"Ich wünscht, es wären Fake News" - Proteste gegen US-Präsident Trump | Bildquelle: AFP

Rückblick 2017 Das Jahr der Fake News?

Stand: 30.12.2017 01:55 Uhr

Der Begriff Fake News könnte zum "Unwort des Jahres" gewählt werden. Und tatsächlich ist in den vergangenen Monaten ausführlich über dieses Phänomen debattiert worden. Doch welche Gerüchte und Falschmeldungen gab es 2017 eigentlich?

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Der Begriff Fake News hat Chancen, zum "Unwort des Jahres 2017" gekürt zu werden. Das teilte eine Sprecherin der sprachkritischen Jury in Darmstadt mit. Der Begriff bezieht sich im Kern auf gezielt irreführende oder falsche Nachrichten; allerdings werden oft auch Gerüchte oder unabsichtlich fehlerhafte Meldungen als Fakes bezeichnet.

Tatsächlich war die Diskussion über Falschmeldungen sehr prägend für 2017. Insbesondere im Hinblick auf die Bundestagswahl tauschten sich Politiker, Journalisten und Experten intensiv darüber aus, inwieweit Fake News den Wahlkampf und das Ergebnis beeinflussen könnten.

Angesichts dieser Debatten beschloss die ARD, das Projekt Faktenfinder ins Leben zu rufen - um vorbereitet zu sein, falls sich im Wahlkampf aber auch bei anderen Ereignissen gezielte Falschmeldungen verbreiten. Anfang April ging die Seite faktenfinder.tagesschau.de online.

Die Redaktion hatte in den folgenden Monaten mehr als genug zu tun: Mobiltelefone, die angeblich von IS-Terroristen ausgelesen werden; Behauptungen über eine Verschwörung bei einem Giftgaseinsatz in Syrien oder die Propagandaschlacht als Teil des Machtkampfs in Venezuela - dies waren nur einige der Themen der ersten Wochen.

Für ein internationales Medienecho sorgte zudem eine gezielte Falschmeldung, wonach der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund von einer antifaschistischen Gruppe verübt worden sein soll. Obwohl es bereits auf den ersten Blick erhebliche Zweifel an der Echtheit eines vermeintlichen Bekennerschreibens gab, verbreitete sich rasant die Nachricht, hinter der Attacke stecke "die Antifa".

Von Fake News und "Feinden des Volkes"

Immer wieder war der US-Präsident Thema. Donald Trump selbst benutzt den Begriff Fake News oft und gerne als politischen Kampfbegriff. Er bezeichnete viele Journalisten sogar als "Feinde des amerikanischen Volkes".

Trump attackiert viele Medien hart.

Seine Kritiker wiederum werfen ihm vor, es mit der Wahrheit nicht ganz genau zu nehmen. Klar ist: In Zeiten der sozialen Medien sind Politiker nicht mehr unbedingt auf etablierte Medien angewiesen, um ihre Botschaften zu verbreiten. Trump kommuniziert am liebsten direkt mit seinen Anhängern und Gegnern: per Twitter. Und seine Sicht der Dinge verkündet seine Schwiegertochter in den "Real News". Der US-Präsident verbreitete dabei zweifelhafte Inhalte, beispielsweise im Februar, als er auf einen angeblichen gewalttätigen Abend in Schweden verwies.

G20 - Gipfel der Gerüchte

Im Juli fand in Hamburg der G20-Gipfel statt - und rund um dieses Großereignis kursierten zahlreiche Gerüchte und Falschmeldungen. Dies zeigte: Fakes können sich vor allen in unübersichtlichen Lagen verbreiten. Bereits vor dem Gipfel hieß es, die Delegation aus Saudi-Arabien bringe Kamele mit nach Hamburg.

Screenshot der ersten Fassung eines Online-Artikels der "Bild"

Während der Krawalle machten Gerüchte die Runde, die Polizei setze in Hamburg Panzer ein. Es war von einem Sturm der Roten Flora die Rede, von einem Angriff auf ein Krankenhaus, von tödlich verletzten Polizisten. Die "Bild"-Zeitung berichtete fälschlicherweise, ein Polizist könne durch einen Böllerwurf sein Augenlicht verlieren.

Zudem kursierte im Netz ein Fake-Bild, das die Militanz der "Roten Flora" belegen sollte; tatsächlich war die vermeintliche linke Aktivistin von der Jungen Union.

