Antonio Gramsci | Bildquelle: picture alliance / Bianchetti/Le

Debatte über Ost und West Was ist kulturelle Hegemonie?

Stand: 01.11.2017 14:36 Uhr

Die Dominanz der Westdeutschen werde als kultureller Kolonialismus erlebt, meint der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Krüger sprach zudem von kultureller Hegemonie - ein Begriff, der auf den Philosophen Gramsci zurückgeht. Was hat es damit auf sich?

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Der Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, hat in einem Interview mit der "Berliner Zeitung" beklagt, "in der Fläche wird die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten immer noch als kultureller Kolonialismus erlebt". Dies gelte, obwohl Angela Merkel Kanzlerin ist und Joachim Gauck Bundespräsident war.

Weiterhin erklärt Krüger in dem Interview zu dem Begriff der "kulturellen Hegemonie", dieser beschreibe "subtile Herrschaftspraktiken". Krüger dazu:

Wer die Interpretationshoheit erlangt, dem fällt die Legitimation zum Repräsentieren in den Schoß. Das sind überwiegend die Westdeutschen. Der Anteil der Ostdeutschen und ihre Identität werden dabei häufig überlagert.

Der Begriff der kulturellen Hegemonie geht auf Antonio Gramsci zurück. Gramsci lebte von 1891 bis 1937, war Schriftsteller, Journalist, Politiker und Vordenker der sozialistischen Arbeiterbewegung sowie Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens. Er galt aber nicht als Dogmatiker, sondern strebte einen Marxismus an, der sich an der gesellschaftlichen Praxis und Realität der Menschen orientiert.

Vorherrschaft und Überlegenheit

Der Begriff der Hegemonie ist bei Gramsci zentral. Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Hegemonie folgendermaßen:

Im Griechischen heißt das Wort "Führung". In der Politik ist damit die Vorherrschaft eines Staates gegenüber einem oder mehreren anderen Staaten gemeint. Diese Überlegenheit kann sowohl militärisch, als auch wirtschaftlich und kulturell begründet sein. Meistens erkennen die anderen Staaten den stärkeren Staat (man nennt ihn auch "Hegemonialmacht") an, ohne dass es zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen muss.

Hegemonie muss aber nicht auf das Herrschaftsverhältnis zwischen Staaten bezogen sein, sondern kann auch auf andere Akteure angewendet werden.

Die kulturelle Hegemonie gilt dementsprechend als "geistige Hegemonie", die in der Regel an der Seite der politischen Hegemonie steht. Der Begriff hat sich sowohl in den Politikwissenschaften als auch in der Soziologie und den Kulturwissenschaften etabliert. So wird Gramscis Konzept beispielsweise in feministischen Theorien verwendet, dort ist von hegemonialen Geschlechterverhältnissen die Rede. 

Auseinandersetzung um kulturelle Definitionen

Gramsci schlug vor, den von Karl Marx herausgestellten Konflikt und "Kampf"-Charakter der Gesellschaftsentwicklung als einen Konflikt um "kulturelle Hegemonie" zu lesen, als eine beständige Auseinandersetzung um die kulturellen Definitionen legitimer Gesellschaftlichkeit, wie es in dem Buch "Politikwissenschaft als Kulturwissenschaft" heißt.

Mit der kulturellen Hegemonie soll laut Gramsci ein kollektiver Willens etabliert werden. Dieser kollektive Wille sei jedoch an die Interessen der dominanten Kultur beziehungsweise der herrschenden Gesellschaft gekoppelt.

Neurechtes Konzept entwickelt

Antonio Gramsci prägte das Konzept der kulturellen Hegemonie.

Nicht nur in der Wissenschaft ist der Begriff der kulturellen Hegemonie bis heute wichtig - auch neurechte Vordenker haben ihn aufgegriffen. Sie meinen, dass ihre ideologische Positionen durch Beeinflussung öffentlicher Debatten in der Gesellschaft verankert werden müssten. Als erster Schritt auf dem Weg dahin wurde laut Bundeszentrale für politische Bildung das Prägen von Elitendiskursen angesehen, etwa durch publizistische Aktivitäten an der Grenze zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus. Genau diese Aktivitäten waren in den vergangenen Jahren in Deutschland zu beobachten.

Das neurechte Konzept der kulturellen Hegemonie umfasst aber nicht nur Elitendiskurse, sondern es soll auch ein Lebensgefühl vermittelt werden, in dessen Zentrum Volk und Nation stehen. Ziel ist eine Kulturrevolution von rechts.

Kritik an Krügers Aussage

Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn von der Technischen Universität Berlin meint, BPB-Chef Krüger habe den Begriff der kulturellen Hegemonie voreilig gewählt. So bestärke dieser Begriff "einen ostdeutschen Opfermythos", bei dem man sich "in seiner Distanz zum politischen System der Bundesrepublik bequem im Dauerjammern einrichten" könne, so Salzborn im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder.

Zum anderen übernehme man einen Begriff, den besonders die "Neue Rechte" in ihrer politischen Elitenfeindlichkeit auch im Munde führe. Dabei könne übersehen werden, "dass schon der Grundgedanke von 'Denen-da-oben' in einer repräsentativen Demokratie falsch ist, da gerade die politischen Eliten gewählt werden und im Auftrag der Menschen handeln - egal, ob sie aus Ost oder West, Nord oder Süd kommen."

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