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Lohngerechtigkeit Wie hoch ist der Gender Pay Gap wirklich?

Stand: 04.09.2017 20:33 Uhr

Zwischen Männern und Frauen liegt offiziell eine Lohnlücke von 21 Prozent. Doch es gibt auch einen "bereinigten" Wert, der bei sechs Prozent liegt. Wie groß ist der Gender Pay Gap denn nun?

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Von Andrej Reisin, NDR

Der sogenannte Gender Pay Gap beschreibt den prozentualen Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von angestellten Männern und Frauen. Seine Berechnung ist in der Europäischen Union einheitlich geregelt und ist somit europaweit der Hauptindikator für die ungleiche Entlohnung von Männern und Frauen. Er wird vom Statistischen Bundesamt auf der Basis von 1,9 Millionen sozialversicherten Beschäftigten aus allen Branchen und Berufen errechnet.

Der Umfang der Beschäftigung, die Verteilung auf unterschiedliche Branchen und Berufsgruppen bleibt dabei ebenso unberücksichtigt wie Ausbildung, Berufserfahrung oder Position. Der unbereinigte Gender Pay Gap lag in Deutschland 2016 bei 21 Prozent.

Der bereinigte Gender Pay Gap

Das Statistische Bundesamt berechnet neben dem europäischen Vergleichswert auch einen bereinigten Gender Pay Gap. Dabei wird der Teil des Verdienstes herausgerechnet, der auf strukturelle Unterschiede bei der Berufswahl, Beschäftigungsumfang, Bildungsstand, Berufserfahrung oder den geringere Anteil von Frauen in Führungspositionen zurückzuführen ist. Da dieser komplizierter zu berechnen ist, wird er nur alle vier Jahre erhoben - zuletzt 2014 - wo er bei sechs Prozent lag. Das Statistische Bundesamt schreibt dazu:

Auf Grundlage der Verdienststrukturerhebung für das Jahr 2014 war es für Deutschland erstmals möglich, bislang nicht berücksichtigte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in die Analysen einzubeziehen und so Aussagen für die gesamte Wirtschaft zu treffen. Im Vergleich zu der von Eurostat vorgegebenen engeren Abgrenzung ergeben sich bei Berücksichtigung von Beschäftigten in den Wirtschaftsabschnitten 'Land- und Forstwirtschaft, Fischerei' und 'Öffentliche Verwaltung, Verteidigung; Sozialversicherung' sowie in Kleinstbetrieben sowohl in Bezug auf das Ergebnis für den unbereinigten als auch für den bereinigten Gender Pay Gap keine relevanten Abweichungen. Auch unter Einbezug der genannten Beschäftigtengruppen liegen im Jahr 2014 der unbereinigte Verdienstunterschied bei 22 % und der bereinigte bei 6 %.

Diskriminierung ist nur ein Faktor

Ein Problem bei der Debatte um den Gender Pay Gap ist, dass die Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern umstandslos mit dem Ausmaß von Entgeltdiskriminierung gleichgesetzt wird. Das würde bedeuteten, dass Arbeitgeber Frauen systematisch weniger bezahlen als Männern in vergleichbaren Positionen und Berufen. Der bereinigte Gender Pay Gap dient daher dazu, aufzuzeigen, dass die sogenannte "unerklärte" Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern (die auf Diskriminierung von Frauen beruhen könnte), geringer ist als beim unbereinigten Gender Pay Gap.

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) berechnet sogar einen bereinigten Gender Pay Gap von nur zwei Prozent. Dabei ist die Datengrundlage allerdings eine andere. Es handelt sich um das sogenannte "Sozio-oekonomische Panel" (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das SOEP umfasst 22.000 Personen aus 10.000 Haushalten, die alljährlich nach einem festen Schema befragt werden. Auf Basis der SOEP-Daten errechnet das IW zunächst ebenfalls einen bereinigten Gender Pay Gap, der mit dem des Statistischen Bundesamtes etwa übereinstimmt. Zudem bildet das IW aber "Zwillinge" mit bestimmten gleichen statistischen Eigenschaften - und berechnet dann die Gehaltsunterschiede zwischen ihnen. Diese Geschlechter-"Zwillinge" haben dann nur noch eine Entgeltlücke von zwei Prozent.

