Stau in Düsseldorf | Bildquelle: dpatin Gerten/dpa

Studien mit Stickstoffdioxid Experimente im Namen der Autolobby

Stand: 29.01.2018 10:38 Uhr

Die "Forschungsvereinigung" der Autolobby hatte Inhalations-Experimente an Menschen und Affen durchgeführt. Ein Bericht der EUGT gibt Einblick in die Arbeit.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

"Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom." Mit diesem Zitat, das angeblich von Albert Einstein stammt, leitet die "Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" (EUGT) eine Präsentation über ihre Aktivitäten in den Jahren 2012 bis 2015 ein.

Als Ziele gab die EUGT an, sie wolle den aktuellen Wissensstand zu "umweltmedizinisch relevanten Auswirkungen des Verkehrs" dokumentieren, Studien und Daten "insbesondere im Bereich der Komplexität von Luftgemischen" bewerten, Veranstaltungen organisieren, Netzwerke aufbauen und "Folgenabschätzungen von Maßnahmen zur Verkehrsbeeinflussung" vornehmen. Klassische Lobbyarbeit also.

Manager der Autoindustrie und ein bekannter Gutachter

Als Gesichter dieser "Forschungsvereinigung" traten Vertreter von der Fraport AG, Daimler, BMW und Volkswagen auf. Einzige Frau unter den sieben EUGT-"Köpfen": eine Assistentin der Geschäftsführung.

Zudem verfügte die EUGT über einen Forschungsbeirat mit Vertretern von Universitäten aus München, Frankfurt, Münster und dem Ruhrgebiet. Darunter findet sich beispielsweise Prof. Dr. Helmut Greim von der TU München - als Vorsitzender des EUGT-Forschungsbeirats. Über Greim hatte das ARD-Magazin Monitor im Oktober 2016 ausführlich berichtet - als "industrienaher Gutachter", der seit Jahrzehnten die Politik beeinflusst habe.

Zwei Inhalationsstudien

Konkret versuchte die EUGT beispielsweise in einer Studie nachzuweisen, dass die Einführung von Umweltzonen in Städten keine nennenswerte Reduktion von Schadstoffen gebracht habe.

Gleich zwei mal führt die EUGT in ihrem Überblick "Kurzzeit-Inhalationsstudien" auf. Zu einer entsprechenden Studie zur "biologischen Wirkung von Stickstoffdioxid" heißt es in dem Bericht:

EUGT hat auf Empfehlung des Forschungsbeirates eine Kurzzeit-Inhalationsstudie mit NO2 bei gesunden Menschen gefördert, in der NO2-Konzentrationen genutzt wurden, die für arbeits- und umweltmedizinische Belange von Bedeutung sind.

Diese Untersuchung soll aber nichts mit dem Dieselskandal zu tun gehabt haben. Das betont der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus von der Universität Aachen. Die Studie von 2013 habe sich mit dem Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz befasst, erklärte Kraus der Deutschen Presse-Agentur. Die Ethikkommission habe die Studie als vertretbar bewertet. 25 gesunde Menschen seien dabei Belastungen ausgesetzt worden, die unterhalb der Belastungen am Arbeitsplatz lägen.

In dem EUGT-Bericht hieß es hingegen zu dem Experiment: "Als höchste experimentelle Konzentration sei der dreifache Arbeitsplatzgrenzwert eingesetzt" worden. Zudem wird in dem EUGT-Bericht eine Verbindung zu Dieselmotoren gezogen. So schrieb die EUGT zum Hintergrund der Untersuchung:

Stickstoffoxide (NOX) entstehen als unerwünschte Nebenreaktionen bei Verbrennungsprozessen. Die Hauptquellen sind Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr die bedeutendste NOX-Quelle. Stickstoffdioxid (NO2) gilt dabei als wesentliche Messgröße für den Einfluß des Verkehrs auf die Luftqualität. NO2 kann aber auch an bestimmten Arbeitsplätzen relevant sein.

Im Bundestagswahlkampf 2017 versuchten AfD, CSU und FDP mit dem Thema Stickstoffdioxid-Grenzwerte am Arbeitsplatz und im Verkehr Stimmung zu machen. So wurde immer wieder behauptet, in Büros gelten viel höhere Grenzwerte für Stickstoffdioxid als auf der Straße - was nicht richtig ist.

"Keine relevanten gesundheitlichen Wirkungen"

Die Autolobby-Organisation EUGT zog auch in der Vorbereitung zu dem Experiment mit Affen eine Verbindung zwischen Dieselmotoren und Arbeitsplatzgrenzwerten:

In den Diskussionen zu Dieselmotor-Emissionen (DME) hinsichtlich der Festlegung eines neuen Arbeitsplatzgrenzwerts in Deutschland wird immer wieder darauf hingewiesen, dass sich die bisher vorliegenden Daten zu gesundheitlichen Wirkungen von DME nur auf den technischen Stand bis zum Jahr 2000 beziehen.

Der wissenschaftliche EUGT-Forschungsbeirat gehe davon aus, dass "bei 'modernem' Dieselabgas aufgrund der technischen Maßnahmen wie zum Beispiel Einsatz eines Dieselpartikelfilters keine relevanten gesundheitlichen Wirkungen nachweisbar" seien. Um diese Annahme zu belegen, wollte man die experimentelle Studie an Affen fördern:

Mit einer Exposition gegenüber DME eines Pkw aus dem Jahr 1999 und eines neuen Pkw mit dem zeitgemäßen Emissionsstandard EURO 6 (Modelljahr 2015) sollen in mehrstündigen Inhalationsversuchen mit Affen die Unterschiede in den biologischen Reaktionen untersucht werden.

Die EUGT wurde im Sommer 2017 aufgelöst. Die Autobauer verurteilen nun deren Arbeit: Daimler distanzierte sich deutlich von der "Forschungsvereinigung" und den Experimenten. VW entschuldigte sich für die Versuche mit Affen.

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