Schülerdemo ''Fridays for Future'' in Berlin | Bildquelle: AFP

Fakes gegen "Fridays for Future" Aggressives Klima im Netz

Stand: 26.04.2019 08:46 Uhr

Heute demonstrieren wieder junge Menschen unter dem Motto "Fridays for Future". Im Netz sollen die Proteste mit manipulierten Bildern und Behauptungen über eine zentrale Steuerung diskreditiert werden.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Seit Wochen diskutieren viele Menschen über die Schulstreiks für mehr Klimaschutz. Oft geht es dabei um die Frage, wie eine so große Bewegung in so kurzer Zeit entstehen konnte. Einige vermuten eine zentrale Steuerung. "Tichys Einblick" berichtet beispielsweise, "die Idee zu weltweiten Schülerstreiks mit Klimaaktionen stammt vom Global Youth Summit 2015, organisiert von der Plant-for-the-Planet Foundation, an die 'Fridays for future' angebunden ist." Wer also bei "Fridays for future" mitmache oder dafür spende, mache bei dieser Stiftung mit.

Vorbild: Proteste nach Parkland-Massaker

Dass sie die Idee der Streiks übernommen hat, erklärt die Schwedin Greta Thunberg allerdings immer wieder selbst. Vorbild seien die Proteste für schärfere Waffengesetze gewesen, so Thunberg. Unter dem Motto "Marsch für unser Leben" hatten 2018 vor allem junge Leute in den USA gegen Schulmassaker protestiert.

Anfang Februar veröffentlichte Thunberg einen Facebook-Eintrag zu verschiedenen Gerüchten über ihre Person und betonte, sie kooperiere mit verschiedenen Organisationen, aber sei nicht Teil davon.

Spendenkonto bei Stiftung

Doch warum hat die Stiftung "Plant-for-the-Planet" das Spendenkonto der Protestbewegung in Deutschland eingerichtet, wie jetzt kritisiert wird? Aktivist Jakob Blasel sagt dazu bei "Spiegel Online":

Die Kollegen von "Plant for the Planet" haben für uns bei ihrer Bank ein Unterkonto für die Spenden eingerichtet. Aber auf das Geld auf diesem Konto greift "Plant for the Planet" nicht zu. Wir erstatten denen nicht einmal ihre Bankgebühren. Alles Geld, was Menschen an "Fridays for Future" spenden, kommt auch "Fridays for Future" zugute. Und wir zahlen Geld nur gegen ordnungsgemäße Abrechnung aus.

Auf der Seite von "Fridays for Future" heißt es, man habe "bisher Bastelmaterialien, Lautsprechermieten, Flyer oder diese Website eher chaotisch finanziert. Dabei haben einige auch ihr Taschengeld benutzt." Bis März sei kein Geld von dem Konto ausgezahlt worden, mittlerweile liege "ein Budgetplan vor, der sich darauf fokussiert, kleine Ortsgruppen dabei zu unterstützen". Außerdem würden Rücklagen für eventuelle zukünftige Kosten gebildet.

"Tichys Einblick" berichtet zudem, es gebe "neue Ungereimtheiten", so sei die Wortmarke "Fridays for Future" beim Markenamt angemeldet worden. Dies bestätigte Carla Reemtsma von "Fridays for Future" auf Anfrage des ARD-faktenfinder. Damit solle verhindert werden, dass Dritte den Namen nutzen, um Geld damit zu verdienen, beispielsweise durch bedruckte T-Shirts, oder einfach Spendenkonten im Namen von "Fridays for Future" eröffnen.

Bis Dezember kaum Berichterstattung

Im Netz wird zudem oft behauptet, "Fridays for Future" sei durch eine Medienkampagne groß gemacht worden. Eine Analyse der Berichterstattung zeigt, dass in Deutschland als erstes die "taz" Ende August über Thunbergs Streik in Schweden berichtet hatte. Danach folgten zunächst keine Meldungen in größeren Medien.

Anfang Dezember veröffentlichte die "Süddeutsche Zeitung" ein Interview mit Thunberg, als sie auf dem Weg zur UN-Klimakonferenz in Polen unterwegs war. Auch tagesschau.de berichtete zu diesem Zeitpunkt erstmals über Thunberg.

Keine große Reichweite auf Social Media

Suchbegriffe wie "Greta Thunberg", "School strike for climate" oder "Fridays for Future" tauchten zwar ab August 2018 auf, allerdings noch sehr selten, wie eine Auswertung zeigt.

Auffällige Konten bei Twitter oder Facebook, die massenhaft Hashtags wie #fridaysforfuture oder #schoolstrikeforclimate posten, sind nicht bekannt. Thunberg twitterte beispielsweise am 8. September 2018 über ihren Schulstreik - und erreichte damit bislang 242 Retweets, also keine besonders große Reichweite.

Rede bei UN-Konferenz bringt Durchbruch

Thunbergs Rede beim UN-Klimagipfel im Dezember sorgte schließlich für enormes Aufsehen: Auf YouTube sind Dutzende Mitschnitte zu finden, die hunderttausendfach abgerufen wurden. Die Analyse der Presseberichte und Suchanfragen zeigt, dass Thunbergs Bekanntheit nach dieser Rede schlagartig wuchs.

Mitte März erreichten die Proteste ihren bisherigen Höhepunkt: In mehreren Staaten gingen hunderttausende junge Leute auf die Straßen - und Politiker aus Skandinavien schlugen vor, Thunberg für den Nobelpreis zu nominieren.

Ziel von Fake News

Die Popularität von Thunberg und der Zulauf der Bewegung brachte auch negative Begleiterscheinungen: Im Netz wird versucht, die Proteste durch Fakes zu diskreditieren: So kursierten bereits mehrfach Bilder, die zeigen sollten, dass die Aktivisten nach ihren Streiks massenhaft Müll einfach liegengelassen hätten.

Tatsächlich wurden Fotos aus dem Kontext gerissen, eine Aufnahme stammt beispielweise vom August 2016 und zeigt die Aufräumarbeiten nach der Street-Parade in Zürich.

AfD verbreitet manipuliertes Bild

Ein AfD-Kreisverband verbreitete zudem ein manipuliertes Foto: Auf den Original stand auf Plakaten von Aktivisten: "Schulstreik für das Klima" und "It's our future". Auf der gefälschten Version wurde daraus: "Strom und Benzin sind nicht teuer genug - Rettet die Eisbeeren" und "Schafft die Autos ab, geht doch zu Fuss".

Unter dem Bild war noch zu lesen: "Diese Kinder kann man nicht mehr retten... Endgültig verblödet!" Auch der Berliner AfD-Politiker Ronald Gläser postete ein ähnliches Fake-Foto, berichtet die "Märkische Allgemeine Zeitung".

Keine Belege für zentrale Steuerung

Fake News und Gerüchte über eine Steuerung gibt es reichlich, für eine zentrale Koordination liegen aber keine Belege vor. Die vermeintlichen Indizien auf rechten Blogs sprechen vielmehr für eine dezentrale Organisation, die nach und nach wächst: Aktivisten koordinieren sich in WhatsApp- und Telegram-Gruppen, treffen sich in Jugendzentren und geben diese als Kontaktadressen an - oder eine Stiftung richtet ein Konto ein, da keine eigene Organisation existiert. Carla Reemtsma erklärt, auf lokaler Ebene gebe es Unterstützung beispielsweise durch Greenpeace, die Ortsgruppen als Treffpunkt einen Raum zur Verfügung stellen würden.

Die Bewegung wird mitgetragen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die bereits in Parteien oder Verbänden aktiv sind - beispielsweise bei der Grünen Jugend. Außerdem wird die Bewegung durch andere Organisationen unterstützt: So bietet der BUND eine Anleitung an, wie junge Leute eine Ortsgruppe gründen können. "Fridays for Future" ist also ein Label, unter dem Jugendliche und Akteure aus der Umweltschutz-Bewegung agieren. Dass es keine zentrale Steuerung gibt, zeigt sich auch daran, dass die Bewegung international nicht einheitlich agiert. Vielmehr tauchen in verschiedenen Ländern verschiedene Schwerpunkte und unterschiedliche Namen auf.

"Spontan, authentisch und aus eigener Kraft"

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht die Stärke der Bewegung in Deutschland genau darin, dass sie bisher eine Vereinnahmung durch Parteien oder Organisationen nicht zugelassen habe.

Er halte es für vollkommen schlüssig, dass diese Bewegung spontan, authentisch und aus eigener Kraft entstanden sei. Die Mentalität und Kompetenzen der Akteure spreche dafür, zudem passe das Phänomen zu Untersuchungen, die seit Jahren ein wachsendes politisches Interesse bei jungen Leute feststellten - sowie die Bereitschaft, sich selbst zu artikulieren und auch aktiv zu werden.

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