Hörsaal einer Universität | Bildquelle: dpa

Gender Studies unter Druck "Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit"

Stand: 21.08.2018 10:35 Uhr

Im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder kritisiert die Professorin für Gender Studies, Paula-Irene Villa, die ungarische Regierung scharf - und verteidigt die Wissenschaftlichkeit ihrer Fachrichtung.

ARD-faktenfinder: Die ungarische Regierung hat beschlossen, Gender Studies an den Universitäten des Landes abzuschaffen. Wie bewerten Sie diesen Vorgang?

Paula-Irene Villa, Professorin für Gender Studies: Das ist ein Eingriff in die aus guten Gründen verfassungsrechtlich garantierte Freiheit von Forschung und Lehre, das ist skandalös. Angebliche Berufsaussichten können und dürfen nicht der alleinige Maßstab für die Qualität oder die Existenzberechtigung von Studiengängen sein. Insofern scheinen mir das fadenscheinige Pseudo-Argumente, die eigentlich Symbolpolitik sind. Die Maßnahme signalisiert Macht und die Fähigkeit zur autoritären Willkür der ungarischen Regierung. Die Gender Studies sind dafür deshalb geeignet, weil ihre Diskreditierung auch bis hin in konservativ-gemäßigte Kreise hinein anschlussfähig ist.

alt Prof. Paula-Irene Villa (Porträt)

Zur Person

Prof. Paula-Irene Villa Braslavsky ist eine deutsch-argentinische Soziologin. Sie ist Lehrstuhlinhaberin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

ARD-faktenfinder: Warum steht "Gender" so im Fokus der rechtspopulistischen Kritik?

Villa: Weil auf den Begriff drei politische Dynamiken projiziert werden: Erstens, dass wir uns, unsere Natur eingeschlossen, selber gestalten - also auch unsere Körper, unsere Identitäten, unsere Rollen und sozialen Verhältnisse. Das heißt, auch unsere Geschlechtlichkeit ist eine Mischung von sozialen, biologischen, kulturellen, historischen Komponenten. Darauf zielt der Gender-Begriff. Er löst sich also von einem naiven Natur-Determinismus, also der Idee, dass alles von Chromosomen oder Geschlechtsorganen oder Hormonen determiniert ist. Dabei widerspricht diese komplexe, post-naturalistische Sichtweise auf Geschlecht keineswegs den Naturwissenschaften. Der Gender-Begriff ignoriert auch nicht zwingend biologische Aspekte von Geschlecht. Gender sagt aber wohl: Geschlechtlichkeit erschöpft sich nicht in den Genen oder dem Penis, zudem ist die Biologie des Geschlechts weitaus komplexer als wir das im Alltag vielfach meinen.

Zweitens wird diese multidimensionale Sicht auf Geschlecht als intellektuelle, akademische und realitätsferne Spinnerei diskreditiert. Dadurch funktioniert das Gender-Bashing als anti-elitärer Code im autoritären Diskurs. Drittens wird Gender vielfach als Teil von "Gender Mainstreaming" adressiert, und damit als Symptom für eine angeblich böse EU, die mit scheinbar widernatürlichen, elitären Programmen unsere Steuergelder zugunsten fragwürdiger Lobbys verschwendet und alle gängelt.

"Wissenschaft ist die Infragestellung dessen, was uns klar erscheint"

ARD-faktenfinder: Was erwidern Sie auf den Vorwurf, es handle sich bei Gender Studies um Ideologie statt Wissenschaft?

VIlla: Die Gender Studies haben bisweilen und in Teilen eine durchaus politische, bisweilen ideologische Tönung, das halte auch ich für kritisierbar. Ich nehme also diese Kritik, sofern sie sachlich formuliert ist, gern ernst und lasse mich drauf ein. Dann aber entlang von Studien, Publikationen, Quellen, etc., also im wissenschaftlichen Rahmen. Und tatsächlich wird diese Diskussion in den Gender Studies immer wieder geführt. Es gibt dazu unterschiedliche Standpunkte, erkenntnistheoretische Positionen und Kontroversen.

Wissenschaft ist letztlich aber immer die Infragestellung dessen, was uns im Alltag völlig klar erscheint. Die Bäume sind halt grün oder Dinge fallen zu Boden. Die Physik beschäftigt sich aber auch heute noch mit Gravitationsforschung. Es mag die Wahrheit an sich vielleicht geben, aber sie ist uns eben nicht an sich zugänglich. Auch das Schauen durch ein Fernglas oder ein Mikroskop, auch eine naturwissenschaftliche Versuchsanordnung sind soziale Praxen - und diese erfordern es, dass wir uns ihnen mit adäquaten Methoden nähern. Auch naturwissenschaftliche Experimente und Ergebnisse erweisen sich im Laufe der Zeit als fehlerbehaftet, weil jemand die Versuchsanordnung infrage gestellt oder zu neuen Erkenntnissen gelangt ist.

Dabei wird deutlich, dass auch andere wissenschaftliche Disziplinen und Felder bisweilen ideologisch getönt sein können. Darauf kritisch zu schauen und im Rahmen wissenschaftlicher Methoden zu korrigieren, ist wiederum ein wichtiges Verdienst der Gender Studies. Ohne diese wüssten wir heute zum Beispiel viel weniger über die Leistungen von Wissenschaftlerinnen, und darüber, wie sie systematisch übersehen, diskriminiert und vergessen wurden. Wir wüssten auch weniger darüber, wie Karrieren in der Wissenschaft nach wie vor von impliziten Vorurteilen gegenüber Frauen oder bestimmten Männlichkeiten geprägt sind. Oder darüber, wie bestimmte Geschlechter-Stereotype wissenschaftliche Inhalte mit prägen, das heißt, wie Vorurteile auch in der Wissenschaft wirken.

Das Interview führte Andrej Reisin, NDR

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