt es in der Pressemitteilung der Polizei:

Am Freitagabend wurden der Polizei bislang drei Vorfälle gemeldet, bei denen Frauen von Männern auf dem Marktplatz sexuell belästigt wurden. In einem Fall wurde ein irakischer Tatverdächtiger ermittelt. Am Samstag kam es am Bahnhofsvorplatz zu einer sexuellen Belästigung bei der eine 17-Jährige nach derzeitigem Ermittlungsstand von drei Männern festgehalten und am Gesäß begrapscht wurde. Hierbei konnten drei afghanische Asylbewerber als Tatverdächtige ermittelt werden. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei dauern an. 

Auch internationale Medien berichteten über die Vorfälle in Schorndorf, beispielsweise die "Daily Mail", die ebenfalls die örtlichen und zeitlichen Abläufe nicht korrekt wiedergibt. Die US-Seite "Infowars" behauptete sogar, Migranten hätten das Volksfest in ein "Vergewaltigungsfest" verwandelt. Migranten seien auf eine Kirmes geströmt und hätten junge Frauen vergewaltigt und die Polizei attackiert.

"Keine Toleranz bei Übergriffen - egal wer der Täter ist"

Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) verurteilte die Vorkommnisse in Schorndorf. "Es gilt glasklar: Wir dulden solche Exzesse nicht, bei uns gibt es keine rechtsfreien Räume, wir haben null Toleranz bei Gewalt, bei sexuellen Übergriffen, bei Gewalt gegen die Polizei", sagte er nach Angaben eines Ministeriumssprechers. Und er betonte: Das gelte unabhängig von der Herkunft der Täter.

Bei der Empörung im Netz über sexuelle Übergriffe scheint dies hingegen oft nicht zu gelten: Gewalt gegen Frauen wird vor allem dann skandalisiert, wenn die Verdächtigen Ausländer sind.

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