Habseligkeiten eines Obdachlosen in Hannover | Bildquelle: dpa

Obdachlose als Opfer Gewalt - abseits der Gesellschaft

Stand: 24.01.2018 15:28 Uhr

Jedes Jahr werden in Deutschland Hunderte Obdachlose Opfer von Gewalt. Im vergangenen Jahr gab es mindestens 17 Tote. Die Täter sind oft selbst obdachlos - doch es gibt auch viele Übergriffe von Rechtsextremen.

Von Timo Reuter für tagesschau.de

Immer wieder machen gewalttätige Übergriffe auf Obdachlose Schlagzeilen. So wie in der vergangenen Woche, als ein bislang Unbekannter mitten in einem Berliner U-Bahnhof zwei Obdachlose mit Schlägen und Tritten ins Gesicht malträtierte. Danach stach er einem dritten Opfer ins Bein.

Laut einer Sprecherin hat die Berliner Polizei bisher keine gesicherten Erkenntnisse über den Täter. Bei der Befragung der Opfer sei aber auf einen Mann Anfang 20 mit "arabischem Aussehen" hingewiesen worden. Rechte Internetportale reagierten umgehend: "'Araber' greift Obdachlose an", war dort zu lesen. Und: Diese "kulturtypische" Tat von "islamischen Migranten" sei "kein Einzelfall", behauptete ein anderer rechter Blog.

Um das zu belegen, wird auf den aufsehenerregenden Fall von vor einem Jahr verwiesen, als eine Gruppe teils minderjähriger Flüchtlinge ebenfalls in einem Berliner U-Bahnhof einen schlafenden Obdachlosen anzünden wollte. Das Opfer blieb unverletzt, der Haupttäter wurde inzwischen zu einer Haftstrafe verurteilt. Ein Berliner AfD-Abgeordneter erklärte die Tat damals durch "fundamentale kulturelle Unterschiede zwischen Europa und dem Nahen Osten".

In der Regel handelt es sich bei "Gewalt gegen Wohnungslose" laut BAGW entweder um Streitigkeiten unter Wohnungslosen in Notunterkünften oder um Gewalt gegen Obdachlose, die auf der Straße leben. Im Fall der Gewalt gegen Obdachlose kommen sowohl selbst obdachlose Täter infrage - als auch Täter aus der Mehrheitsgesellschaft.

Was steckt hinter der Gewalt?

Wie eine Nachfrage beim Bundesinnenministerium ergab, werden Straftaten gegen Obdachlose dort nicht gezählt. Eine Sprecherin verweist auf das Bundeskriminalamt (BKA), das seit Anfang 2014 Obdachlose als Opfergruppe erfasst. Seither zählte das BKA 18 Todesfälle sowie 1253 Gewalttaten gegen Obdachlose, wobei die Zahl der Fälle seit 2014 konstant gestiegen ist.

Wie viele der Straftaten in einer Verurteilung der Täter endeten, weiß aber weder das BKA noch das Bundesjustizministerium. Zudem dürften bei Weitem nicht alle Übergriffe vom BKA erfasst werden, wie eine BKA-Sprecherin einschätzt:

Es ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da die Neigung von Obdachlosen, gegen sie begangene Straftaten der Polizei zu melden, gering sein dürfte.

Außerdem sind Angaben zu den Opfern wie etwa deren Obdachlosigkeit für die Polizei vor Ort keine Pflichtangabe, sondern Ermessenssache.

Wohnungslosenhilfe wertet Berichte aus

Werena Rosenke und die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe werten Berichte zu Übergriffen auf Obdachlose aus.

Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) erfasst die Gewalt gegen Wohnungslose. Dafür wertet sie Medienberichte über solche Vorfälle aus - und kommt zu einer deutlich höheren Zahl an Todesopfern als die Statistik der Polizei.

Seit 1989 sind demnach mindestens 523 Wohnungslose umgebracht worden. Allein seit 2014 zählt die BAGW 79 Obdachlose, die durch Übergriffe starben.

Was ist über die Täter bekannt?

"Man kann davon ausgehen, dass es sich bei den Tätern, die selbst nicht wohnungslos sind, oft um jüngere Männer handelt, die zum Teil als Gruppe oder aus Gruppen heraus gewalttätig werden", sagt Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAGW. Durch die Dokumentation der Wohnungslosenhilfe wird aber zudem eine Tendenz deutlich: In vielen Fällen von Gewalt gegen Wohnungslose haben die Täter selbst keine Wohnung.

So wurden BAGW-Zahlen zufolge seit 1989 insgesamt 287 Tötungsdelikte von selbst wohnungslosen Tätern begangen - im Gegensatz zu 236 solcher Delikte durch nicht-wohnungslose Täter.

Bei Konflikten unter Obdachlosen geht es oft um knappe Ressourcen wie einen sicheren Schlafplatz oder ein wenig Geld.

