Hauptbahnhof in Köln mit Blaulicht davor (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Geiselnahme in Köln Viele Gerüchte und Spekulationen

Stand: 16.10.2018 07:35 Uhr

Rund um die Geiselnahme in Köln sind zahlreiche Gerüchte verbreitet worden. Medien berichteten von Schüssen, einem Anschlag und Hinweisen auf ein terroristisches Motiv.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Die Geiselnahme am Kölner Hauptbahnhof ist medial von Spekulationen und unbestätigten Berichten begleitet worden. Man müsse vorsichtig sein, hieß es bei dem Fernsehsender ntv, aber man höre, dass es Schüsse und einen Brandanschlag gegeben habe.

Ein Reporter behauptete sogar, der Täter aus einem Land im Nahen Osten habe zunächst zwei Frauen in seiner Gewalt gehabt, eine sei mit einer brennbaren Flüssigkeit überschüttet worden. Der Mann habe freies Geleit zu seinen Kampftruppen gefordert. Quelle für diese Behauptungen: unklar.

Schüsse als Schlagzeile

Bereits kurz nach den ersten Eilmeldungen über eine "Bedrohungslage" und einen Großeinsatz von Polizei und Feuerwehr blühten die Gerüchte und Spekulationen. Oft waren es bekannte Medien, die unbestätigte Berichte verbreiteten, die daraufhin von Nutzern in den sozialen Medien aufgegriffen wurden.

Mehrere Medien meldeten beispielsweise faktisch, es seien Schüsse gefallen. Quelle für diese Meldungen sollen Augenzeugen gewesen sein. Unter anderem der russische Staatssender "Sputnik Deutschland", "Focus Online" und die "Schweriner Volkszeitung" schrieben in ihren Schlagzeilen von Schüssen.

Auch die Gewerkschaft der Polizei NRW twitterte, es sollen Schüsse gefallen sein. Später räumte die GdP ein, man hätte sich wohl zurückhalten sollen.

Von einem 15-jährigen Mädchen, das verbrannt worden sei, war zudem auf Twitter die Rede. Quelle dafür war offenkundig die Berichterstattung von ntv.

Einige Nutzer spekulierten umgehend über mutmaßliche Täter. Der Hauptbahnhof werde wohl gerade "kulturell bereichert", kommentierte ein Mann. Dieser Sprachcode wird im rechtsradikalen Milieu für Flüchtlinge und Zuwanderer benutzt. Ein Nutzer aus dem rechtsradikalen Milieu twitterte: Egal ob Beziehungstat oder terroristischer Hintergrund - dies sei jetzt "Alltag in Bunt-Deutschland".

Polizei warnt vor Spekulationen

Für die Polizei ist es längst Alltag, mit solchen Spekulationen konfrontiert zu sein. Die Kölner Polizei dementierte Meldungen über Schüsse umgehend und rief dazu auf, keine Gerüchte und Spekulationen zu verbreiten.

Auch zahlreiche Nutzer riefen zur Zurückhaltung auf. Der Journalist Hanning Voigts erinnerte zudem an einige Grundsätze, die in Live-Situationen wichtig seien - nicht nur für Journalisten.

Geiselnehmer schwer verletzt

Bestätigt war zunächst: Es gab eine Geiselnahme am Kölner Hauptbahnhof. Der Täter wurde beim Zugriff durch die Polizei schwer verletzt und wurde laut Polizei reanimiert. Eine Frau wurde leicht verletzt in ein Krankenhaus gebracht.

Während der Geiselnahme wurde zudem ein verletztes Mädchen ins Krankenhaus gebracht. Ob diese Verletzung in einem Zusammenhang mit der Geiselnahme stehe, müsse noch untersucht werden, sagte eine Polizeisprecherin.

Mann warf Brandsatz auf Schnellrestaurant

Am Abend veröffentlichte die Polizei weitere Erkenntnisse, die einige Gerüchte bestätigten. Demnach zündete der Täter einen Molotowcocktail im Schnellrestaurant und verschanzte sich dann mit einer Geisel in der Apotheke.

Der Mann war mit Gaskartuschen und Brandbeschleuniger bewaffnet, wie die Ermittler mitteilten. "Im Zusammenhang mit dem Betreten der Apotheke soll er Passanten zufolge auch gerufen haben, dass er zur Terrorgruppe Daesh gehört", sagte Einsatzleiter Klaus Rüschenschmidt. "Daesh" ist der arabische Name für die Terrormiliz "Islamischer Staat". Weitere Hinweise dazu gebe es aber nicht.

Die Ermittler müssen außerdem noch die Identität des Täters zweifelsfrei klären. Am Tatort wurden Papiere eines 55 Jahre alten Syrers gefunden, der eine Duldung bis Mitte 2021 erhalten habe. Der Inhaber des Aufenthaltstitels sei seit 2016 relativ bekannt wegen verschiedener Delikte wie Diebstahl und Bedrohung. Der Geiselnehmer sei nach den ersten Ermittlungen mit "hoher Wahrscheinlichkeit" der Inhaber.

Die Polizei rief Zeugen dazu auf, Fotos und Videos hochzuladen, die in möglichem Zusammenhang mit dem Tatgeschehen stehen könnten.

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