Entnahme einer Wasserprobe in der Region Hannover (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Belastete Gewässer Wie gefährlich sind resistente Keime?

Stand: 06.02.2018 17:44 Uhr

Je mehr multiresistente Keime, desto größer das Risiko. Neuere Studien zeigen aber, dass auch geringe Mengen möglicherweise zu Problemen führen können.

Von Christian Baars und Oda Lambrecht, NDR

Seit gut zehn Jahren beobachten Ärzte weltweit eine rasante Zunahme bestimmter resistenter Keime in Kliniken. Dabei handelt es sich um sogenannte multi-resistente gram-negative Bakterien (MRGN), die sich über das Abwasser aus Haushalten und Kliniken oder aus Ställen über die Gülle auch in der Umwelt ausbreiten und zu schwerwiegenden Erkrankungen führen können.

Solche Bakterien haben nun auch Wissenschaftler im Auftrag des NDR in Gewässern in Niedersachsen nachgewiesen. Der Antibiotika-Experte des Robert-Koch-Instituts, Tim Eckmanns, spricht von alarmierenden Ergebnissen. Die zuständigen niedersächsischen Ministerien für Gesundheit und Umwelt sahen jedoch derzeit keinen besonderen Handlungsbedarf. Sie verwiesen auf bestehende Forschungsprojekte, Kontrollen und Vorschriften.

Erst nach der Veröffentlichung kündigten sie an, Gewässer zu überprüfen. "Wir nehmen das Thema ernst und wir können nachvollziehen, dass sich die Menschen sorgen, wenn plötzlich solche Messergebnisse vorliegen", sagte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD). Das Risiko für den Menschen, sich beim Baden in offiziell überwachten Badegewässern mit antibiotikaresistenten Erregern zu infizieren, sei jedoch sehr gering. Allerdings würden die Behörden jetzt die Ergebnisse des NDR genau überprüfen lassen, "um gegebenenfalls weitere Schritte zu unternehmen".

"Aufkommende Bedrohung"

Dabei warnten britische Forscher bereits vor fünf Jahren in einem Artikel im medizinischen Fachjournal "The Lancet": Es gebe nun ausreichend Hinweise für die Hypothese, dass die großflächige Verbreitung von multiresistenten Erregern im Krankenhausumfeld, in der Gesellschaft und der Umwelt, eine der schwerwiegendsten aufkommenden Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit darstelle. Sie könne sich zu einer der größten Todesursachen in den kommenden Jahrzehnten entwickeln.

Denn die Erreger können aus der Umwelt auch zurück zum Menschen gelangen: etwa über gedüngtes Getreide, über Fische, die auf dem Teller landen, und über Wildvögel, Ratten oder auch Haustiere, die die Keime einsammeln und weitertragen. Besonders problematisch könnten Fliegen sein: Sie lieben Fäkalien und transportieren auf ihren Beinen und Flügeln Hunderte verschiedene Bakterien, wie eine jüngst erschienene Studie gezeigt hat.

Britische Studie: Surfer mit erhöhtem Risiko

Surfer tragen Forschern zufolge häufiger resistente Keime im Körper, als Nicht-Surfer.

Auch Schwimmen oder Wassersport können offenbar ein Risiko sein. Anfang des Jahres veröffentlichten Wissenschaftler von der Universität Exeter in Großbritannien eine neue Studie. Ihr Ergebnis: Surfer haben wesentlich häufiger multiresistente Erreger in ihrem Darm als Nicht-Surfer. Höchstwahrscheinlich liegt es daran, dass sie viel Wasser und damit auch die Keime schlucken, die darin schwimmen.

Selbst wenn die Surfer von den Bakterien in ihrem Magen in der Regel zunächst nichts merken, heißt es in der Studie, könne es zu einem Problem werden, wenn sie irgendwann später wegen einer anderen Erkrankung oder einer Operation für Infektionen anfällig werden. Außerdem könnten sie die Erreger weitertragen. Je mehr multiresistente Keime in der Gesellschaft kursieren, desto stärker gefährdet sind Menschen mit einem geschwächten Immunsystem - vor allem Ältere, Erkrankte oder Neugeborene.

"Verbreitungswege genauer untersuchen"

"Wir müssen dringend mehr darüber erfahren, wie Menschen solchen Bakterien ausgesetzt werden und wie diese unseren Darm bevölkern", sagte Studienleiterin Anne Leonard. Sie und ihre Kollegen kommen zu dem Schluss, dass das Risiko, sich über die Umwelt Antibiotika-resistente Erreger zuzuziehen, möglicherweise deutlich höher ist, als bislang gedacht. Deshalb müssten die verschiedenen Verbreitungswege - etwa auch über kontaminierte Nahrungsmittel - genauer untersucht werden.

Forschungsprojekt in Deutschland

In Deutschland gibt es bislang nur sehr wenige Studien zu dem Thema. Keine Behörde kontrolliert bisher irgendwelche Gewässer systematisch auf das Vorkommen Antibiotika-resistenter Erreger. Allerdings arbeiten derzeit Wissenschaftler verschiedener Universitäten in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Projekt ("HyReKA") zu der Frage, wie sich antibiotikaresistente Bakterien durch Abwasser verbreiten.

Institutsleiter Thomas Berendonk untersuchte für den NDR Gewässerproben aus Niedersachsen.

Ziel sei es, "die Bevölkerung vor der Ausbreitung aus der Umwelt stammender Antibiotika-resistenter Erreger“ zu schützen, heißt es auf der Internetseite des Projekts. Es gelte herauszufinden, wie welche Resistenzen und Antibiotika in die Umwelt gelangen und wie hoch das Risiko ist, dass Bakterien von dort wieder zum Menschen gelangen. Getestet werden zudem neue technische Verfahren zur Aufbereitung von Abwasser. Angelegt ist das Projekt bis Anfang kommenden Jahres.

An dem Projekt ist auch das Institut für Hydrobiologie der TU Dresden beteiligt. Dessen Leiter, Prof. Thomas Berendonk, hat auch die Proben des NDR untersucht. In allen untersuchten Gewässern in Niedersachsen fanden sich multiresistente Erregern. Ihm bereite das Sorge, sagte Berendonk im Interview für die Sendung Panorama - die Reporter.

Es besteht hier ganz ganz dringender Forschungsbedarf, um abzuschätzen zu können, was das tatsächlich für den gemeinen Bürger und für die Natur bedeutet - und ob wir derzeit unsere natürlichen Gewässer und Wasser anreichern mit resistenten Bakterien.

Erhöhtes Risiko: Fernreisen und Schwimmen im Badesee

Klar ist: Je mehr Keime, desto größer das Risiko. Aber neuere Studien zeigen auch, dass schon geringe Mengen möglicherweise zu Problemen führen können. Wissenschaftler aus Norwegen, wo das Antibiotika-Resistenz-Problem noch vergleichsweise gering ist, suchten nach Risiko-Faktoren für Harnwegsinfektionen durch multiresistente Erreger.

Dafür wurden Urinproben von etwa 15.000 Patienten untersucht und diese unter anderem zu bestimmten Essgewohnheiten, Hobbys, Reisen oder Vorerkrankungen befragt. Am gefährlichsten waren demnach Fernreisen nach Asien oder Afrika. Aber auch Schwimmen in Badegewässern wurde als ein Risiko-Faktor identifiziert.

Antibiotika-Resistenzen an erster Stelle

Es wird immer stärker anerkannt, dass die Umwelt zur Entwicklung und Verbreitung antimikrobieller Resistenzen bei Mensch und Tier beiträgt.

Das schrieb die EU-Kommission in ihrem 2017 verabschiedeten Aktionsplan zu Bekämpfung dieser Resistenzen. Ende 2017 veröffentlichte die Umwelt-Organisation der Vereinten Nationen (UNEP) einen Bericht zu aufkommenden Bedrohungen: An erster Stelle nennt sie die Antibiotika-Resistenzen.

Die Autoren schreiben: Oft werde argumentiert, das Problem sei sehr komplex und müsse erst weiter erforscht werden. Die UN-Autoren halten dagegen: Man wisse, dass gefährliche, resistente Krankheitserreger in der Umwelt seien und sie über die Lebensmittelkette oder den direkten Kontakt übertragen werden können. Deshalb müsse man jetzt handeln und nicht warten, bis vielleicht alle Fragen dieses komplexen Problems beantwortet seien.

Klinik-Keime- normalerweise harmlos

Die meisten Keime, die Infektionen in Krankenhäusern verursachen, sind normalerweise harmlos. Es sind Bakterien, mit denen viele Menschen besiedelt sind. Für immungeschwächte Menschen können sie jedoch zur Gefahr werden.

Besonders problematisch sind allerdings jene Erreger, die Resistenzen entwickelt haben. Das geschieht vermutlich unter anderem, weil Antibiotika in der Tiermast, aber auch bei Menschen zu häufig und nicht zielgenau verabreicht werden. Dadurch werden Antibiotika-empfindliche Bakterien abgetötet, während die Antibiotika-resistenten sich umso konkurrenzloser vermehren können.

Einige Erreger sind gegen eine einzelne Klasse von Antibiotika unempfindlich geworden, immer mehr aber gleich gegen mehrere Klassen. Damit stehen immer weniger Mittel zur Bekämpfung zur Verfügung. Die Entwicklung neuer Antibiotika hinkt dem bislang hinterher.

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