Polizei im Weserstadion | Bildquelle: dpa

Risikospiele beim Fußball Hohe Kosten - kaum Erkenntnisse

Stand: 21.03.2018 14:36 Uhr

Der Rechtsstreit um Kosten für Polizeieinsätze bei "Risikospielen" im Fußball geht weiter. Dabei ist erstaunlich unklar, wer wie festlegt, was ein "Risikospiel" ist - und wie viele es pro Saison gibt.

Von Andrej Reisin, NDR

Andrej Reisin, NDR Logo NDR
Andrej Reisin, NDR

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat am Dienstag im Streit um die Kosten für Polizeieinsätze bei Bundesligaspielen beim Bundesverwaltungsgericht Revision gegen ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Bremen eingelegt. Dieses hatte im Februar entschieden, dass sich die DFL an den Kosten für sogenannte "Hochrisikospiele" beteiligen muss. Wann ein solches "Hochrisikospiel" vorliegt - und wie oft pro Saison - ist dagegen nach Recherchen des ARD-faktenfinders weitestgehend unklar.

Im Streit zwischen der DFL und dem Land Bremen geht es konkret um das Nordderby zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV am 19. April 2015. Damals waren 969 Polizisten im Einsatz, 9537 Arbeitsstunden fielen an. Bei einem normalen Bundesligaspiel sind in Bremen dagegen lediglich 200 bis 250 Polizisten vor Ort eingesetzt. Die Stadt will per Gebührenbescheid Mehrkosten von 425.718 Euro von der DFL.

Bremen ist das bislang einzige Bundesland, das eine Kostenbeteiligung der DFL einfordert. Für insgesamt fünf Spiele wurden mittlerweile Gebührenentscheide erstellt – die offenen Forderungen gehen insgesamt in die Millionen.

Verschiedene Bezeichnungen

In den Medien kursieren für solche Spiele unterschiedliche Begriffe: So ist die Rede von "Risikospielen", "Hochrisikospielen", "Sicherheitsspielen" oder "Hochsicherheitsspielen". Die Polizei spricht in vielen Pressemeldungen von "Hochrisikospielen". Außerdem lassen sich die Begriffe "Rotspiele" oder "Spiele der Kategorie Rot" finden, die auch der Bremer Innensenator verwendet.

Ulrich Mäurer, SPD Innensenator Bremen, im Gespräch
tagesschau24, 12:00 Uhr, 21.02.2018

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Für genaue Zahlen will keiner zuständig sein

Laut des Landesamts für Zentrale Polizeiliche Dienste in Nordrhein-Westfalen, zu dem die "Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze" (ZIS) gehört, sind "Begriffe wie 'Hochrisikospiel' oder 'Hochsicherheitsspiel' oder 'Spiele der Kategorie: rot' keine polizeilich verwendeten Fach- oder Rechtsbegriffe. Es gibt einzig 'Spiele mit erhöhtem Risiko' nach §32 der 'Durchführungsbestimmungen zur Spielordnung' des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)", erläutert ein Sprecher. "Die Entscheidung darüber, ob ein solches Spiel vorliegt, treffen die Vereine und Verbände auf dieser Grundlage."

Die "Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze" (ZIS) ist für die Koordination und den Informationsaustausch zwischen den Polizeibehörden zuständig. Ihre Daten und Analysen sollen die "Anzahl und Einstufung von Gefahrenpotenzialen im Zusammenhang mit Heim- und Gästefans" ermöglichen. Ihre Jahresberichte weisen zudem die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden aller Polizeien des Bundes und der Länder in den höchsten vier Spielklassen aus. Eine Statistik über die Anzahl der "Spiele mit erhöhtem Risiko" wird von der ZIS dagegen nach eigenen Angaben weder geführt noch ausgewiesen.

Nur scheinbar "harte" Kriterien

Der DFB ordnet laut seinen Durchführungsbestimmungen Spiele in drei Stufen ein: normale Spiele, Spiele unter Beobachtung und eben jene Spiele mit erhöhtem Risiko. Kriterien für letztere sind unter anderem langjährige Rivalitäten zwischen den Vereinen, ein hoher Anteil an gewaltbereiten Fans bei mindestens einem Verein, Vorfälle in vorigen Spielen oder emotional besonders aufgeladene Termine zum Saisonende. Doch während es unter Experten unstrittig ist, dass Spiele wie Bremen gegen den HSV oder das Revierderby zwischen dem BVB und Schalke 04 besondere Risiken bergen, ist die Lageeinschätzung bei anderen Spielen wesentlich unklarer.

