"Stern"-Reporter Gerd Heidemann präsentiert am 25. April 1983 die entdeckten Tagebücher von Adolf Hitler. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Historische Fakes Das Fiasko um die Hitler-Tagebücher

Stand: 06.05.2017 09:03 Uhr

1983 ereignet sich der wohl größte Flop der deutschen Pressegeschichte: Der "Stern" präsentiert offiziell die Tagebücher von Adolf Hitler. Doch nur wenige Tage später steht fest: Die Bücher sind gefälscht.

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

1978

Der Militaria-Händler Konrad Kujau verkauft einen angeblichen Tagebuchband von Adolf Hitler aus dem Jahr 1935 an den Sammler Fritz Stiefel. "Stern"-Reporter Gerd Heidemann, selbst NS-Sammler, bot Stiefel im selben Jahr Teile seiner Sammlung an, die dieser aber nicht kaufte. Bei einem Treffen wird das von Kujau verkaufte Tagebuch angesprochen. Es stamme aus dem persönlichen Besitz Hitlers und sei bei dem Absturz eines Flugzeuges in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen.

November 1980

Heidemann und "Stern"-Redakteur Thomas Walde recherchieren im sächsischen Ort Börnersdorf und besuchen die Grabstelle, der bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Personen.

Februar 1981

Am 18. Februar 1981 erhält der Verlag Gruner und Jahr das erste Hitlertagebuch. Bis Februar 1983 werden nach und nach von Kujau gefälschte Bücher - der sich als Konrad Fischer ausgibt - über den Reporter Heidemann an den Verlag übergeben. Der Verlag bezahlt dafür im Laufe der Zeit insgesamt rund neun Millionen Mark. Von "Stern"-Chefredakteur Felix Schmidt gewünschte Schriftgutachten durch das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz, Hausgutachter für das Bundesarchiv in Koblenz sowie zweier Sachverständiger belegten die angebliche Athentizität. Eine Materialprüfung der Bände erfolgt nicht.

Historische Fakes: Die Hitler-Tagebücher

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27. Mai 1981

"Stern"-Reporter Heidemann sucht an der Unglücksstelle des abgestürzten Flugzeugs nach Überresten und findet lediglich Glassplitter und eine Metallstrebe. Es folgen weitere Recherchen Heidemanns zum Absturz des Fliegers. Er spricht mit Augenzeugen und Beteiligten, die die angeblich an Bord befindlichen Tagebücher aus dem brennenden Wrack geborgen haben könnten.

April 1983

Wie das Magazin "medium" 1993 schreibt, wurde in der Redaktion des "Stern" die Chance vertan, den Betrug in letzter Minute doch noch aufzudecken. Heidemann hatte einen Tagebuch-Band aus den Beständen des NS-Sammlers Stiefel im Ressort Zeitgeschichte des "Stern" vorbeigebracht, den es aber in den zuvor angelieferten Beständen bereits gab. Das sei den Mitarbeitern auch aufgefallen. Doch sie akzeptierten die Erklärung Heidemann, Hitler habe seine Tagebuchführung sogar doppelt betrieben - privat und für die Partei.

24. April 1983

Britische Tageszeitungen veröffentlichen erstmals Auszüge aus den angeblichen Tagebüchern von Adolf Hitler. Die Tagesschau um 20 Uhr berichtet von einem "weltweiten Wirbel" um die Entdeckung und ergänzt: "Hitler-Forscher streiten noch über die Echtheit der Dokumente."

Peter Koch, damals Chefredakteur des "Stern", erklärte: "Wir werden sehr viele neue Ergänzungen zu (Hitlers) Biographie bringen. Unter anderem werden wir zeigen, dass Hitlers Verhältnis zu Himmler von tiefstem Misstrauen bestimmt war - dass er ihn sogar hinter einem der auf Hitler verübten Attentate vermutete."

Hitler-Tagebücher: Am 24.04.1983 berichtet die Tagesschau über die ersten Veröffentlichungen in Großbritannien
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25. April 1983

Die Chefredaktion und Verlagsleitung des "Stern" präsentieren auf einer Pressekonferenz mit Medienvertretern aus dem In- und Ausland den Fund der Tagebücher von Adolf Hitler. "Dem Stern ist die größte journalistische Leistung der letzten Zeit gelungen", verkündet Chefredakteur Koch. Wissenschaftler sind anwesend, um die Echtheit der Dokumente zu bestätigen. Doch die Zweifel sind groß. Noch auf der Veranstaltung sprechen Journalisten und Fachleute öffentlich von einer Fälschung.

Die Tagesschau um 20 Uhr berichtet über die Pressekonferenz und stellt dabei die Zweifel an der Echtheit der Dokumente in den Fokus: "Die Zweifel an der Echtheit der vom Magazin "Stern" entdeckten Tagebücher Adolf Hitlers bleiben."

