Die Polizei setzt Wasserwerfer bei der "Welcome to Hell"-Demonstration ein.  | Bildquelle: AFP

Falschmeldungen zu G20-Einsatz Kampf gegen "Online-Hetzjagd"

Stand: 10.07.2017 08:18 Uhr

Zum G20-Gipfel hat die Polizei zahlreiche Gerüchte richtig gestellt. Doch das hilft nicht immer - mit teils persönlichen Folgen: Die Falschmeldung, ein Polizist sei durch einen Böller fast erblindet, wird weiter massiv verbreitet.

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Der G20-Gipfel in Hamburg ist offiziell vorüber. Zehntausende Polizisten sicherten den ersten Gipfel dieser Art in Deutschland mit einem historischen Einsatz in der Hansestadt. Angesichts großer Menschenansammlungen und teils massiver Szenen von Gewalt ist es nicht verwunderlich, dass es mehrfach zu Falschmeldungen und Gerüchten rund um den Gipfel kam. Inzwischen ist klar: In Hamburg wurden zum G20-Gipfel keine Panzer der Bundeswehr eingesetzt. Es gab auch keinen Angriff auf ein Krankenhaus und keinen Sturm der Polizei auf das linksautonome Kulturzentrum "Rote Flora". Ebenso steht fest: Tote gab es bei den Krawallen um den G20-Gipfel nicht.

Keine erneute Plünderung im Schanzenviertel

Doch nicht alle Meldungen lassen sich in kurzer Zeit wieder richtig stellen: Ein Beispiel dafür ist die Information vom späten Samstagabend, im Hamburger Schanzenviertel sei erneut ein Supermarkt geplündert worden. Auf Nachfrage hatte die Hamburger Polizei einen NDR-Mitarbeiter zunächst entsprechend falsch informiert. Eine Stunde später musste die Polizei diese Aussage zurücknehmen. Doch die Richtigstellung stoppte entsprechende Postings und Nachfragen in den sozialen Medien nicht. Dabei steht längst fest: Plünderungen gab es in der Nacht von Freitag auf Samstag - in der Nacht darauf aber nicht.

"Bild" berichtet über verletzten Polizisten

Kaum mehr aufzuhalten scheint das folgende Gerücht: Ein Polizist sei durch einen Böllerwurf so schwer verletzt worden, dass er sein Augenlicht verlieren wird. Diese Meldung ist falsch. Ihren Ursprung hatte sie am Tag der "Welcome to Hell"-Demo in Hamburg. Auch die Polizei twitterte an dem Tag, dass "eine Augenverletzung durch einen vor dem Gesicht explodierten 'Böller' gemeldet" worden sei. Doch wie die Polizei inzwischen mehrfach klarstellte, ist kein Polizist erblindet oder schwerwiegend an den Augen verletzt worden.

Genau das war aber zwischenzeitlich öffentlich berichtet worden, unter anderem von der "Bild"-Zeitung. In einem Online-Artikel vom 7. Juli berichtete "Bild" unter der Überschrift: "Randalierer wirft Polizist Böller ins Gesicht - Verliert er sein Augenlicht?". Unter einem großformatigen Foto ist dann zu lesen: "Der Mann hat dem Polizisten kurz zuvor einen Böller direkt ins Gesicht geworfen!" [...] Nach BILD-Informationen könnte der Polizist [...] sein Augenlicht verlieren." - In den Stunden danach wird der Text der Meldung mehrfach bearbeitet. Inzwischen ist der Beitrag mit einer geänderten Überschrift im Netz abrufbar.

Screenshot der ersten Fassung eines Online-Artikels der "Bild" zu einem Böllerangriff auf einen Polizisten vom 7. Juli 2017.

Screenshot der ersten Fassung eines Online-Artikels der "Bild": Der Text darunter liest sich wie eine Bildbeschreibung. Dabei stellte die Polizei schnell klar: Der Mann rechts im Bild ist nicht tatverdächtig. Doch Suchaufrufe nach dem Mann und nach Zeugen finden sich inzwischen in vielen Social-Media-Kanälen wieder - meist mit falschen Informationen. (Bild im Original unverpixelt)

Foto fördert rasante Weiterverbreitung

Das Problem ist das große Foto der Meldung: Der Text darunter liest sich wie eine Bildbeschreibung und der Hauptakteur in dem Foto ist in der ersten Fassung der "Bild"-Zeitung auch nicht verpixelt. Viele greifen in der Folge die Informationen auf und verbreiten sie im Netz. Schnell geht es um die Frage: Wer ist der Mann, der einen Polizisten so schwer verletzt hat?

