Eine Impfdosis gegen Masern, Röteln und Mumps.

Impfgegner Braucht Deutschland eine Impfpflicht?

Stand: 10.05.2017 13:11 Uhr

Immer wieder hört und liest man Geschichten von einer wachsenden Zahl von Menschen, die sich weigern sich selbst und vor allem ihre Kinder impfen zu lassen. Doch wie groß ist die Gruppe der Impfgegner wirklich?

Von Andrej Reisin, NDR

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Andrej Reisin, NDR

Medial sind sie längst ein Thema - und auch mit realen Ausbrüchen von Infektionskrankheiten werden sie in Verbindung gebracht: Die angeblich wachsende Anzahl von Impfgegnern in Deutschland, die es insbesondere in bildungsbürgerlichen Schichten geben soll. Und wer sich in Online-Foren oder Social Media Angeboten für Eltern umschaut, wird auch schnell fündig: Warnungen vor Nebenwirkungen oder vermeintlich absichtlichen "Vergiftungen" durch die Pharmaindustrie sind allgegenwärtig.

Ein Arzt mit Berufsverbot auf Tour

Auch auf anderen Ebenen versuchen Impfgegner ihre primäre Zielgruppe - die Eltern von Kleinkindern - zu erreichen. So tourt derzeit der prominente Impfgegner Andrew Wakefield mit seinem Propagandafilm "Vaxxed" durch deutsche Programmkinos. Er behauptet darin, die amerikanische Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) habe einen Zusammenhang zwischen der Masern-Mumps-Röteln-Impfung und der Entstehung von Autismus bei Kindern vertuscht.

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Wakefield ist kein unbeschriebenes Blatt: Er selbst ist der Urheber des Mythos‘ vom angeblichen Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus. 1998 veröffentlichte er seine diesbezügliche "Studie" an zwölf Kindern in der renommierten Medizin-Zeitschrift "The Lancet". Als keiner seiner Fachkollegen Wakefields Ergebnisse reproduzieren konnte, zog die Redaktion die Publikation zurück. Wakefield wurde von einer Ethik-Kommission des Fehlverhaltens überführt - und verlor seine Approbation als Arzt in Großbritannien. Dass er mit seinem Film nun dennoch durch einige deutsche Programmkinos tingelt, ist für viele Wissenschaftler ein Ärgernis. So warnt der Berufsverband deutscher Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in einem eigenen Flyer vor dem Film. Der Präsident des BVJK, Dr. Thomas Fischbach, forderte kürzlich, den Besuch von Kindergärten davon abhängig zu machen, ob Kinder geimpft sind. "Ohne Impfung kein Kitabesuch und auch kein Besuch anderer Bildungseinrichtung!", so die Forderung Fischbachs.

Kinder einer Kita-Gruppe spielen zusammen.

Hohe Ansteckungsgefahr: Einige Experten fordern eine Impfpflicht für Kitas.

FDP fordert Impfpflicht - mit fragwürdigen Aussagen

Die FDP verabschiedete auf ihrem Bundesparteitag in Berlin am letzten April-Wochenende sogar einen Antrag der "Jungen Liberalen" (JuLis), der eine allgemeine Impfpflicht für Kinder bis 14 Jahre forderte (Seite 137). Der Antrag enthielt allerdings falsche Behauptungen, die auch medial einigen Widerhall fanden, weil sie von den Presseagenturen dpa und AFP in mehreren Meldungen ohne Korrektur übernommen und weit verbreitet wurden. So wurde behauptet, "die Impfquote in Deutschland" nehme ab, "durchschnittlich nur noch 37 Prozent der Kinder" würden "rechtzeitig und ausreichend gegen Masern geimpft". "Dieser alarmierende Zustand hat so weit geführt, dass es zuletzt in Deutschland wieder zu so vielen Masern-Ausbrüchen kam wie seit 10 Jahren nicht mehr - darunter auch zu mehreren Todesfällen", so der Antrag.

Impfquoten: Anstieg statt Rückgang

Leider lässt sich keine dieser Behauptungen so halten: Zunächst einmal unterlief den "JuLis" laut Pressesprecher Florian Ott ein "bedauerlicher Zahlendreher". In Wirklichkeit seien 73 Prozent gemeint gewesen, dies habe man "auf dem Parteitag mündlich korrigiert". Tatsächlich findet sich im Beschluss des Parteitags die korrigierte Angabe - Teil des offiziellen Wahlprogramms wurde die Forderung nicht. In einem Dokument des Robert-Koch-Instituts (RKI) findet sich eine ähnliche Zahl - allerdings in einem deutlich anderen Sachzusammenhang als bei den Liberalen. In einer Pressemitteilung des RKI heißt es dazu: "Für die zweite Masern-Impfung der Kinder im Alter von 24 Monaten ist jedoch ein starker Aufwärtstrend zu beobachten, von 59,1 Prozent beim Geburtsjahrgang 2004 auf 73,7 Prozent beim Geburtsjahrgang 2013."

Von einer Abnahme der Impfquote, wie sie im FDP-Antrag formuliert wurde, kann demzufolge also keine Rede sein. Auch die Aussage zur Anzahl der Masern-Ausbrüche lässt sich so nicht halten: 2016 gab es mit 325 Fällen deutlich weniger Erkrankte als 2015 (2.464), 2017 steigt die Zahl bislang allerdings wieder. Bei einem Masern-Ausbruch 2015 gab es bundesweit drei Todesfälle. Diese Zahl war etwas höher als in den Jahren zuvor, in denen es jeweils ein bis zwei Todesfälle gab, allerdings ist die statistische Schwankung bei einer derart geringen Fallzahl kaum als Trend zu werten. Neben jährlichen Schwankungen spielt auch die Zuwanderung ungeimpfter Flüchtlinge in diesem Zusammenhang eine nicht unerhebliche Rolle. Inwieweit die genannten Zahlen überhaupt mit Impfgegnerschaft zusammenhängt, ist also vollkommen unklar.

