Aktivisten von "Reconquista Internet" setzten in Dresden eine Leuchtbotschaft an die Frauenkirche.

"Reconquista Internet" Aktion gegen rechten Hass im Netz

Stand: 08.05.2018 14:46 Uhr

Satiriker Jan Böhmermann hat zur "Rückeroberung des Internets" aufgerufen. Mehr als 50.000 schlossen sich bislang "Reconquista Internet" an, um Hass im Netz etwas entgegenzusetzen. Doch es gibt auch Kritik.

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Auf der Digitalkonferenz re:publica warb Böhmermann für eine Beteiligung an "Reconquista Internet"

Der Name "Reconquista Internet" verbreitet sich derzeit rasant in den sozialen Medien. Hinter dem Namen - der nichts anderes bedeutet als die "Rückeroberung des Internets" - verbirgt sich eine Aktion des Moderators und Satirikers Jan Böhmermann. Der hatte "Reconquista Internet" in seiner ZDF-Sendung "Neo Magazine Royale" gestartet. Inzwischen beteiligen sich etwa 53.000 Menschen an dem Projekt.

Erklärtes Ziel von "Reconquista Internet" ist es, dem Hass im Netz "Liebe und Vernunft" entgegen zu setzen, wie es beispielsweise auf dem Twitter-Profil zu der Aktion heißt. Auf der Netzkonferenz re:publica in Berlin warb Böhmermann zuletzt verstärkt für eine Beteiligung. Es sei an der Zeit, der Debatte um Populismus im Netz Aktionen folgen zu lassen. "Wir haben aus Versehen eine Bürgerrechtsbewegung ins Leben gerufen", twitterte Böhmermann zum Start von "Reconquista Internet".

Organisation und Mobilisierung über das Internet

Die Teilnehmer von "Reconquista Internet" organisieren sich im Netz über die Chat-App Discord. Hier verabreden sie potenzielle Ziele und treffen inhaltliche Absprachen. Der erste größere Einsatz traf gestern Dresden mit einer "Montagsdemonstration der Liebe" - als Gegenentwurf zu den dort stattfindenden "Pegida"-Protesten.

Die Mitglieder von "Reconquista Internet" waren dazu aufgerufen, bestimmte Orte und Organisationen in Dresden in den sozialen Medien positiv zu bewerten und so die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Die Kommentare sollten mit Hashtags versehen werden wie #DresdenZeigtWieEsGeht", "#DurchhaltenDresden" und "#DresdenIstNichtAlleine".

Für mehr Aufsehen außerhalb von Foren und Kanälen sorgte die Verbreitung eine Lichtbotschaft auf der Fassade der Dresdner Frauenkirche. "Durchhalten, freundliches Dresden", ist auf einem Foto der Fassade zu lesen. "Ihr seid nicht alleine! #ReconquistaInternet".

Gegenentwurf zu "Reconquista Germanica"

Das Konzept von "Reconquista Internet" ist eine Antwort auf ein Bündnis von Rechtsradikalen, das unter dem Namen "Reconquista Germanica" im Netz seine Aktionen und Online-Attacken verabredet. Als virtuelle Trollfabrik unterstützte RG bereits im vergangenen Bundestagswahlkampf die AfD. Sich selbst bezeichnet "Reconquista Germanica" verharmlosend als satirisches Projekt von Online-Spiele-Fans. Böhmermann kritisierte das Vorgehen von RG in seiner Sendung scharf:

Was die rechten da im Internet machen hat nichts mit politischem Diskurs zu tun. Das sind organisierte Volksverhetzung, Einschüchterungsversuche und Manipulation mit illegalen Mitteln. Und weil die deutschen Strafverfolgungsbehörden leider immer noch so langsames Internet haben, sollten zu allererst wir Profisatiriker den Amateursatirikern von 'Reconquista Germanica' eine Kraft entgegensetzen, mit der sie in Zukunft rechnen müssen.