Beitrag auf rechtsgerichteten Facebook-Seiten

User im Netz nehmen dabei das Foto und vergrößern den Gesichtsausschnitt des attackierenden Demonstranten, um nach ihm suchen zu lassen. Aufrufe nach dem Mann finden sich inzwischen auf etlichen Seiten bei Facebook - fast im Minuten-Takt werden es mehr. Das Foto findet sich beispielsweise auf der Facebook-Seite der rechtsgerichteten Gruppierung "Bürgerprotest Hannover". Der Beitrag mit dem Text "Das ist der 'Demonstrant', der mit einem Böller einem Polizisten fast das Augenlicht nahm. Findet ihn!" wurde innerhalb eines Tages mehr als 50.000 Mal geteilt. Die Gruppe selbst hat bei Facebook nur etwa 3500 Follower.

Ein Update der Seitenbetreiber ist lediglich verlinkt - der Ursprungsbeitrag aber nicht korrigiert. In dem Update heißt es: "Uns ist mittlerweile bekannt, dass der von Linksradikalen mit Böllern angegriffene Polizist nicht erblindet ist (...)." Das spiele aber keine große Rolle. Dass der Mann einen Beamten angegriffen und seinen Tod in Kauf genommen habe, sei Anlass genug, ihn zu finden. Dieser Beitrag findet bei Usern deutlich weniger Beachtung.

Aufruf mit Falschinfo bei Polizei-Gewerkschaft

Auch auf weniger politischen Seiten findet sich der Aufruf nach Zeugen wieder: Die Facebook-Seite der Deutschen Polizei-Gewerkschaft (DPolG) Königsbrunn veröffentlichte das unverpixelte Foto aus Hamburg mit dem Text "W A N T E D : Das ist der 'Demonstrant', welcher mit einem Böller unserem Kollegen das Augeblicht nahm!" (Hinweis: Rechtschreibfehler aus dem Original-Text übernommen.)

Update: Die Facebook-Seite der DPolG Königsbrunn hat den entsprechenden Beitrag inzwischen gelöscht und eine Klarstellung veröffentlicht. Der Ursprungsbeitrag war zuvor mehr als 6000 Mal geteilt worden. Die Klarstellung findet im Netz hingegen kaum Beachtung.

Polizei: "Mann ist nicht tatverdächtig"

Die Hamburger Polizei machte bei Twitter mehrfach deutlich, dass es keine Augenverletzung gab. Zudem teilte sie mit: Der in dem Foto gezeigte Mann sei nicht tatverdächtig. Dennoch wurden Falschaussagen zu dem Foto bei Twitter und Facebook zehntausendfach geteilt.

Die Polizei Hamburg spricht inzwischen vor einer "Online-Hetzjagd", vor der man einen Unschuldigen schützen möchte. Der gezeigte Mann sei nicht tatverdächtig. Die "Internet-Fahndung" solle beendet werden. Die Aufrufe haben bislang kaum Erfolg.

Ähnlich liegt die Situation bei dem Foto einer jungen Frau: Sie wurde - selbst unvermummt - vor Menschen in schwarzer Vermummung mit einem Stein in der Hand fotografiert. Dieses Foto findet sich nun im Netz mit dem Aufruf, den "Steinewerfer von Hamburg" an die Polizei zu melden. Einen Beleg für eine Straftat liefert das Foto nicht.

Problem: Suche nach Tätern im Netz

Dass die Suche nach vermeintlichen Tätern im Netz ordentlich daneben gehen kann, ist keine Neuigkeit. So waren es User, die anhand von Social-Media-Material den vermeintlichen Attentäter des Boston-Marathon identifizierten. Das Problem: Sie lagen falsch. Auch im Fall des Absturzes des Germanwings-Flugs in Südfrankreich im Jahr 2015 kursierten im Netz schnell Bilder des vermeintlichen Co-Piloten. Die Bilder zeigten aber einen Unbeteiligten aus der Schweiz.

Bleibt die Frage: Was geschah in der Situation auf dem Bild? Mehrere User posteten Verweise auf ein Video, dass die gesamte Szene zeigt. Dieses Material und auch anderes soll von Ermittlern nun ausgewertet werden. Dafür wurde eigens ein Upload-Portal für Videos und Bilder eingerichtet. Dort kann betreffendes Material der Polizei zur Verfügung gestellt werden. Der im Bild zu sehende Mann wird nicht als Täter gesucht, verbreitete die Polizei. Der Beamte im Bild habe durch einen Böller ein Knalltrauma erlitten.

Über dieses Thema berichtet tagesschau24 am 09. Juli 2017 um 15:00 Uhr.

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