Die Teilnehmer der Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis "Pegida", der sich auch die Teilnehmer der Kundgebung der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz angeschlossen haben, ziehen durch die Stadt.  | Bildquelle: dpa

Debatte über Mitte-Studie Wie rechts ist die Mitte?

Stand: 02.05.2019 11:11 Uhr

Die jüngste Mitte-Studie hat für eine Kontroverse gesorgt, dabei werden einzelne Fragestellungen kritisiert. Beteiligte Forscher betonen aber, die Aussagen funktionieren empirisch außerordentlich gut.

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Von Andrej Reisin, NDR

Seit 2006 misst die "Mitte-Studie" der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Zusammenarbeit mit verschiedenen Wissenschaftlern, wie verbreitet rechtsextreme, rechtspopulistische und autoritäre Einstellungen in Deutschland sind. Für die "Mitte-Studie" werden alle zwei Jahre 2000 Erwachsene in Deutschland repräsentativ ausgewählt und befragt.

Die aktuelle Studie führte das Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung im Auftrag der FES durch. Die Fragen zu rechtsextremen Einstellungen sind dabei standardisiert. Sie beruhen auf einer Übereinkunft führender Politikwissenschaftler, die sich 2001 über die Merkmale verständigt hatten, die aus Sicht der Forschung zu einem rechtsextremistischen Weltbild gehören: unter anderem eine Befürwortung von Diktatur, Rassismus, Antisemitismus, die Verharmlosung des Nationalsozialismus, Fremdenfeindlichkeit oder die Abwertung von Arbeitslosen und Obdachlosen.

Die Probanden bekommen zu jedem Merkmale Fragen beziehungsweise Aussagen vorgelegt - und können jeweils fünf mögliche Antworten geben - von "lehne voll und ganz ab" bis "stimme voll und ganz zu".

Kritik an einzelnen Fragen

Aktuell werden dabei vor allem einzelne Fragen kritisiert, weil diese vermeintlich nicht diejenigen Schlüsse zulassen, die die Studie aus ihnen zieht. Dabei geht es vor allem um die Abwertung von Asylsuchenden - und die Frage, inwieweit sich diese aus der Zustimmung zu folgenden Aussagen ableiten lässt:

Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat großzügig sein."

"Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.

Kritiker bemängeln, dass diese Sätze auch von Menschen geteilt werden könnten, die gar nichts gegen Asylbewerber hätten. Wer nur gegen den Missbrauch des Asylrechts sei und sich einen starken Staat wünsche, werte deshalb noch keine Asylsuchenden ab.

Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung: Zunehmend ablehnende Haltung gegenüber Asylbewerbern
nachtmagazin 00:15 Uhr, 26.04.2019, Griet Petersdorff, RBB

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Die Kritik geht an der Methode vorbei

Für eine fundierte Diskussion muss man sich mit der Methodik empirischer Sozialforschung beschäftigen. Denn eines ihrer größten Forschungsprobleme besteht seit jeher darin, dass Menschen bei Befragungen oft nicht das sagen, was sie denken, sondern das, was sie für erwünscht halten. Eine Studie, die zum Beispiel fragt "Mögen Sie keine Juden?" oder "Halten Sie Asylbewerber grundsätzlich für Betrüger?" hätte deshalb kaum Aussagekraft. Die allermeisten Probanden würden bei einer solchen Befragung nicht zu ihren Vorurteilen stehen. Dieses Problem ist in der Sozialwissenschaft lange bekannt.

Daher hat man Methoden entwickelt, die Einstellungen messen, ohne dass die Befragten offen zugeben müssen, Vorurteile zu haben oder bestimmte gesellschaftliche Normen abzulehnen. Statt zu fragen: "Befürworten Sie Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten?", misst man beispielsweise die Zustimmung zu dem Satz: "Ich würde selbst nie körperliche Gewalt anwenden. Aber ich finde es gut, wenn es Leute gibt, die auf diese Weise für Ordnung sorgen." Dieser entlastet den Befragten zwar davon, selbst Gewalt zustimmen zu müssen, aber eine Zustimmung bedeutet dennoch, dass Gewalt als Mittel zur Problemlösung betrachtet wird.

Ergebnis von Voruntersuchungen

Die Wissenschaftler verweisen daher darauf, dass die kritisierten Statements das Ergebnis einer Reihe von Voruntersuchungen nach üblichen und bewährten Verfahren der Sozialforschung sind, die bestimmte Statements auf ihre Aussagekraft hin messen. Die Methodik ist in einem Buch zur Studie genau beschrieben. "Die kritisierten Aussagen funktionieren empirisch außerordentlich gut", sagt Studienleiterin Beate Küpper im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder. Das bedeutet, dass sie trotz ihrer vermeintlich vielseitig interpretierbaren Aussage zuverlässig messen können, ob jemand Vorbehalte gegenüber Asylbewerbern hat oder nicht.

Was auf den ersten Blick widersprüchlich klingen mag, ist tatsächlich gängige Praxis der empirischen Sozialwissenschaft: Mithilfe von Indikatoren wird die interne Konsistenz eines Fragebogens berechnet. So soll sichergestellt werden, dass alle Aussagen, von denen ein Forscher behauptet, sie würden auf eine bestimmte Einstellung hindeuten, auch wirklich einheitlich beantwortet werden. Die Antworten der Probanden müssen also miteinander korrelieren. Zudem verweist Küpper auf die Reihe vorangegangener Studien: 2016 habe man beispielsweise einen Schwerpunkt auf die Flüchtlingsthematik gelegt und deutlich mehr Fragen zu dem Thema gestellt. Die Korrelationen negativer Antworten habe sich auch dort gezeigt.

Wer A sagt, muss auch B und C sagen

Die Mitte-Studie erzielt bei Konsistenzberechnungen nach Angaben der Forscher Werte, die eine hohe Güte der verwendeten Fragebögen ausweisen. Mit anderen Worten: Auch, wenn der laienhafte Blick auf einzelne Fragen diese als unzureichend erscheinen lässt, messen diese im Gesamtzusammenhang aller abgefragten Einstellungen durchaus das, was sie behaupten.

Wer der Aussage "Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt" zustimmt, stimmt demzufolge in aller Regel auch abwertenden Aussagen über Juden, Sinti und Roma und Muslimen zu. Oder: Wer findet, "Die Juden haben etwas Eigentümliches und passen nicht so Recht zu uns", stimmt meistens auch der Aussage "Es gibt unwertes und wertvolles Leben" zu.

Die Kritik an einzelnen, angeblich missverständlichen Fragestellungen greift daher zu kurz. Denn nur, wer alle oder viele dieser Ansichten teilt, dem bescheinigen die Forscher ein rechtsextremes oder rechtspopulistisches Weltbild. Nur, weil sich jemand bei Asylanträgen die gleiche Konsequenz wünscht wie bei Strafzetteln, wird er also von der Studie noch lange nicht in die rechte Ecke gestellt.

Gesamtschutzquote

Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) lag die Gesamtschutzquote aller Asylsuchenden im 1. Quartal 2019 bei knapp 38 Prozent. Doch das heißt im Umkehrschluss nicht, dass 62 Prozent der Asylsuchenden gar nicht verfolgt sind. Das BAMF entscheidet ein Drittel aller Fälle nicht aus inhaltlichen, sondern "aus formellen Gründen" - zum Beispiel, weil es Verfahren nach den Dublin-Regeln an andere Staaten zurückverweist. Ob diese Menschen schutzbedürftig sind, bleibt unklar - in die Schutzquote des BAMF gehen sie nicht ein. Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl beklagen zudem, dass die Quote nicht von der Realität, sondern von immer restriktiveren Vorgaben abhängig sei. So verschlechtere sich die Lage in Afghanistan seit Jahren, die Anerkennungsquote sinke trotzdem die ganze Zeit.

Asylfragen sind keineswegs neu

Die beiden Fragen zu Einstellungen gegenüber Asylbewerbern werden seit Jahren so gestellt. Auch das ist Absicht, denn nur dadurch lassen sich Studienergebnisse über einen längeren Zeitraum vergleichen. Selbst wenn man die Formulierungen also unzureichend findet, lassen sich doch Rückschlüsse darauf ziehen, ob die Werte steigen oder fallen. Die Forscher schreiben dazu:

Während in 2016 noch 49,5 Prozent negative Aussagen gegenüber asylsuchenden Menschen vertraten, sind es in 2018/19 54,1 Prozent der Deutschen. Dies ist der höchste in unseren Studien je gemessene Wert, seit wir im Jahr 2011 zum ersten Mal die Meinungen über Asylsuchende erhoben haben. Im Gegensatz zum traditionellen Rassismus und der klassischen Fremdenfeindlichkeit scheint sich hier eine Verhärtung der Debatte über das Thema "Asyl und Flüchtlinge" deutlich auszudrücken. Dies könnte gleichzeitig dafür sprechen, dass die mit der Abwertung von Asylsuchenden verbundenen Einstellungen nur zum Teil noch durch bewusstes Hierarchiedenken motiviert sind, sondern durch die Normalisierung im Diskurs von einem Großteil der Befragten mittlerweile als Fakten gehandelt werden.

Die große Aufregung um dieselben Fragen, die schon seit Jahren gestellt werden, ist aus Sicht der Wissenschaftler also eine Bestätigung ihrer Thesen. Die Vorstellung, die meisten Asylbewerber seien gar nicht verfolgt, ist demnach bis weit in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen.

Die Mitte ist nicht sicher

Studienleiterin Küpper sagt dazu, man könne "immer über einzelne Formulierungen oder Fragen diskutieren". Aber selbst wenn die Forscher die Fragen zur Abwertung von asylsuchenden Menschen komplett wegließen, würde man feststellen, "dass menschen- und demokratiefeindliche Einstellungen auch bei denjenigen weit verbreitet sind, die die Mitte der Gesellschaft bilden", betont Küpper. "Wenn zum Beispiel 50 Prozent der Befragten erklären, sie vertrauten ihren Gefühlen mehr als sogenannten Experten, dann stellt das einen aufgeklärten und faktenbasierten demokratischen Diskurs infrage. Und dazu passt dann eine pauschale Infragestellung der Wissenschaftlichkeit, nur weil man einzelne Fragen nicht unmittelbar nachvollziehen kann."

Dennoch ist die Entwicklung insgesamt auch aus Sicht der Forscher keineswegs nur negativ zu bewerten: So befürwortet eine große Mehrheit der Deutschen Demokratie und Vielfalt. Der harte Kern von Menschen mit geschlossen rechtsextremen Weltbildern hat ebenfalls nicht zugenommen. Auch die Unterschiede zwischen Ost und West sind geringer als gedacht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. April 2019 um 03:31 Uhr.

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