Transparente mit der Aufschrift ''Sleeping is not a crime'' und ''Bühne frei für Isomatten'' | Bildquelle: dpa

G20-Gipfel Aus Falschmeldung wird Schlafplatz

Stand: 06.07.2017 07:17 Uhr

Erfundene Informationen verbreiten sich rasend schnell im Netz - und manchmal auch auf der Straße. Das kann zu skurrilen Situationen führen. Wie jetzt in Hamburg, wo das Schauspielhaus plötzlich zum Hotel wurde.

Kristin Becker | Bildquelle: Kristin Becker Logo SWR
Kristin Becker, SWR

Von Kristin Becker, SWR, und Melanie Bender, WDR

Mit dem Übernachten ist das in Hamburg derzeit so eine Sache. Wegen des G20-Gipfels sind viele Hotels ausgebucht oder sehr teuer. Und um die Zeltcamps der G20-Gegner tobt seit Tagen ein Dauerstreit. Bisher hat die Polizei verhindert, dass dort übernachtet werden darf.

Zeit also, alternative Schlafmöglichkeiten auszuloten - das dachte sich möglicherweise Dienstagabend der Betreiber eines G20-kritischen Twitteraccounts. 19:41 Uhr schrieb er auf dem Kurznachrichtendienst, dass im Hamburger Schauspielhaus 1500 Schlafplätze zur Verfügung stünden, vorausgesetzt Übernachtungswillige würden sich sofort dort hinbegeben. Die Meldung wurde vielfach weiterverbreitet.

Tweet zur Besetzung des Schauspielhauses wegen G20

Screenshot des Tweets

"Sichere Quelle"

Zu diesem Zeitpunkt war eine Reporterin des Neuen Deutschland bei G20-Protesten im Hamburger Stadtteil Altona unterwegs. Dort traf sie auf den ihr bekannten Twitternutzer, wie sie gegenüber dem ARD faktenfinder erklärte. Auf ihre Nachfrage, ob die Meldung über das Schauspielhaus tatsächlich stimme, bejahte dieser - er habe die Information aus "sicherer Quelle".

Über den Twitteraccount der Zeitung schrieb die Reporterin daraufhin: "Das Schauspielhaus Hamburg wurde besetzt. Aktivisten: 1.500 Schlafplätze frei." Der Tweet wurde mindestens hundertmal geteilt.

Das Schauspielhaus dementiert - zunächst

Etwa eine Stunde nach dem Ursprungstweet reagierte das Schauspielhaus. Mehrfach betonten die Verantwortlichen auf Twitter: "Das ist eine Falschmeldung" und dementierten Schlafplätze anzubieten.

Trotzdem kamen gegen 21 Uhr Demonstranten zum Schauspielhaus, die dort übernachten wollten. Von der Polizei wurden sie zunächst daran gehindert, ins Gebäude zu gelangen. In der Zwischenzeit war auch der Kaufmännische Geschäftsführer des Theaters vor Ort und entschied, den Demonstranten die Übernachtung zu ermöglichen - als "Akt der Nächstenliebe". Das habe man auch während der Flüchtlingskrise getan.

Die Polizei stellte sich allerdings gegen die Öffnung des Gebäudes, erst nach Verhandlungen zwischen Theaterleitung und Ordnungskräften durften die Demonstranten dann doch ins Schauspielhaus.

Falsch und wahr?

Auf Twitter war die Verwirrung damit perfekt. Denn aus der Falschmeldung waren am Ende tatsächlich Schlafplätze geworden. Mit Genehmigung des Theaters und ohne Besetzung. Statt 1500 übernachteten etwa 100 Menschen im Durchgang zum Malersaal des Schauspielhaus, die am nächsten Morgen das Gebäude wieder verließen.

Das Schauspielhaus in Hamburg | Bildquelle: picture alliance / Markus Scholz

Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg

Wie es in den nächsten Tagen weitergeht, hat das Schauspielhaus noch nicht entschieden, sagte eine Sprecherin dem ARD-faktenfinder. Eine konkrete Einladung habe man zu keinem Zeitpunkt ausgesprochen. Man sei aber "grundsätzlich offen" gegenüber solchen Anfragen und rechne durchaus damit, dass wieder Demonstranten um Einlass bitten könnten.

Der Tweet, der die Schlafplätze im Schauspielhaus erfunden hatte, wurde inzwischen gelöscht. Auf eine Anfrage des ARD-faktenfinders reagierte der Betreiber des Twitteraccounts bisher nicht.

Darstellung: