Blick auf eine von der  "Identitären Bewegung Deutschland" betriebenen Website

Kampagne der "Identitären" #MeToo von rechts

Stand: 01.02.2018 15:10 Uhr

Mit einer Kampagne versuchen Aktivisten der "Identitären", Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. In einem Video prangern sie "importierte" Gewalt gegen Frauen an, blenden die meisten Straftaten somit aber aus.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

"Mein Name ist Mia, mein Name ist Maria, mein Name ist Ebba": So beginnt ein Video mit dem Titel "Frauen wehrt Euch!", das derzeit tausendfach in den sozialen Netzwerken aufgerufen und geteilt wird. Die Namen werden von verschiedenen Frauen mehrfach wiederholt und sollen stellvertretend für Frauen stehen, die von Gewalttaten betroffen sind. Genauer gesagt: Für Betroffene und Opfer von Gewalt durch Flüchtlinge oder allgemein Migranten. "Ich wurde in Kandel erstochen", sagt eine Protagonistin, "ich wurde in Malmö vergewaltigt".

"Die Täter lauern überall", heißt es weiter, ob im Park oder auf dem Weg von der Arbeit. "Wir sind nicht sicher, weil Ihr uns nicht schützt, weil Ihr Euch weigert, unsere Grenzen zu sichern." Die Frauen klagen an: "Wir stehen bald einer Mehrheit von jungen Männern aus archaischen, frauenfeindlichen Gesellschaften gegenüber." Und: "Ihr habt uns geopfert." Daher beginne nun der "Widerstand" mit dem Namen 120 Dezibel. Dies sei die Lautstärke eines handelsüblichen Taschenalarms, den viele europäische Frauen mittlerweile mit sich trügen, und der "wahre Aufschrei" in Europa.

"Gänsehaut": Das Kampagnen-Video verbreitet sich tausendfach in den sozialen Netzwerken.

Wer steht hinter der Kampagne?

Angemeldet wurde die Kampagnen-Homepage von einem bekannten Aktivisten der rechtsextremen "Identitären": Martin Sellner aus Wien. Sellner gilt als Schlüsselfigur dieser selbst ernannten Bewegung, die immer wieder versucht, mediale Aufmerksamkeit zu generieren. So kletterten "Identitäre" auf das Brandenburger Tor, auf Gebäude von Parteien, demonstrierten in DDR-Uniformen vor einem Bundesministerium, wollten auf dem Mittelmeer Flüchtlingsboote abfangen oder riefen dazu auf, die Vormundschaft für unbegleitete Flüchtlinge zu übernehmen.

In dem Video tritt zudem eine Aktivistin aus dem Umfeld der "Identitären" aus Tübingen auf. Sie ließ sich als Betreiberin eines anti-feministischen Blogs von einer amerikanischen YouTuberin interviewen, die wiederum als enge Vertraute von Sellner gilt und der Alt-Right-Bewegung zugerechnet wird. Geteilt wurde das Kampagnen-Video zunächst vor allem im rechten Milieu, von AfD-nahen Seiten und Profilen, rechtsradikalen Blogs und neurechten Aktivisten.

Was ist das Ziel der Kampagne?

Mit dem Thema sexuelle Gewalt lässt sich Angst, Wut und Verunsicherung schüren. Aus Sicht der "Identitären" ist es für eine Kampagne in sozialen Netzwerken somit optimal geeignet. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich stellte fest, die Identitären bauten gezielt "essentialistisch-völkische Angstszenarien" auf. Die Aktionen verfolgten das Ziel, "dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen sich in ihrer Lebensweise bedroht - von einem Gegner oder Feind angegriffen - fühlen. Durch das Gefühl der Bedrohung soll dann ein Bewusstsein für das Eigene - für das, was man auf keinen Fall verlieren will - und damit für die Identität entstehen oder gestärkt werden."

In dem Video wird dieses Konzept deutlich: Es wird zunächst ein Angstszenario aufgebaut, wonach Frauen nirgendwo mehr sicher seien. Als Feinde werden "Männer aus archaischen Gesellschaften" benannt - sowie alle die, die Frauen nicht beschützten. Und am Ende wird über die Abgrenzung vom Feind die eigene Identität betont: So erklären sich die Frauen zu den "Töchtern Europas" - in Anlehnung an die "Identitären"-Parole "Europa, Jugend, Reconquista".

Wie entwickelt sich die Zahl der sexuellen Straftaten?

Nach den Übergriffen zum Jahreswechsel 2015/16 in Köln gab es eine heftige Diskussion über Gewalt gegen Frauen - insbesondere durch Migranten. Zuletzt sorgte der Tod einer 15-Jährigen in Kandel für Schlagzeilen: Ein junger Afghane hatte das Mädchen in einem Geschäft erstochen.

Gewalttaten wie in Kandel oder Freiburg lösten eine Debatte über die Kriminalität von jungen Flüchtlingen aus. Sind diese besonders gewalttätig? Statistiken geben zwar nur bedingt Auskunft; sie zeigen aber durchaus, dass die Gruppe von 14- bis 30-Jährigen bei Gewalt- und Sexualdelikten generell überrepräsentiert ist. Und unter Flüchtlingen in Deutschland finden sich auch viele junge Männer, die zudem oft in problematischen Verhältnissen leben.

Wo werden die Straftaten verübt?

Experten weisen immer wieder darauf hin, dass Gewalt gegen Frauen nicht einfach "importiert" worden sei. Die neurechten Aktivisten blenden in ihrer Kampagne zudem aus, dass die überwiegende Zahl von Straftaten nicht im Park oder an der Bushaltestelle von Unbekannten verübt wird, sondern im sozialen Umfeld. Laut BKA wurden im vergangenen Jahr 149 Frauen von ihren Partnern getötet, 200 weitere überlebte einen entsprechenden Versuch.

Tatorte bei körperlicher Gewalt gegen Frauen seit dem 16. Lebensjahr. Mehrfachnennungen möglich. Fallbasis: Alle Befragten, die körperliche Gewalt erlebt und Angaben zu Tatorten gemacht haben.

Auch sexuelle Übergriffe werden oft von Verwandten oder Kollegen begangen. So erhoben Schauspielerinnen entsprechende Vorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel. Bei der Bundeswehr wurden im vergangenen Jahr 14 Vergewaltigungen oder versuchte Vergewaltigungen gemeldet - fast dreimal so viele wie 2016. Auch Mitarbeiterinnen des EU-Parlaments berichteten über alltägliche sexuelle Belästigungen.

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist ein weiterer Komplex, bei dem es tausende Straftaten gibt, die oft im sozialen Nahbereich verübt werden.

Große Bereiche der Gewalt und sexuellen Übergriffe gegen Frauen werden von der "Identitären"-Kampagne somit schlicht ausgeklammert. Stattdessen werden solche Straftaten allein mit der Flüchtlingspolitik in Verbindung gebracht, um Ängste zu schüren und die Stimmung in Deutschland anzuheizen.

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