Die Entgeltlücke eher kleinzurechnen, ist aus Sicht der Arbeitgeber legitim. Denn schließlich will man dem Eindruck vorbeugen, Frauen durchschnittlich 21 Prozent weniger Lohn zu zahlen - was auch tatsächlich nicht stimmt. Das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) fasst den Sachverhalt so zusammen: "Der erklärte Anteil des Pay Gap ist keineswegs frei von Diskriminierungen, wie umgekehrt die bereinigte Lohnlücke nicht mit Entgeltdiskriminierung gleichzusetzen ist."

Gender Pay Gap von 21 Prozent ist real

Doch obwohl der bereinigte Gender Pay Gap niedriger liegt als der unbereinigte, ist der EU-Vergleichswert von 21 Prozent keineswegs "falsch" oder "irreführend". Er beschreibt lediglich einen anderen Sachverhalt. Denn der Unterschied beim Durchschnitts-Stundenlohn wird ja nicht geringer, weil man die Vergleichsgrößen ändert. Frauen verdienen weniger - allerdings aus einer Vielzahl von Gründen.

Mit dem "erklärten" Teil ist gemeint, dass Frauen im Durchschnitt vor allem deshalb weniger verdienen als Männer, weil sie öfter in Teilzeit arbeiten, weil sie zum Teil geringer qualifiziert sind und weil sie häufiger in Branchen arbeiten, die ein niedrigeres Lohnniveau aufweisen. Aus Sicht derjenigen, die sich für mehr Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern stark machen, ist damit aber noch keineswegs "erklärt", warum zum Beispiel Erziehungs-, Pflege- und Gesundheitsberufe schlechter bezahlt sind als technische Tätigkeiten.

"Frauenberufe" sind schlechter bezahlt

Am fehlenden Bedarf oder an einer geringeren Schwierigkeit der Anforderungen liegt es aus Sicht des WSI jedenfalls nicht. Dort hat man ein Messinstrument für eine geschlechtergerechte Arbeitsbewertung erarbeitet, den sogenannten "Comparable Worth-Index". Damit sollen sich Arbeitsanforderungen und -belastungen in "Frauen"- und "Männerberufen" geschlechtsneutral vergleichen lassen und in ein Verhältnis zum jeweiligen Verdienstniveau gesetzt werden. Der "Verantwortung für das Wohlergehen anderer Menschen" - die viele der weiblich dominierten Sorgeberufe kennzeichnet - soll damit auch ein höherer monetärer Stellenwert zukommen als bisher.

Sorgearbeit wird vor allem von Frauen geleistet

Denn vor allem strukturelle Faktoren tragen dazu bei, dass Frauen weniger verdienen als Männer: Insbesondere ist hier die Versorgung von Kindern, aber auch pflegebedürftigen Eltern und anderen Angehörigen zu nennen, die noch immer weit überwiegend von Frauen übernommen werden. Alleinerziehende Mütter tragen hier ein besonders großes Risiko für Verdiensteinbußen und (Alters-)Armut, aber auch Mütter in Partnerschaften verdienen häufig im Laufe der Jahre signifikant schlechter als die dazugehörigen Väter. Die Gründe sind längere Auszeiten, weniger Aufstiegschancen, insbesondere bei Teilzeitbeschäftigung - und kein Rückkehrrecht auf eine volle Stelle.

Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass sich Väter nach der Geburt des ersten Kindes sogar "noch stärker auf ihren Beruf und die Sicherung des Lebensunterhalts" konzentrieren, indem sie ihren Erwerbsumfang erhöhen. "Demgegenüber reduzieren Frauen ihre Erwerbstätigkeit massiv und dauerhaft und übernehmen die Hauptverantwortung für Kinder und Haushalt."

Deutliche Zahlen

Diese strukturellen Faktoren schlagen sich auch in anderen Zahlen nieder. In einer repräsentativen Studie des Bundesfamilienministeriums von 2016 hatten Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren etwa die gleichen Schulabschlüsse wie Männer - und 82 Prozent hatten eine berufliche Qualifikation. Dennoch waren nur 39 Prozent der Frauen in Vollzeit beschäftigt, aber 88 Prozent der Männer. Über ein eigenes Nettoeinkommen von mehr als 2000 Euro verfügten nur zehn Prozent der Frauen, aber 42 Prozent der Männer.

