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Initiative #ichbinhier Kommentieren für den "guten Ton"

Stand: 28.03.2018 14:20 Uhr

Sachliche Diskussionen sind bei Facebook selten, obwohl das soziale Netzwerk eine wichtige Rolle bei der politischen Meinungsbildung spielt. Die Gruppe #ichbinhier stemmt sich dagegen, für den "guten Ton" im Netz.

Von Florian Regensburger, BR

Wenn mal wieder unter einem Artikel bei Facebook alle Grenzen des guten Geschmacks überschritten werden, dann tut sich was bei #ichbinhier: Mitglieder der Initiative verabreden sich über ihre Facebook-Gruppe, einzuschreiten und die Diskussion nicht ausarten zu lassen - "ohne Hass, ohne Hetze, ohne Fake News", heißt es in einer Erklärung der Gruppe. Diese hat mittlerweile mehr als 37.000 Mitglieder, Tendenz steigend.

"Wo man besonders viel Hassrede findet"

Stephanie Schmitz ist Teil der Initiative #ichbinhier - gegen Hassrede im Netz.

"Ganz oft geht es dabei um Flüchtlinge", sagt Stephanie Schmitz von #ichbinhier. Meistens geschehe es auf den Facebook-Seiten der großen Nachrichtenportale, dass zügellos geschimpft und gehetzt wird - und wo Menschen schon mal unverblümt der Tod gewünscht werde. "Das ist bei Spiegel Online oder Bild.de, aber auch bei der Tagesschau oder dem heute-Journal, wo man besonders viel Hassrede findet", so Schmitz.

Als etwa im vergangenen Spätsommer die Bundespolizei bei Rosenheim Flüchtlinge aufgriff, die sich unten an Güterzüge gehängt hatten, um über die Grenze nach Deutschland zu gelangen, habe das Kommentare provoziert wie "ein bisschen Schmierseife und das Problem ist gelöst". Flüchtlingen auf Schlauchbooten im Mittelmeer werde das Ertrinken gewünscht.

Kommentare mit vielen Likes rutschen nach oben

Das interne Bewertungssystem bei Facebook sorgt dafür, dass derartige Hass-Kommentare überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit bekommen, durch eine Art Selbstverstärkungseffekt: Eine Auswertung von Facebook-Diskussionen ergab, dass im vergangenen Januar nur fünf Prozent der Accounts für 50 Prozent der Likes bei Hass-Kommentaren verantwortlich waren. Diese vielen Likes führen dazu, dass der Facebook-Algorithmus die jeweiligen Äußerungen in der Kommentaren unter dem Beitrag weiter nach oben spült - weiter, als zum Beispiel eine unaufgeregte, nüchterne Zustandsbetrachtung.

"Da gehen wir rein und machen Gegenkommentare"

Doch diesen Effekt macht sich auch #ichbinhier zunutze: "Da gehen wir dann rein und machen Gegenkommentare - sachlich und empathisch. Und wir liken unsere Kommentare gegenseitig, damit sie in der Kommentarleiste weiter nach oben rutschen", sagt Stephanie Schmitz.

Hannes Ley (rechts) und Tom Keller von #ichbinhier freuten sich mit Laudatorin Ronja von Rönne über den Grimme Online Award 2017 in der Kategorie "Spezial".

Den Aktivisten ist wichtig zu betonen, dass sie keine politischen Meinungen ausschließen oder bekämpfen wollen. Wer mitmachen möchte, müsse sich lediglich "zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik sowie zur UN-Deklaration der Menschenrechte" bekennen, erklären sie auf ihrer Facebook-Seite. Und zu diesen Überzeugungen passen Todeswünsche gegen bestimmte Gruppen von Menschen eben nicht.

"Man kämpft da gegen Windmühlen"

Für ihr ehrenamtliches Engagement wurde die #ichbinhier-Initiative 2017 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet, dem renommiertesten Journalistenpreis im Online-Bereich. Beendet ist ihre Arbeit aber wohl noch lange nicht, sie geht vielmehr bei jedem neuen kontroversen Thema von vorne los. Ein Rückgang des seit Jahren schwelenden Problems der Hasskommentare in sozialen Medien ist derzeit nicht zu erkennen, weiß auch Stephanie Schmitz: "Man kämpft da gegen Windmühlen."

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