Schild für eine Gender-neutrale Toilette | Bildquelle: AP

Gender Studies Umkämpfte Wissenschaft

Stand: 21.08.2018 09:53 Uhr

Ungarns Regierung will in die Wissenschaft eingreifen und das Fach Gender Studies abschaffen. Warum ist das Studienfach vor allem in rechten Kreisen so umstritten?

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Andrej Reisin, NDR

Von Andrej Reisin, NDR

An Universitäten in Ungarn soll es nach dem Willen der Regierung bald ein Studienfach weniger geben: Gender Studies. Das Fach wird zwar nur an zwei Hochschulen gelehrt, doch ab 2019 soll es ganz vom Lehrplan verschwinden. Noch ist unklar, wie der Regierungsbeschluss genau umgesetzt werden soll. Das Vorhaben könnte gegen die verfassungsrechtlich verankerte Wissenschaftsfreiheit und geltendes EU-Recht verstoßen.

Denn über die Einrichtung eines Studiengangs entscheiden in demokratischen Rechtsstaaten wissenschaftliche Kriterien - und nicht die Regierung. Ministerpräsident Viktor Orban kann sich des Applauses der Rechtsaußen-Parteien in Europa jedoch sicher sein: Ihnen gilt die Geschlechterforschung nicht als Wissenschaft, sondern als Ideologie. Auch die AfD polemisiert gegen "Genderwahn", "Gender-Ideologie", "Genderismus" oder "Gender-Gaga".

Wozu Gender Studies?

Gender Studies untersuchen die Bedeutung des Geschlechts in Geschichte, Kultur, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik. Sie sind damit interdisziplinär, aber zumeist an Kultur-, Sozial- oder geisteswissenschaftlichen Fakultäten angesiedelt. Dabei bestreiten die Gender Studies keineswegs kategorisch, dass es biologische Geschlechter gibt. Aber sie legen offen, dass es keinen biologischen Determinismus gibt, der aus dem Vorhandensein bestimmter Organe und Hormonspiegel automatisch ableitet, welche Eigenschaften und Fähigkeiten Menschen haben.

Noch im frühen 20. Jahrhundert wehrten sich renommierte Professoren erbittert dagegen, Frauen das Studium zu ermöglichen. Angeblich drohten irreversible Schäden für das weibliche Geschlecht, da es sich um einen Eingriff in Naturgesetze handle. Bereits daran wird deutlich: Auch die Vorstellungen davon, was Natur und was Kultur ist, unterliegen einem gesellschaftlich-historischen Wandel. Nicht alle Mädchen mögen Rosa, nicht jeder Junge spielt mit Autos. Gender Studies erforschen also eine der zentralen Unterscheidungskategorien von Menschen, die nicht so unbeweglich ist, wie häufig angenommen wird. Sie wenden sich nicht grundsätzlich gegen Biologie, sondern gegen ein biologistisches Verständnis von Geschlecht.

Der Anti-Gender-Kampf

Einige Kritiker benutzen "Gender" als Kampfbegriff, mit dessen Hilfe sie verschiedene Themenfelder gleichzeitig diskreditieren wollen: Feminismus, Geschlechterforschung, Sexualkundeunterricht und Gleichstellungsmaßnahmen zugunsten von Frauen, aber auch Homo- und Transsexuellen. Dabei wird zumeist davon ausgegangen, dass gesellschaftlich etablierte Geschlechter-Rollen natürlich an das biologische Geschlecht gekoppelt seien - entweder gottgewollt oder evolutionär begründet. Demzufolge betrieben die Gender Studies eine Art Verschwörung zur Abschaffung der Natur.

Die Soziologin Paula-Irene Villa, die an der Universität München Gender Studies lehrt, erklärt im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder die Popularität der Polemik gegen Geschlechterforschung mit der Konjunktur anti-intellektueller und anti-liberaler Haltungen. Gender sei dabei ein Fokuspunkt rechter Kritik geworden, die "auch in konservativ-gemäßigten Kreisen anschlussfähig ist", so Villa. "Auch Geschlechtlichkeit ist eine Mischung von sozialen, biologischen, kulturellen, historischen Komponenten", sagt sie. Diese komplexe Sicht auf Geschlecht werde als intellektuelle, akademische und realitätsferne Spinnerei diskreditiert.

Fachliche Kritik an zu starker Politisierung

Allerdings gibt es auch aus wissenschaftlichen Kreisen kritische Stimmen: Stefan Hirschauer, Professor für Gender Studies an der Universität Mainz, attestierte dem Fach 2017 ein Übermaß an Politisierung und ideologischen Scheuklappen. Geschlechterforschung dürfe nicht "als Vehikel der Frauenförderung" instrumentalisiert werden. Wenn Gender Studies sich selbst zum Teil eines politischen emanzipatorischen Projekts machten, weiche man der wissenschaftlichen Beantwortung der Frage "Wozu Gender Studies?" aus und erwecke "chronisch den Verdacht, nicht die intellektuelle Substanz zu ihrer Beantwortung" zu haben.

Soziologin Villa meint dagegen, diese Diskussion werde innerhalb der Gender Studies genau deswegen geführt. Auch andere wissenschaftliche Disziplinen hätten mit ideologischen Färbungen und politischen Übergriffen zu kämpfen. Aber "ohne Gender Studies wüssten wir heute viel weniger über die Verdienste von Wissenschaftlerinnen, und darüber, wie sie systematisch übersehen, diskriminiert, vergessen wurden", so Villa. Man wüsste auch weniger darüber, wie Karrieren in der Wissenschaft nach wie vor von impliziten Vorurteilen geprägt seien.

Ein besonders eindrückliches Beispiel, dass solche Diskriminierungen auch im universitären Rahmen weiter existieren, bot kürzlich die medizinische Hochschule in Tokio: Diese gab zu, jahrelang die Testergebnisse von Frauen systematisch heruntergerechnet zu haben, damit der Frauenanteil bei der Zulassung zum Studium begrenzt blieb.

"Kreuzzug gegen die westliche Welt"

Ein Teil der Kritik am Fach Gender Studies scheint berechtigt: Zum Teil lassen sich Forschung, Lehre und politischer Aktivismus nicht klar genug unterscheiden, zum Teil führt der weite, interdisziplinäre Begriff von Gender zum Eindruck einer Art "Superdiziplin", die alle anderen Fachrichtungen über die Geschlechterdifferenz und ihre Folgen aufklären wolle. Sowohl die stellenweise Überpolitisierung als auch die fachliche Breite bieten Einfallstore für diejenigen, die den Gender Studies jedwede Wissenschaftlichkeit absprechen wollen.

Doch dieses Anliegen ist seinerseits politisch und nicht wissenschaftlich motiviert - wie nicht zuletzt das Vorgehen der ungarischen Regierung gegen die Wissenschaftsfreiheit zeigt. Zsolt Enyedi, Politikwissenschaftler und Prorektor für ungarische Belange der CEU, sagte dem "Tagesspiegel", der Angriff auf den Studiengang sei "ein Symbol". Die Regierungsparteien versuchten damit, "den Hardliner-Wählern zu zeigen, dass sie einen Kreuzzug gegen die westliche Welt führen".

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