Falsche Bilder, Werte und Zitate

Während des Wahlkampfs in Deutschland kursierten ebenfalls diverse Fakes. Immer wieder ging es dabei um falsche Zitate: Die Junge Union nahm SPD-Kandidat Martin Schulz ins Visier und suggerierte durch einen gefälschten Tweet den Eindruck, Schulz verharmlose linke Krawalle. Auch im TV-Duell war Schulz mit falschen Anschuldigungen konfrontiert, als ein Moderator ein verkürztes Zitat des SPD-Politikers vortrug, das bereits seit Längerem im Netz kursierte.

Immer wieder Ziel von falschen Zitaten waren verschiedene Grünen-Politiker. Claudia Roth beispielsweise mahnte Erika Steinbach ab. Aber auch Margot Käßmann wurde irreführend zitiert; unter anderem AfD-Chef Jörg Meuthen warf ihr vor, Millionen Deutsche als Nazis beleidigt zu haben. Die AfD war es zudem, die ein Buch-Cover verfälschte, um Stimmung gegen Bundesjustizminister Heiko Maas zu schüren.

Auf irreführende Angaben bei Stickoxid-Werten setzten Politiker von FDP, CSU und AfD. Bei den Investitionen in Schulen nutzen CDU/CSU eine falsche Zahl. Mit unseriösen Zahlen basierend auf einen "Bild"-Artikel operierte die AfD beim Thema Familiennachzug. Zudem baute die Partei auf eine Negativkampagne gegen Angela Merkel.

Auch gefälschte Bilder tauchten auf: So landete ein CDU-Slogan auf einem alten SED-Plakat. Die AfD-Nürnberg textete "Hol dir dein Land zurück" - und illustrierte dies ausgerechnet mit dem Matterhorn in der Schweiz. Die Grünen sorgten für Kritik, weil sie FDP-Plakate fälschten und sich mit der Begründung Satire herausreden wollten.

Bots im Einsatz

Kurz vor der Wahl sorgten dann Social Bots noch einmal für Aufsehen: Automatisierte Profile auf Twitter unterstützten den Wahlkampf der AfD und verbreiteten Begriffe wie "Wahlbetrug". Im Umfeld der AfD ließen sich seit Längerem Twitter-Netzwerke beobachten, die massenhaft Inhalte zugunsten der Partei verbreiten.

In der politischen Auseinandersetzung sind Fake News vor allem ein Mittel zum Zweck, nämlich um ein größeres Narrativ aufzubauen oder zu stützen. Auf Twitter sind zudem Social Bots im Einsatz, die Relevanz und Zustimmung für solche Inhalte simulieren. Und gerade in unübersichtlichen Situationen schlägt die große Stunde der Fake News. Bei Terroranschlägen oder Ereignissen wie G20, bei Kriegen und Konflikten wie in Syrien und der Ukraine sorgen sie für noch mehr Verwirrung und Unsicherheit.

Die von Russland aus finanzierten Facebook-Anzeigen und Fake-Gruppen zeigen zudem, wie Konflikte ganz gezielt angeheizt werden sollen. Die Frage, welche Rolle Russland im Wahlkampf von Trump gespielt hat, wird in den USA weiterhin untersucht.

Unabhängig davon, ob der Begriff Fake News am 16. Januar zum "Unwort des Jahres" gekürt wird: Die Diskussion, wie Medien, Politik und Öffentlichkeit mit Desinformation, Gerüchten und gezielten Falschmeldungen umgehen kann, wird auch 2018 weitergehen. Denn das Streuen gezielter Gerüchte und die Manipulation der öffentlichen Meinung existieren zwar seit Jahrhunderten - haben durch soziale Medien und populistische Strömungen zuletzt aber wieder deutlich an Bedeutung gewonnen. Umstritten bleibt, welche Wirkung Falschmeldungen tatsächlich erzielen. Studien legen nahe, dass Fake News eine hohe Verbreitung finden, aber nur eine begrenzte Wirkung zeigen.

"Digitales Bewusstsein entwickeln"

Die Psychologin Catarina Katzer warnte im Interview mit dem ARD-faktenfinder, dass sich durch das Smartphone-Nutzung die gesamte Konzentrationsfähigkeit verändere. "Wir werden dadurch auf Unterbrechungen konditioniert", sagt sie. Und weiter: "Wir werden immer oberflächlicher in der Informationsverarbeitung." Die Psychologin rät:

Schnelles Reagieren führt zu vielen Fehlern. Man sollte Nachrichten nicht einfach weiterposten, über die man nicht genug nachgedacht hat. Wir müssen ein digitales Bewusstsein entwickeln.

Nachrichten hinterfragen und vor dem Teilen genau überlegen: Für das neue Jahr ein guter Vorsatz, mit dem sich die Verbreitung von Gerüchten und Falschmeldungen zumindest begrenzen ließe.

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