Impflücken beruhen auf verschiedenen Ursachen

Richtig ist dagegen, dass es bei Masern erhebliche Impflücken in der Bevölkerung gibt, allerdings vor allem bei Erwachsenen, die im Kinder- und Jugendalter gar nicht geimpft wurden - und bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die zweite Masern-Impfung verpasst haben, die für einen umfassenden Schutz notwendig ist. Da die Impfquoten für die erste Masernimpfung nach drei Lebensjahren bundesweit bei ca. 98 Prozent liegen, für die zweite jedoch deutlich darunter, liegt der Verdacht nahe, dass hier andere Gründe eine Rolle spielen als ideologische Impfgegnerschaft.

Dr. Cornelia Betsch, Psychologin, Universität Erfurt

Cornelia Betsch setzt auf Aufklärung von Impfskeptikern.

Dr. Cornelia Betsch beschäftigt sich als Psychologin an der Universität Erfurt seit Jahren mit dem Thema Impfen. Sie unterscheidet zwischen "Impfgegnern" und "Impfskeptikern". Erstere könne man in aller Regel nicht vom Impfen überzeugen. Doch diese Gruppe macht laut Befragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nur zwei bis vier der Bevölkerung aus - und ihr Anteil ist zwischen 2012 und 2014 sogar gesunken. Wichtiger sei es, die "Impfskeptiker" aufzuklären und von der Sinnhaftigkeit von Impfungen zu überzeugen.

Der Schrecken vergangener Zeiten

Paradoxerweise trägt gerade der große Erfolg von Schutzimpfungen zur Impfmüdigkeit bei: "Die Leute haben den Schrecken einer Krankheit wie Diphterie heute zum großen Teil vergessen. Dabei nannte man sie früher nicht umsonst 'den Würgeengel der Kinder'", sagt Cornelia Betsch. Auch Polio mit seinen Lähmungen als Folge sei nicht mehr präsent - weil die Krankheiten erfolgreich bekämpft wurden. Die Folgen von Masern-Komplikationen würden dagegen unterschätzt.

Polio-Patienten in "Eisernen Lungen" in Los Angeles, Kalifornien, USA in den 1950ern.

Vergessener Schrecken vergangener Tage: Polio-Patienten in "Eisernen Lungen" in Los Angeles in den 1950ern.

"Gemeinschaftsschutz" als wichtiger Impfgrund

"Impfskeptiker haben oftmals einen akademischen Hintergrund", so die Forscherin, "allerdings nicht unbedingt einen naturwissenschaftlichen. Sie sind es gewohnt, Dinge kritisch zu hinterfragen und wollen in medizinischen Fragen selbst entscheiden." In Studien habe sich gezeigt, dass es durchaus erfolgversprechend sei, auf diese Menschen gezielt zuzugehen - und zum Beispiel zu erklären, warum es nicht nicht nur um den Schutz ihrer eigenen Kinder geht, sondern auch um den "Gemeinschaftsschutz", wie Betsch sagt. Denn: Manche Kinder können gesundheitsbedingt nicht geimpft werden. Außerdem sind alle Säuglinge bis zum impffähigen Alter den Erregern relativ schutzlos ausgesetzt.

Kommt es zum Beispiel zu einem Masernfall, hilft diesen ungeschützten Personen nur der Gemeinschaftsschutz aller anderen. Wenn alle Personen, mit denen ein wenige Monate alter Säugling in Kontakt kommt, geimpft sind, hat der Erreger keine Chance. Sein Übertragungsweg ist zu Ende. Sind jedoch nur drei Viertel oder gar nur die Häfte aller Menschen geschützt, bricht der Gemeinschaftsschutz zusammen: Denn dann ist jede zweite oder vierte Person, die dem Säugling begegnet, ein potenzieller Überträger. Deshalb geht die Weltgesundheitsorganisation WHO davon aus, dass eine Bevölkerung eine Impfquote von 95 Prozent braucht, um eine Krankheit de facto ausrotten zu können.

Aufklärung statt Impfpflicht

Dass diese Quote in Deutschland zum Beispiel bei der zweiten Masernimpfung nicht erreicht wird, hat laut Cornelia Betsch verschiedene Ursachen: Zum Teil sei es Bequemlichkeit, zum Teil bestehe das Problem, dass Kinderärzte nicht an die Notwendigkeit erinnerten. Bei Jugendlichen und Erwachsenen trete dann das Problem auf, dass diese meist zum Arzt gingen, wenn sie akut erkrankt seien. Dann aber könne man wiederum nicht impfen. Betsch glaubt daher, dass Aufklärung und Angebotsverbesserung der Weg sind, um die Impfquoten auch für Masern und andere Krankheiten auf das notwendige Niveau zu heben. Oftmals helfe zum Beispiel schon das Angebot einer (kinder-)ärztlichen Impfsprechstunde am Wochenende, wenn Arbeitnehmer und Eltern mehr Zeit hätten.

Von einer Impfpflicht hält sie dagegen wenig: Es zeige sich, dass eine Pflicht zu bestimmten Impfungen den Widerstand gegen sämtliche freiwillige Impfungen eher noch verstärke. Viele Länder hätten auch deshalb die Impfpflicht in den letzten Jahren abgeschafft: "Deutschland sollte meiner Meinung nach nicht den umgekehrten Weg gehen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. April 2015 um 14:00 Uhr.

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