Damit sind die Risiken der Existenz- und Alterssicherung für viele Frauen noch immer elementar an das Einkommen des Mannes gekoppelt. Von den verheirateten Frauen hatten 19 Prozent gar kein eigenes Einkommen und 63 Prozent verdienten unter 1000 Euro. Ein eigenes Einkommen über 2000 Euro hatten nur sechs Prozent der verheirateten Frauen. Für viele dieser Frauen können sich Scheidung, Berufsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit des Ehemannes existenzbedrohend auswirken.

"Heiratsmarkt" entlohnt Frauen besser

Der Heiratsmarkt bezahle besser als der Arbeitsmarkt, kritisieren Experten.

Von Kritikern derartiger Berechnungen wird jedoch eingewandt, dass sich in dieser "Retraditionalisierung" von Geschlechterrollen lediglich die indviduellen Lebensentscheidungen von Frauen und Paaren spiegeln.

Dem widersprechen wiederum Arbeitsmarktforscherinnen wie die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), Jutta Allmendinger. Gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit" wies sie kürzlich daraufhin, dass es die Rahmenbedingungen seien, die Frauen eher in eine Mutter- und Hausfrauenrolle drängen, als ihnen Karrierechancen zu eröffnen. Allmendinger zieht das Fazit, dass der "Heiratsmarkt" Frauen nach wie vor besser bezahle als der Arbeitsmarkt. Wenn Frauen mehr Witwenrente als eigene Altersrente bekämen, dann lohne sich die Karriere eben nicht.

Vom Gender Pay Gap zum Gender Pension Gap

Der Gender Pension Gap beschreibt das unterschiedliche Alterseinkommen, das Männer und Frauen beziehen. Dieser liegt laut Antwort der Regierung auf eine kleine Anfrage der Grünen momentan bei 53 Prozent. In konkreten Zahlen ausgedrückt bekamen Männer im Rentenalter in den alten Bundesländern 2016 im Durchschnitt auf 1078 Euro Rente, Frauen dagegen nur auf 606 Euro. In den neuen Ländern bekamen Männer 1171 Euro und Frauen 894 Euro. Aufgrund der unterschiedlichen Berechnungsgrundlagen werden Ost- und West-Renten nach wie vor getrennt ausgewiesen.

Dass strukturelle Faktoren eine erhebliche Rolle spielen, zeigt der Ost-West-Vergleich überdeutlich: Denn während der Gender Pay Gap in den alten Bundesländern bei 23 Prozent liegt, sind es in neuen Ländern acht Prozent. Im Wesentlichen ist dies eine Folge der traditionell hohen Frauenerwerbstätigkeit in der ehemaligen DDR, die auch zu den fast 48 Prozent höheren Renten führt, die Frauen im Osten im Vergleich zum Westen beziehen.

Deutschland liegt in Europa weit hinten

Insgesamt gehört Deutschland sowohl bei den Lohnunterschieden zu den Schlusslichtern in Europa. EU-weit gab es 2015 nur in Estland (26,9 Prozent) und Tschechen (22,5 Prozent) einen noch höheren Unterschied. Die niedrigsten Werte liegen bei lediglich 5,5 Prozent in Italien und Luxemburg. Im Jahr 2014 hatte es ein ähnliches Bild gegeben, nur lag Österreich noch knapp hinter Deutschland.

Frauen verdienen in Deutschland im Durchschnitt erheblich weniger als Männer.

Die Statistiken zeigen: Der Gender Pay Gap bleibt nahezu stabil. Das Statistische Bundesamt bemerkt dazu: "Seit 2002 ist der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern fast konstant. Das Ziel der Bundesregierung, den Verdienstabstand bis zum Jahr 2010 auf 15 % zu senken, wurde damit deutlich verfehlt." Auch beim Gender Pension Gap schneidet Deutschland ähnlich schlecht ab.

Von echter Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist Deutschland - bei aller Komplexität der Debatte - nach wie vor weit entfernt. Hierzu wäre eine breite gesellschaftliche Veränderungen nötig - insbesondere hinsichtlich der Rollenverteilung bei der Familienplanung und Kinderbetreuung.

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