Das Archivbild vom 23.11.1992 zeigt Schaulustige und Feuerwehrleute vor dem Haus in Mölln | Bildquelle: picture alliance / Rolf Rick/dpa

25 Jahre nach Anschlag in Mölln Deutschland und die rechte Gewalt

Stand: 23.11.2017 09:11 Uhr

Vor 25 Jahren wurde der Brandanschlag von Mölln zum Sinnbild rechter Gewalt. Damals starben drei Türkinnen durch das rechtsextreme Verbrechen. Doch auch heute noch brennen Asylunterkünfte in Deutschland. Ein Überblick.

Von Jenni Rieger, SWR Stuttgart

Jenni Rieger | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR
Jenni Rieger, SWR

Mölln. Eine Kleinstadt in Schleswig-Holstein - lange wohl nur wenigen ein Begriff. Bis zu jener Nacht auf den 23. November 1992, heute vor 25 Jahren. Die Neonazis Michael P. und Lars C.  werfen Molotowcocktails auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser. Zwei Mädchen und ihre Großmutter kommen in den Flammen um. Neun Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Der Brandanschlag von Mölln, er hat Deutschland verändert. Tausende gingen damals nach den Morden auf die Straße, demonstrierten gegen Fremdenhass und rechte Gewalt.

25 Jahre nach den Morden von Mölln

Im August 2015 brennt eine unbewohnte Asylbewerberunterkunft in Weissach im Tal vollständig aus.

Und heute? Ein Blick nach Süddeutschland. "Das kann man heute immer noch nicht wirklich begreifen, was damals geschehen ist", sagt Ian Schölzel. Mit "damals" meint der Bürgermeister von Weissach nicht Mölln, sondern seine eigene Gemeinde. Und die Nacht des 24. August 2015. Denn das, was damals geschah, hat die kleine Gemeinde im Schwäbischen für immer verändert.

Ortstermin an der Welzheimerstrasse 41. Dort sollte damals eine Flüchtlingsunterkunft renoviert werden: Platz für 25 Menschen, die die Gemeinde auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise aufnehmen wollte, in einem alten Gebäude. Doch dann wurde das Haus niedergebrannt, von Unbekannten. "Das hat uns eiskalt erwischt, niemand hätte so etwas bei uns für möglich gehalten", so der Bürgermeister heute.

2015: Das Jahr der rechten Gewalt

Grafik 1: Straftaten gegen Asylunterkünfte in Deutschland

Der Anschlag von Weissach, damals schaffte er es sogar auf die Titelseite des "Spiegel": "Dunkles Deutschland" titelte der und fand so drastische Worte für das, was auch Zahlen des Bundeskriminalamtes belegen. Tatsächlich hatten die Straftaten gegen Asylunterkünfte 2015 ihren Höhepunkt erreicht, mit 1031 Angriffen (siehe Grafik 1).

Und auch politisch motivierte Brandstiftungen gab es 2015 so viele wie nie zuvor in der Bundesrepublik - und nie wieder danach (siehe Grafik 2). Bis Ende November 2017 kam es  in Deutschland  immer noch zu 14 Brandstiftungen. Die Zahlen lassen sich in Behördenberichten finden. Was sie nicht erzählen, sind die Geschichten hinter den Anschlägen. 

Grafik 2: Politisch motivierte Brandstiftungen an Asylunterkünften

Die niedergebrannte Flüchtlingsunterkunft in Weissach konnte nicht mehr aufgebaut werden. An ihrer Stelle steht heute ein Neubau. Darin leben 35 Geflüchtete. "Wir haben uns nicht kleinkriegen lassen. Aber dass wir bis heute nicht wissen, wer damals den Brand gelegt hat, das verunsichert natürlich schon in so einer kleinen Gemeinde", so Bürgermeister Schölzel.

Schwierige Aufklärung

Grafik 3: Aufklärungsrate: Straftaten gegen Asylunterkünfte 2017

Die Täter von Weissach wurden nie gefunden. Überhaupt scheint Aufklärung schwierig zu sein im Bereich der PMK, der "politisch motivierten Kriminalität". Bis zum 20. November dieses Jahres zählte das BKA 241 Straftaten gegen Asylunterkünfte. Nur zu 54 dieser Straftaten konnten Tatverdächtige ermittelt werden (siehe Grafik 3). Ob es zu Anklagen und Verurteilungen gekommen ist, dies zählt die BKA-Statistik nicht.

Aber wo genau die meisten Straftaten verübt werden, diese Information lässt sich durchaus finden. "Gewalttaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich 'Politisch motivierte Kriminalität - rechts'", so der sperrige Titel, unter dem sich im Verfassungsschutzbericht 2016 folgendes ablesen lässt: Im Jahr 2016 geschahen die meisten dieser Gewalttaten in Nordrhein-Westfalen (381), gefolgt von Brandenburg (165), Berlin (150) und an vierter Stelle Sachsen, mit 145 Taten.

So die absoluten Zahlen. Schaut man jedoch genauer hin und rechnet die absoluten Zahlen auf Straftaten pro 100.000 Einwohner um, so verschiebt sich das Bild. Dann wird deutlich, dass in NRW "nur" 2,1 Gewalttaten pro 100.000 Einwohner begangen werden, in Brandenburg hingegen 6,7. 

Leben nach dem Anschlag

Weissach steht also nicht alleine da, sondern reiht sich ein in eine zwar gesunkene aber immer noch erschreckend hohe Anzahl politisch motivierter Gewalttaten. Inzwischen hat sich die Lage in Weissach längst beruhigt: keine Anschläge, keine Angriffe. Dafür gibt es einen Flüchtlingsverein, der Bürger für Flüchtlingspatenschaften vermittelt. "Wir sind wieder gut angekommen in der Normalität", so Bürgermeister Schölzel. "Dennoch ist so ein Anschlag natürlich nichts, was man irgendwann wieder vergisst. Zumal wir wohl nie wissen werden, wer es war."

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