Eine Puppe liegt in einem Kinderzimmer auf dem Bett

Zahlen und Fakten zu Missbrauch Tausende Fälle und eine hohe Dunkelziffer

Stand: 28.01.2018 02:13 Uhr

Vor acht Jahren wurde der sexuelle Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg aufgedeckt - und das war erst der Anfang. Zahlreiche weitere Enthüllungen folgten. Das Problem ist bis heute massiv.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, spricht von der "Dimension einer Volkskrankheit". Es ist eine bittere Bilanz, die Rörig zieht, acht Jahre nach der Aufdeckung von Missbrauchsfällen am katholischen Berliner Canisius-Kolleg. Denn in den Jahren danach folgten zahlreiche weitere skandalöse Enthüllungen.

Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche und der Odenwaldschule
ARD-Jahresrückblick 2010, Griet von Petersdorff, RBB

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Wie viele Kinder und Jugendliche sind betroffen?

Vorliegende Zahlen geben einen Hinweis darauf, wie massiv das Problem in Deutschland bis heute ist. So verzeichnete die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2016 in Deutschland mehr als 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs nach den Paragrafen 176, 176a oder 176b Strafgesetzbuch.

Opfer dieser Straftaten sind zu etwa 75 Prozent Mädchen und 25 Prozent Jungen. Hinzu kommen Fälle von Missbrauch von Schutzbefohlenen und Jugendlichen sowie etwa 7000 Fälle wegen sogenannter Kinder- und Jugendpornografie.

Polizeiliche Kriminalstatistik

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) erfasst alle von der Polizei bearbeiteten Straftaten, sowohl vollendete wie auch solche, bei denen es lediglich beim strafrechtlich relevanten Versuch geblieben ist. In der PKS finden sich die absoluten Zahlen aller Straftaten und Tatverdächtigen, als auch die relativen Zahlen, die über die Häufigkeit von Straftaten in Bezug zur Anzahl der Einwohner oder Angehöriger bestimmter Gruppen (Altersgruppen, Geschlecht, Nationalität) Aufschluss geben. Letzteres ist besonders wichtig, um die Vergleichbarkeit der Zahlen über Jahre hinweg zu gewährleisten.

Gewalt oft in der Familie

Experten betonen immer wieder: Sexuelle Gewalt findet häufig innerhalb der engsten Familie statt (etwa 25 Prozent der Fälle) sowie im sozialen Nahraum beziehungsweise im weiteren Familien- und Bekanntenkreis - zum Beispiel durch Nachbarn oder Personen aus Einrichtungen oder Vereinen, die die Kinder und Jugendlichen gut kennen (etwa 50 Prozent). Zunehmend geschehen sexuelle Übergriffe auch im digitalen Raum.

Überwiegend männliche Täter

Missbrauch findet in etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle durch Männer und männliche Jugendliche statt. Missbrauchende Männer stammen aus allen sozialen Schichten, leben hetero- oder homosexuell und unterscheiden sich durch kein äußeres Merkmal von nicht missbrauchenden Männern. Über missbrauchende Frauen wurde bislang wenig geforscht. Frauen sind Experten zufolge eher Einzeltäterinnen, missbrauchen aber auch zusammen mit einem männlichen Partner beziehungsweise unter dessen Einfluss.

Nach Zahlen der PKS für das Jahr 2016 waren bei sexuellem Missbrauch von Kindern vier Prozent der erwachsenen Tatverdächtigen weiblich. Bei weiteren Straftatbeständen wie sexuellem Missbrauch von Jugendlichen (§ 182 StGB) liegt der Anteil der Täterinnen bei etwa drei Prozent, bei sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen (§ 174 StGB) bei etwa acht Prozent, bei Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung kinder- und jugendpornografischer Schriften bei jeweils etwa fünf Prozent.

Erhebliche Dunkelziffer vermutet

Vor acht Jahren wurden die Missbrauchsfälle am Canisius Kolleg bekannt.

Der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs betont, präzise Angaben zur Häufigkeit sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen sei schwer möglich. Die PKS gebe Aufschluss über die Zahl der Anzeigen, das sogenannte Hellfeld. Diese Werte sind seit 2010 nahezu gleich geblieben. Allerdings werde nur ein kleiner Teil der Taten angezeigt - und viele Taten blieben statistisch nicht erfasst und somit im Dunkelfeld.

Auf der Seite des unabhängigen Beauftragten heißt es dazu:

Einschätzungen zum Dunkelfeld werden durch wissenschaftliche Untersuchungen möglich. Eine neuere deutsche repräsentative Studie kommt zu dem Ergebnis, dass etwa jeder achte Erwachsene in Deutschland in seiner Kindheit und Jugend sexuelle Gewalterfahrungen machen musste.

Besonders oft betroffen sind Mädchen und Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen. Diese seien zwei- bis dreimal häufiger sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend ausgesetzt als der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt.

Rörig ruft jetzt Union und SPD dazu auf, eine umfassende Aufklärungskampagne gegen sexuelle Übergriffe auf Kinder zu starten. Er bitte CDU, CSU und SPD, sich bei ihren Koalitionsgesprächen auf das von ihm bereits vorgelegte Gesetz zur Bekämpfung des Kindesmissbrauchs und weitere Empfehlungen zu verständigen. Nötig seien Aufklärungsbemühungen "in der Dimension der Anti-Aids-Kampagne".

Informationen und Hilfsangebote für Betroffene

Die Website des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ist das zentrale Informationsportal für das Themenfeld des sexuellen Kindesmissbrauchs in der Deutschland.

Betroffene von sexuellem Missbrauch und ihre Angehörigen haben Anspruch auf Hilfe. Über sexuellen Missbrauch zu sprechen, kann sehr belastend sein. Beratung und Therapie sind jedoch wichtige Schritte, um den Missbrauch verarbeiten zu können. Bei der Suche nach Unterstützungsangeboten unterstützt das Hilfeportal Sexueller Missbrauch.

Der Betroffenenrat ist ein politisches Gremium, das sich im März 2015 konstituiert hat. Die aktuell 14 Mitglieder des Betroffenenrats haben alle selbst sexualisierte Gewalt in den unterschiedlichsten Kontexten erlebt und arbeiten seit Jahren auch beruflich und/oder ehrenamtlich zu diesem Thema. Die Belange möglichst vieler Betroffener sollen dadurch auch auf Bundesebene Gehör finden und öffentlich gemacht werden.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Darunter fällt zum Beispiel Missbrauch in Institutionen, in Familien, im sozialen Umfeld, durch Fremdtäter oder im Rahmen von organisierter sexueller Ausbeutung. Die Kommission soll Strukturen aufdecken, die sexuelle Gewalt in der Kindheit und Jugend ermöglicht haben und herausfinden, warum Aufarbeitung in der Vergangenheit verhindert wurde.

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: Tel. 0800 2255530 (kostenfrei und anonym)

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