In einem "Nachrichtenzentrum" von "Reconquista Germanica" werden Presseberichte gesammelt. In einer anderen Untergruppe werden täglich Dutzende sogenannter Memes - das heißt manipulierte Fotos oder kurze Bildsequenzen - produziert, die über die sozialen Netzwerke ausgespielt werden, um Stimmung zu machen. Zumeist richten sich die Memes gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Flüchtlinge oder die etablierten Medien. Nach Recherchen des ARD-faktenfinder zum Vorgehen von "Reconquista Germanica" wurde aber beispielsweise auch Projektleiter Patrick Gensing als Ziel für Schmähangriffe ausgewählt und von rechten Trollen attackiert und beleidigt.

Viel Unterstützung und deutliche Kritik

Als Gegenentwurf zu Aktionen rechter Trolle erhielt die Aktion "Reconquista Internet" in den vergangenen Tagen großen Zulauf und breite Unterstützung im Netz. So griffen zum Teil auch Politiker und Prominente den Hashtag #ReconquistaInternet auf, um das Projekt öffentlich zu unterstützen oder um sich gegen rechte Polemik im Netz zu positionieren.

Doch inzwischen gibt es auch deutliche Kritik im Netz - auch aus der Politik: FDP-Generalsekretärin Nicola Beer beispielsweise wirft Initiator Böhmermann "Blockwart-Denke in schlimmster Tradition beider deutscher Diktaturen vor". Sie kritisierte einen öffentlichen Aufruf von "Reconquista Internet" zum Blocken und Spammen als "falschen Weg".

Listen von Böhmermann veröffentlicht

Tatsächlich hatte Böhmermann zunächst angekündigt, unter anderem eine Liste mit Aktiven der Gruppe "Reconquista Germanica" zu veröffentlichen, um diese beispielsweise zu melden, zu blockieren oder "mit Liebe zu überschütten". "Keine Sorge liebe Juristen", ergänzte Böhmermann in der Sendung: "Das ist keine Selbstjustiz sondern einfach nur ein gigantisches satirisches Internetprojekt - ohne Bezug zur Wirklichkeit." Nur wenige Minuten nach der Veröffentlichung der entsprechenden Links im Internet per Twitter wurde der Tweet wieder gelöscht. Eine archivierte Version ist online aber weiterhin abrufbar.

Das beworbene Video verweist auf zwei im Netz veröffentlichte Listen. Darin fänden sich mehr als 1000 Twitter-Profile: Zum einen Accounts, die an mindestens zwei Aktionen von "Reconquista Germanica" aktiv beteiligt gewesen seien. Zum anderen Accounts, die mit mindestens zehn Accounts des "rechten Spektrums" vernetzt seien. Was genau den Akteuren von "Reconquista Internet" als "rechtes Spektrum" gilt, wird im Detail nicht erklärt. Doch gibt es ein Angebot an die Betroffenen:

Wir reichen jedem Menschen auf diesen Listen unsere Hand. Wer etwas dagegen hat, dass wir diese Listen veröffentlichen, kann jederzeit mit uns sprechen. Wir sind ab sofort überall.

Zwei Anschauungen prallen aufeinander

Das ZDF distanzierte sich inzwischen in Teilen von der Aktion Böhmermanns. Per Twitter teilte ZDF neo mit, man habe nie öffentlich zur Denunziation aufgerufen. Der Fernsehrat sieht sich nicht unmittelbar zuständig, wie die Geschäftsstelle auf Anfrage von T-Online erklärte. Bei Beschwerden könne es nur um Inhalte gehen, die vom ZDF redaktionell verantwortet würden: "Dazu gehörten nicht die Postings von Herrn Böhmermann."

Klar ist aber: Mit der Aktion "Reconquista Internet" trifft das rechte Trollnetzwerk "Reconquista Germanica" neben Aktionen wie "Ichbinhier" oder "Wirdiskutierenhier" einmal mehr auf organisierten Widerspruch im Netz.

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