Laut dem Kriminologen Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum beruhen die Kriterien für das Vorliegen eines solchen Spiels "im Grunde genommen auf Definitions- und Erfahrungsfragen". Selbst scheinbar harte Kriterien wie die Anzahl der erwarteten gewaltbereiten und gewaltsuchenden Fans seien nur auf den ersten Blick hart, weil die Definition umstritten und von der ZIS auch nicht wirklich offengelegt würden, so Feltes. Zudem wisse man nicht vorher, ob diese Personen dann auch tatsächlich anreisten.

Wer ist zuständig für was?

Auch die Anzahl der "Risikospiele" pro Saison lässt sich nicht zuverlässig ermitteln. Der DFB hat nach eigenen Angaben dazu keinerlei Statistik. Von der Pressestelle heißt es auf Nachfrage: "Der Begriff 'Hochrisiko-Spiel' wird von der Polizei verwendet. Die Einschätzung, ob ein Spiel ein 'Hochrisiko-Spiel' ist, trifft die Polizei. Auch die Einschätzung über die Anzahl der eingesetzten Polizeikräfte erfolgt durch die Polizei. Zahlen hierzu liegen dem DFB nicht vor."

Die zuständige ZIS sagt jedoch eindeutig, dass "Hochrisikospiel" kein polizeilicher und auch kein Rechtsbegriff sei. Gleichzeitig wird er in zahlreichen Polizei-Pressemitteilungen verwendet. Der DFB bezeichnet die Polizei sogar als Urheber des Begriffs. Und während die ZIS auf Vereine und Verbände als Organe der Risikoeinschätzung verweist, teilt der DFB mit, die Einschätzung werde von der Polizei am Spielort getroffen. Doch weder DFB noch ZIS können dazu konkrete Zahlen vorlegen.

Feltes: "Ein Unding"

Kritisiert die unzureichende Statistik: Kriminologe Thomas Feltes.

Für den Kriminologen Feltes ein Unding: "Offen gestanden kann ich nicht glauben, dass die ZIS diese Zahlen nicht hat", so Feltes gegenüber dem ARD-faktenfinder. "Wenn das der Fall wäre, wäre es ein weiteres Mal ein Beleg dafür, dass die ZIS ihre Aufgaben nicht erledigt. Denn es gibt ja Berichte über die jeweiligen Spiele, die an die ZIS gehen. Und es wäre ja ein Leichtes, diese entsprechend auszuwerten und zu evaluieren. Dieses Trauerspiel fällt allerdings auch auf die Politik zurück, die hier klare Vorgaben machen könnte."

Somit lassen sich weder die Anzahl der Risikospiele pro Saison, noch deren zahlenmäßige Entwicklung im Laufe der Jahre nachvollziehen, ebenso wenig die Verteilung auf die Ligen, Regionen oder Vereine. Es gibt auch keine Möglichkeit, die Einstufungen als "Hochrisikospiel" und die Wirksamkeit der jeweiligen polizeilichen Maßnahmen insgesamt unabhängig zu evaluieren. Auch die genauen Kriterien für das Vorliegen eines "Spiels mit erhöhtem Risiko" bleiben intransparent. Noch nicht einmal darüber, wer letztlich die Entscheidung für das Vorliegen eines sogenannten "Hochrisikospiels" trifft, herrscht in den Antworten von DFB, DFL und ZIS gegenüber dem ARD-faktenfinder Einigkeit.

DFL: 2016/17 insgesamt 109 "Risikospiele"

Die DFL hat immerhin die Zahlen für die vergangene Saison 2016/17. Laut Pressesprecher Michael Novak gab es demnach 24 "Spiele mit erhöhtem Risiko" in der 1. Bundesliga, 34 in der 2. Bundesliga und 51 in der 3. Liga. Auffällig ist die hohe Anzahl an Drittligaspielen. Da zur Verteilung auf die einzelnen Vereine aber keine Angaben vorliegen, kann man zu den Gründen nur Mutmaßungen anstellen. Einige Beobachter gehen davon aus, dass der hohe Anteil von ehemals höherklassigen Traditionsvereinen (Magdeburg, Zwickau, Chemnitz, Halle, Erfurt, Rostock, Jena, Osnabrück, Münster, Karlsruhe), die regional zum Teil stark miteinander rivalisieren, dazu beitragen. Zur langjährigen Entwicklung der sogenannten "Hochrisikospiele" liegen aber auch der DFL keine Statistiken vor.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Februar 2018 um 12:00 Uhr.

Darstellung: