Iris Gleicke, Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer | Bildquelle: dpa

Umstrittene Studie zu Rechtsextremismus "Nicht hinnehmbare Schlamperei"

Stand: 27.07.2017 16:46 Uhr

Sie war schon bei der Veröffentlichung im Mai umstritten: Eine Studie über rechtsextreme Haltungen in Ostdeutschland. Nun distanziert sich auch die Auftraggeberin - die Ostbeauftragte der Bundesregierung.

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Robin Lautenbach, RBB

Von Robin Lautenbach, RBB

Deutlicher geht es nicht: Die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Iris Gleicke, distanziert sich in aller Form von einer Studie, die sie einst selbst in Auftrag gegeben hatte. Der Studie über Rechtsextremismus in Ostdeutschland, so schrieb sie an die Verfasser vom Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen, mangele es an Sorgfalt und sei mit den Grundsätzen wissenschaftlichen Arbeitens nicht zu vereinbaren. Sie droht sogar an, die für die Studie gezahlten 129.000 Euro wieder zurückzufordern.

Unmittelbarer Anlass des Ärgers ist, dass die im Mai veröffentlichte Studie dem Ministerium jetzt in einer neuen Version vorgelegt wurde. Die Autoren baten das Ministerium selbst darum, die alte Langfassung nicht mehr zu verwenden, ohne allerdings zu erläutern, was in der Studie geändert wurde.

Ost-Beauftragte Gleicke distanziert sich von Rechtsextremismus-Studie
tagesschau 20:00 Uhr, 27.07.2017, Eva Lodde, ARD Berlin

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Unklare Anonymisierungen

Im Wirtschaftsministerium fand man dann heraus, dass in der neuen Fassung der Name eines Gesprächspartners der Forscher weggelassen wurde, offenbar weil dieser Aussagen über eine dritte Person traf, deren Wahrheitsgehalt nicht zu belegen sind. Gleicke nennt das eine "nicht hinnehmbare Schlamperei".

Iris Gleicke mit Studie über Rechtsextremismus in Ostdeutschland | Bildquelle: dpa

Iris Gleicke im Mai mit der Studie über Rechtsextremismus in Ostdeutschland

Noch im Mai hatte die Ostbeauftragte die Studie verteidigt. Damals war herausgekommen, dass aus Liste der für die Untersuchung befragten ca. 40 Personen nicht klar hervorging, wer anonymisiert worden war wer nicht. Die Forscher hatten ihre Interviewpartner entweder mit Vor- und Nachnamen aufgeführt (das waren die echten Namen) oder nur mit einem Nachnamen versehen (für anonymisierte Teilnehmer). Dem Leser wurde der Unterschied nicht erklärt.

Die Studie ist eine sogenannte „qualitative Studie“, die Einstellungen nach längeren Interviews mit einem ausgewählten Personenkreis zu beschreiben versucht. Solche Studien bauen in der Regel auf sogenannten „quantitativen Studien“ auf , die meist per Meinungsumfragen Einstellungen von Bevölkerungsgruppen erhebt.

"Jeden Wert verloren"

Dass die Göttinger Studie sich auf Gespräche mit nur 40 Personen bezieht, ist an sich kein Beweis für ein nicht-wissenschaftliches Vorgehen. Die Studie hatte Personen aus den sächsischen Orten Freital und Heidenau und aus dem Erfurter Stadtteil Herrenberg befragt und kam zu dem Ergebnis, dass rechtsextremes Gedankengut in diesen Orten befördert wurde durch die Sozialisierung der Bewohner in der DDR sowie durch mangelnde politische Bildung und ein allgemeines Gefühl der Benachteiligung.

Gleicke schreibt in ihrem Brief, der dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt, dass die Studie nun leider jeden Wert für die dringend notwendige Debatte über die Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland verloren habe. Der Brief endet mit dem Satz: „Aus meiner persönlichen Enttäuschung und Empörung darüber mache ich keinen Hehl“.

Eva Lodde, ARD Berlin, zur Kritik an der Rechtsextremismus-Studie
tagesschau 17:00 Uhr, 27.07.2017

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Unverständnis bei den Forschern

Die Forscher wehren sich - ebenfalls mit starken Worten. Dass das Ministerium sich jetzt überstürzt davonmache, sei bedrückend, heißt es in einer Stellungnahme. Mit den Verfassern der Studie habe man zuvor kein Wort geredet, im Übrigen sei der Brief in Göttingen auch noch gar nicht angekommen. Gleickes Kritik sei unzutreffend: Es gäbe lediglich eine weitere Anonymisierung im Text der Studie, von einer Person, die in einem Interview kritisch genannt wurde. Die Aussage selbst wegzulassen, wäre Zensur gewesen und nicht wissenschaftlich. Das Ministerium sei auch über diesen Vorgang stets informiert worden, das Ergebnis sei explizit und unverzüglich vorgelegt worden.

In diesem Punkt steht also Aussage gegen Aussage. Das Ministerium und das Göttinger Institut für Demokratieforschung werden wohl nicht mehr zusammenkommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Juli 2017 um 17:00 Uhr.

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