Hitler-Tagebücher: Die Tagesschau berichtet am 25.04.1983 über die Präsentation des Fundes

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Hitler-Tagebücher: Die Tagesthemen berichten am 25.04.1983 über die Präsentation des Fundes

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28. April 1983

Der "Stern" startet eine Serie mit dem Titel "Hitlers Tagebücher entdeckt". Demnach handelt es sich um ingesamt 60 Bände. Dazu kommen drei Sonderbände: über den England-Flug von Rudolf Heß und über das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944. In dem Heft heißt es: "Nach der Auswertung der Tagebücher, mit deren auszugsweisem Abdruck der "Stern" im nächsten Heft beginnt, muss die Biographie des Diktators und die Geschichte des Dritten Reiches in großen Teilen neu geschrieben werden."

Konrad Kujau, der Fälscher der "Hitler-Tagebücher", im Jahr 1985 mit einer Ausgabe des Magazins "Stern" | Bildquelle: picture alliance / dpa

Konrad Kujau, der Fälscher der "Hitler-Tagebücher", zeigt lächelnd auf die Titelseite einer "Stern"-Ausgabe von 1983, in der Teile der vermeintlichen Dokumente veröffentlicht wurden, aufgenommen im Jahr 1985.

1. Mai 1983

Der ARD-Wochenspiegel veröffentlicht eine Stellungnahme des Historikers Werner Maser zu den Hitler-Tagebüchern. Maser sagt, es sei absolut sicher, dass es keine Tagebücher von Hitlers Hand gebe. Das hätten alle Mitarbeiter Hitlers bestätigt. Zudem hätte Hitlers Gesundheit später das Schreiben von Tagebucheinträgen unmöglich gemacht: "Ab Januar 1943 war Hitler in Folge einer Schüttelneurose auch gar nicht in der Lage, durchgehend zu schreiben. Auch wenn er es gewollt hätte. [...] Er hätte keine 600 und auch keine 60 Seiten später mehr schreiben können."

Hitler-Tagebücher: Am 01.05.1983 berichtet der ARD-Wochenspiegel
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2. Mai 1983

Rudolf Augstein, damals Herausgeber des "Spiegel", ist überzeugt, dass es sich bei den Tagebüchern um eine Fälschung handelt. Er veröffentlicht in der Ausgabe 18/1983 mit dem Titel "Hitlers Tagebücher: Fund oder Fälschung" eine deutliche Kritik an der Qualität der Tagebücher und an der Arbeit der Kollegen des "Stern": "Müssen wir uns diesen Quatsch gefallen lassen? [...] Dies machen wir dem "Stern" zum Vorwurf: Dass er keinen Wissenschaftler in Ruhe hat prüfen lassen."

6. Mai 1983

Auf einer Pressekonferenz teilen Bundeskriminalamt und Bundesanstalt für Materialprüfung mit, dass es sich bei den sogenannten Hitler-Tagebüchern um eine Fälschung handelt. Untersuchungen hätten ergeben, dass in den Büchern festgestellte Materialien wie Nylonfäden erst nach dem Zweiten Weltkrieg hergestellt worden sind. In dem verwendeten Papier seien zudem optische Aufheller nachgewiesen worden, die erst ab 1950 bei der Papierherstellung eingesetzt worden sind. Louis Ferndinand Werner, damals Chemiker des Bundeskriminalamts, teilte den anwesenden Medienvertretern mit. "Es ist eindeutig festgestellt worden, dass die hier verwendeten Papiere [...] Substanzen enthalten, die keinesfalls vor oder während des Krieges, sondern erst nach dem Krieg [...] auf den Markt gekommen sind."

Auch die Vorlage, aus der die "Tagebücher" teilweise abgeschrieben waren, wurden von den Mitarbeitern des Bundesarchivs ausfindig gemacht: "Hitler - Reden und Proklamationen 1932 - 1945" von Max Domarus. Im "Bericht aus Bonn" heißt es daraufhin: Für die Historiker sei es offenbar ein Kinderspiel gewesen, die jedermann zugängigen Quellen zu entdecken, aus denen Hitlers angebliche Notizen zusammengeflickt worden waren.

Hitler-Tagebücher: Der "Bericht aus Bonn" spricht am 06.05.1983 von einer Fälschung
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1983 - 1993

Nach dem Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher sinkt die Auflage des "Stern" von 1,6 auf 1,3 Millionen Exemplaren. Konrad Kujau, der Fälscher der "Tagebücher", wird 1985 wegen Betrugs zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. "Stern"-Reporter Gerd Heidemann wird fristlos entlassen und später vom Landgericht Hamburg wegen Betrugs zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Thomas Walde, damals Ressortleiter für Zeitgeschichte, kündigte, als der Betrug aufgedeckt wurde und wechselte zum privaten Hörfunk. Die Chefredakteure des "Stern", Koch und Felix Schmidt, mussten nach dem Skandal zurücktreten. Koch starb 1989 in Florida an Krebs. Schmidt führte später die Geschäfte einer privaten TV-Produktionsfirma.

2013

Der Verlag "Gruner + Jahr" übergibt alle gefälschten Hitler-Tagebücher an das Bundesarchiv in Koblenz. "Die gefälschten Tagebucher sind ein Teil der Geschichte des "Stern", sagt der damalige Chefredakteur Dominik Wichmann. "Wir wollen das nicht wegdrücken, sondern angemessen und vor allem sachlich damit umgehen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. Juni 2013 um 20:15 Uhr

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