Brennende Barrikaden im Schanzenviertel | Bildquelle: AP

Berichte über Neonazis bei G20 Viele Gerüchte, keine Beweise

Stand: 21.07.2017 09:08 Uhr

Seit Tagen kursieren Gerüchte durch Netz und Medien, wonach bei den G20-Krawallen auch Neonazis mitgemischt hätten. Doch bislang liegen keine belastbaren Indizien vor.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Die Krawalle rund um den G20-Gipfel beschäftigen weiterhin die Öffentlichkeit und Politik. Immer wieder tauchen zudem Berichte und Behauptungen auf, wonach Neonazis maßgeblich an den Ausschreitungen beteiligt gewesen sein sollen. So berichtete der Fotograf Andreas Scheffel im SWR, unter den Randalierern in Hamburg seien etliche Mitglieder der rechtsradikalen Szene gewesen. Er selbst habe mehr als 70 von ihnen "zweifelsfrei" identifizieren können. Es seien "bekannte Gesichter aus der Szene" dabei gewesen, "Personenkreise aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, aus Sachsen und aus Hessen", sagte Scheffel.

Allerdings machte der Fotograf keine konkreten Angaben und verwies bei Nachfragen darauf, dass er in der kommenden Woche eine ausführliche Dokumentation vorlegen werde. Auf Twitter veröffentlichte Scheffel ein Video von schwarz gekleideten Personen in Hamburg, auf dem der Ruf "Wir sind das Volk" zu hören ist. Dieser ist sicherlich nicht typisch für die autonome Szene, aber umgekehrt auch kein Beleg für die Anwesenheit von Neonazis.

Exklusive Beweise?

Die Nachrichtenseite "Thüringen 24" berichtet unterdessen, Neonazis hätten exklusiv die Teilnahme an G20-Protesten "zugegeben". Auf Anfrage des ARD-faktenfinder erklärte der Autor des Berichts, er habe Aktivisten des neonazistischen "Antikapitalistischen Kollektivs" auf Facebook kontaktiert. Diese hätten dann geschrieben, sie seien in Hamburg dabeigewesen. Belege dafür nannten sie aber nicht. Sie würden sich auch nicht dazu drängen lassen.

Weiter heißt es in dem Bericht von "Thüringen 24" zu den angeblichen Neonazis bei G20:

Ähnlich wie das "Antikapitalistische Kollektiv" hatte auch die Jugendorganisation der NPD, die "Jungen Nationaldemokraten" (JN), zum Protest gegen den G20-Gipfel aufgerufen. Ein Video zeigt etwa, wie Mitglieder der JN teils vermummt ein Anti-G20-Banner an einer Autobahn anbringen. Zwar bestätigt die JN die Teilnahme an den Protesten, will aber nicht verraten, an welchen Aktionen und Demonstrationen ihre Mitglieder genau teilnahmen.

Wieder Behauptungen, aber keine Belege. Und bei dem Video, das den kleinen rechtsextremen Anti-G20-Protest an einer Autobahn zeigt, heißt es bei der JN, dies sei eine "Einsendung aus Hessen".

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Rechtsextremisten verfolgen seit Jahren die Strategie, am Rande von Großveranstaltungen etwas mediale Aufmerksamkeit auf sich lenken zu wollen. Die "taz" kommentierte auf Twitter dementsprechend, die NPD gebe alles zu, damit sie in die Nachrichten komme.

Viele Reporter, die rund um den G20-Gipfel unterwegs waren, reagierten skeptisch auf die Behauptung, es seien Dutzende bekannte Neonazis in Hamburg unterwegs gewesen. Von ihnen hatte niemand bekannte Rechtsextremisten erkannt. Viele Beobachter halten es hingegen für möglich, dass vereinzelt Rechtsextreme unterwegs waren, doch sicherlich nicht mehrere Dutzend.

Fraglich ist ebenso, ob bekannte Rechtsextremisten nicht von Aktivisten der Antifaschistischen Aktion (Antifa) identifiziert worden wären. Entsprechende Berichte auf Antifa-Seiten liegen aber nicht vor. Auch auf Neonazi-Seiten wurden keine Fotos oder Berichte von den Krawallen veröffentlicht. Lediglich im Vorfeld von G20 waren einige Bilder von Neonazis veröffentlicht worden, die in Hamburg Plakate klebten.

Bei der "Welcome to Hell"-Demonstration waren angebliche Aktivisten der "Identitären Bewegung" erkannt und danach gewaltsam von der Kundgebung vertrieben worden - was umgehend ein großes Thema in den sozialen Netzwerken war.

Unpolitische Gewaltbereite

Viele Augenzeugen berichteten vielmehr von eher unpolitischen Gewalttätern, auch aus dem Bereich Fußball. Der Polizeiforscher Thomas Feltes hatte bereits vor den schwersten Ausschreitungen im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder gewarnt, es gebe zunehmend unpolitische Gewaltbereite, die solche Veranstaltungen nutzten, um Randale zu machen. Für die Anwesenheit von Neonazis bei den G20-Krawallen in Hamburg liegen bislang keine belastbaren Hinweise vor. Möglich, dass entsprechende Beweise noch auftauchen, doch bislang spricht wenig dafür.

Der G20-Gipfel in Hamburg ist heute am 20. Juli 2017 das Thema in der ARD-Sendung "Panorama" um 21:45 Uhr.

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