"Aggressivität unter Wohnungslosen nimmt zu"

Rosenke verweist auf die steigende Zahl der Wohnungslosen (siehe Infokasten), wodurch "auch die Not und damit die Aggressivität" zunehme. Beim BKA gibt es keine Statistik darüber, wie viele Täter obdachlos sind. Dort wird aber - "vorrangig anhand gesetzlicher Tatbestände und nur begrenzt unter kriminologischen Gesichtspunkten" - unterschieden, ob die Tatverdächtigen (es werden Tatverdächtige, keine Täter gezählt) eine deutsche Staatsangehörigkeit haben.

So waren im Bereich der Tötungsdelikte gegen Wohnungslose seit 2014 insgesamt zehn von 26 Tatverdächtigen (38 Prozent) Ausländer, bei Fällen von Körperverletzungen lag ihr Anteil bei 43 Prozent.

Wie erklären sich diese Zahlen?

Laut BAGW ist vor allem die Zahl obdachloser Zuwanderer aus der EU angestiegen. Das spiegelt sich Rosenke zufolge auch bei den Tätern wider:

Innerhalb der Obdachlosenszene gibt es viel Gewalt und weil viele Obdachlose keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, gibt es natürlich auch unter Obdachlosen nicht-deutsche Täter.

Weil der relativ kleine Teil der EU-Migranten, der hierzulande keine Arbeit findet, seit einer Gesetzesverschärfung Ende 2016 kaum mehr Ansprüche auf Sozialleistungen oder eine längerfristige Unterbringung hat, landen immer mehr EU-Bürger auf der Straße. Die BAGW schätzt ihren Anteil unter Obdachlosen, also unter denjenigen, die gar kein Dach über dem Kopf haben, in Metropolen auf bis zu 50 Prozent:

Das heißt, Migranten sind häufiger Teil der gewaltsamen Auseinandersetzungen im Obdachlosenmilieu – und werden somit auch öfter Opfer.

Wie viele obdachlose Opfer auch Ausländer sind, ist laut BAGW nicht bekannt. Aber dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt, legen Übergriffe nahe, die medial viel Aufmerksamkeit bekamen. So ist etwa der Obdachlose, der Ende 2016 von der Gruppe junger Flüchtlinge in Berlin beinahe angezündet wurde, Pole. Und auch die Opfer zweier Attacken in Hamburg im vergangenen Jahr sind nicht etwa "Deutsche die von Migranten angegriffen" wurden - wie es in rechten Blogs geschrieben stand - sondern sie kommen aus Osteuropa, wie übrigens auch die obdachlosen Täter selbst.

Erklärung: Weil es eine amtliche Statistik nicht gibt, schätzt die BAGW alle zwei Jahre die Zahl der Wohnungslosen - auf der jetzigen Datengrundlage aber erst ab 2006. Wohnungslose sind Menschen, die über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügen, aber meist ein Dach über dem Kopf haben und etwa in Wohnheimen, kommunalen Notunterkünften oder vorübergehend bei Freunden unterkommen. Obdachlose hingegen leben ohne Dach über dem Kopf auf der Straße.

Häufig rechtsextreme Täter

Gewalt erfahren Obdachlose aber immer wieder auch von nicht-wohnungslosen Tätern. "In diesen Fällen sind Migranten nach unseren Erkenntnissen als Täter die große Ausnahme", sagt Rosenke. Bei solchen Übergriffen spielten hingegen "menschenverachtende und rechtsextreme Motive häufig eine zentrale Rolle".

Auf das hohe Gewaltpotential Rechtsradikaler gegen Randgruppen weißt auch die Statistik zur Hasskriminalität des Bundesinnenministeriums hin, wo Straftaten erfasst werden, bei denen die Opfer aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe attackiert werden - also etwa, weil sie obdachlos sind. 2016 wurden mehr als 85 Prozent der knapp 1.500 gewalttätigen Verbrechen aus dem Bereich "Hasskriminalität" von rechten Tätern verübt - in nur acht Prozent der Fälle waren die Täter Ausländer.

"Allgemeine Verachtung gegen Wohnungslose"

Mit den sogenannten "Mitte-Studien" forscht Andreas Zick regelmäßig zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland.

Die Amadeu-Antonio-Stiftung erfasst seit Langem die Zahl der Todesopfer rechter Gewalt. Demnach wurden seit der Wiedervereinigung mindestens 26 Obdachlose von Rechtsextremen umgebracht. Die Stiftung geht zudem von einer "weitaus größeren" Dunkelziffer aus. Der Leiter des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld, Andreas Zick:

Bei Gewalttaten gegen Obdachlose werden die Täter meist durch eine allgemeine Verachtung gegen Wohnungslose bestärkt.

Wieweit diese "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" verbreitet ist, untersucht Zick regelmäßig anhand repräsentativer Umfragen. Demnach glaubten zuletzt 19 Prozent der Befragten, die meisten Obdachlosen seien "arbeitsscheu" - jeder dritte befürwortete, bettelnde Obdachlose aus Fußgängerzonen zu entfernen. "Die traurige Wahrheit ist, dass Gewalt gegen Obdachlose seit vielen Jahren alltäglich ist. Und vieles davon dringt gar nicht an die Öffentlichkeit", sagt BAGW-Geschäftsführerin Rosenke. "Die beste Prävention wäre, den Wohnungslosen eine Wohnung zu geben."

Darstellung: